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Island-Wanderfahrt 1996

Nach fast einjähriger Vorbereitung
fand im Juli die 1. Island-Wanderfahrt statt, zu der sich sieben Ruderinnen
und Ruderer aus sieben Vereinen zusammenfanden. Von unserem VL erhielten
wir alle unser Amt, was wir mehr oder weniger ausüben konnten:
| VL: | Gerd Plaumann, Hellas-Titania |
| Dolmetscherin: | Barbara Gunnlaugsdottir, Märk. RV |
| Taschengeldwartin: | Helene Pätzold, RV Verden |
| Getränkewart: | Frank Scherbarth, RG Grünau |
| Zeltwart: | Knut Moldenhauer, RV "Mark" Wetter/Ruhr |
| Fotowartin: | Angelika Jahrens, RC Köln 71 |
| Dokumentation: | Gertraud Friesecke, RV Uelzen |
Das Rudern sollte nur ein kleiner Bestandteil
dieser Reise sein, da die Meeresbuchten, die hier im hohen Norden als Revier
dienen, natürlich sehr windanfällig sind. Dafür konnten
wir eine Menge erwandern.
Reykjavik: Nach 2 ruderlosen, leicht windigen
Stadtbummel-Tagen war es am 09. Juli endlich soweit. Strahlender Sonnenschein
und der erste Tag im Klubhaus "Brokey". Wir wurden von Herrn Leone Tinganelli
begrüßt, der durch eine wundersame Metamorphose seit dem September
vergangenen Jahres um 35 kg (!) leichter geworden und daher zunächst
nicht wiederzuerkennen war. Es war einiges an den Uralt-Seegig-Vierern
(Herkunftsland: Dänemark) getan worden. Neue Rollbahnen und Inneneinbauten
in einem der beiden Boote ließen uns hoffen. Bootsbauer Schröder
aus Hamburg hatte in einem FISA-Projekt nicht nur für Rennboote gesorgt.
Unsere mitgebrachten Riemendollen, die für viel Rätselraten bei
der Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen gesorgt hatten, waren auch überflüssig.
Nach Leones Meinung war das Boot im großen und ganzen dicht, bis
auf kleinere Stellen, die wir mittels geringer Mengen Silikon, die er uns
in einer Pumpspritze als wichtiges Zubehör überreichte, flicken
sollten. Als wir das Boot zu Wasser ließen, staunten wir nicht schlecht
über die Sturzbäche, die sich durch die Planken ins Bootsinnere
ergossen.
Die einzige Lösung mußte lauten:
Generalabdichtung von außen! Behende drückte Knut innerhalb
einer Stunde zweieinhalb Kartuschen braunes Silikon auf die Planken. Mit
einem Gummihandschuh strich Gerd die "Nutellarollen" glatt. Dabei wurden
wir u. a. von einer radelnden Damengruppe und einem Eisbader (Wassertemperatur
um 10 Grad) aufmerksam beobachtet. Nach kurzer Trockenzeit konnten wir
das Ergebnis unserer Arbeit endlich in Augenschein nehmen: Das Boot war
nun wirklich dicht und es konnte losgerudert werden! Allerdings waren wir
mit 7 Personen nun doch zu viele für unseren "Oldtimer". Die Lösung
bestand darin, daß Scherbi (Frank Scherbarth) und Gerd mit einem
Stämpfli-Doppelzweier in die noch nicht schäumende See stachen.
Alle legten wir zu dieser Ozeanfahrt pflichtgemäß Schwimmwesten
an.
Bei einem herrlichen Panorama über
die Silhouette Reykjaviks ging es zunächst Richtung offene See, d.
h. bis zur wirklich letzten Boje, wo uns im Rennzweier schon eine anständige
Welle umspülte, jedoch nahmen wir kaum etwas über. Die Seegig
hatte natürlich keinerlei Probleme. Hier konnte so richtig die Sonne
genossen und jede Menge Fotos vom parallel vorpreschenden Zweier geschossen
werden.
Nach insgesamt 10 km erreichten wir Bessastadir,
die Residenz der Präsidentin. Aus einem deutschen Reisebus, der dort
soeben eingetroffenen war, entstieg eine Dame, die uns mit einem vertrauten
"Wat macht Ihr denn hier?" begrüßte. Sie gab sich als Ruderin
vom Post SV Berlin zu erkennen und glaubte sogar, schon mit Scherbi gerudert
zu sein, was letzteren jedoch überraschte.
Die inzwischen eingetretene Ebbe zwang
uns nach kurzem Landgang zum Aufbruch, wir befanden uns nämlich voll
im Watt. 2 km vor unserer Heimatbucht, dem Fossvogur, waren Scherbi und
ich schon guter Dinge, da wir den Wellen im Rennboot bisher gut getrotzt
hatten, getreu dem Motto: "Wenn das Friedo Niebuhr wüßte!" Friedo
aus Hamburg ist einer der Prüfer für den legendären "Langtursstyrmandskurs"
des Dänischen Ruderverbands. Nach Passieren des Kopavogurs bekamen
wir einen mächtigen Wellengang vom nun kräftig blasenden Westwind.
In Minutenschnelle war das Boot gefüllt, und Scherbi hatte genug zu
tun, den Badewannenstöpsel, der im Luftkasten steckte, festzuhalten.
Währenddessen ruderte ich im Wasser
rollend den Zweier nach Hause. Die Mannschaft der parallel fahrenden Seegig
hatte so ein wunderbares Fotomotiv. Am Verein angekommen, konnten wir den
Luftkästen noch jede Menge Wasser entlocken.
Die ersten 15 km waren mit Glück
und Geschick geschafft und wir blickten voller Optimismus den nächsten
Tagen entgegen. Scherbi besorgte Seekarten, die uns genau die Wassertiefen
der Fjorde in der Umgebung zeigten, denn wir hatten eine 40 km-Fahrt in
den Hvalfjörour (Walfjord) geplant. Leider schlug das Wetter am nächsten
Tag um, so daß uns Wind und Regen zu einer Ruderpause zwangen. Der
Tag wurde u. a. zu einer Fahrt in die "Blaue Lagune" genutzt. In diesem
Teich befindet sich stark mineralhaltiges, tiefblaues Kraftwerksabwasser
von dem geothermischen Kraftwerk Svartsengi.
Am Abend verhieß der Wetterbericht,
der in Island übrigens im Vergleich zu Deutschland recht zuverlässig
ist, nichts Gutes, nämlich für die Westküste weiter nur
Wind und Regen. Deshalb beschlossen wir, zur Sonne aufzubrechen, die in
Island um diese Jahreszeit meist im Norden zu finden ist. Im übrigen
wurde uns von Leone dort ein Boot (Rennvierer!) in Aussicht gestellt. Am
Morgen bestiegen wir den Bus zu unserem nächsten Ziel.
Akureyi: Die wunderschön am Fuße
des Eyjafjords gelegene Stadt ist die zweitgrößte Islands und
nur 70 km vom Polarkreis entfernt. Wir hatten schon am Abend deutlich höhere
Temperaturen. Erwartungsfroh bauten wir unsere Zelte auf. Nachts wurde
es nun fast gar nicht mehr dunkel.
Unser Ansprechpartner Gunnar konnte uns
am nächsten Tag leider nicht empfangen.- Der Wind war für eine
Ausfahrt ohnehin zu stark, so daß wir uns bei herrlichem Sonnenschein
zu unserer ersten Wanderung auf den Hausberg Akureyri "Sulur" aufmachten.
Wir drei Männer beschlossen nach dem Abstieg gleich nach dem Boot
Ausschau zu halten. Das Boot lagerte nicht in einem Bootshaus, das es in
Akureyri nur für Kanus gibt, sondern in einer Abstellhalle des örtlichen
Viehschlachthofs. Nach kurzer Suche entdeckten wir das Objekt unserer Begierde,
den Riemen-Rennvierer, auf Brettern sauber gelagert und ohne Ausleger.
Am nächsten Morgen konnte uns der
Schlachthofdirektor die Halle aufschließen. Barbara griff gleich
in einen umherstehenden Sack mit Schafwollresten, um der Staubschicht auf
dem Boot zu Leibe zu rücken. Gunnar war inzwischen eingetroffen und
zeigte uns den Container, in dem das Bootszubehör untergebracht war.
Wir trugen das Boot zunächst 300 m weit und begannen unter den erstaunten
Blicken der Bevölkerung ("Da steht ein Pferd auf'm Flur" oder so ähnlich)
mit dem Aufriggern. Wie kommt ein Rennvierer nach Akureyri, wo es doch
keinen Ruderverein gibt? Es handelt sich um ein Geschenk der FISA (Bootsbau
Berlin, Herr Klaus Filter) an die kleine Ruderschar in Island.
Womöglich wäre ein anständiges
Gigboot in einer Gegend, wo niemand das Sportrudern erlernt hat und Wassertemperaturen
deutlich unter 10 Grad herrschen, sinnvoller gewesen. Wir bestaunten die
nagelneuen Riemen und den guten Zustand des gebrauchten Bootes. Welch ein
Wunder, es war vorher ja auch nur einmal kurz zu Wasser gelassen worden.
Allerdings war das Steuer auf dem Weg nach Island abgebrochen und verlorengegangen.
Wir behalfen uns mit einem Stück Plastik-Autospoiler, das in der Gegend
herumlag. Helene und unsere Fahrtschreiberin Gertraud ("Traudchen") beschlossen,
unsere Ausfahrt von Land aus zu dokumentieren. Nach einem ungewöhnlichen
Ablegemanöver von einer Steinböschung aus und durch ein echtes
"Nadelöhr" zogen wir kräftig an. Nach 200 m ging erst einmal
das Steuer fliegen, so daß Angelika, die im Bug lag, uns durch Zurufe
steuern mußte. Zunächst wollten wir den Fjord einmal ganz bis
zum Ende ausfahren, wobei wir bei ablaufendem Wasser beinahe auf eine Sandbank
aufgelaufen wären. Natürlich ist hier keine Fahrrinne ausgetonnt.
Nach einem Abstecher unter der Brücke der Island-Ringstraße
hindurch fuhren wir bei schwachem östlichen Wind unter Land ein gutes
Stück von ca. 7 km in Richtung Norden bis Sigluvik. Hier überquerten
wir den Fjord (ca. 500 m), wobei der Wind schon leicht auffrischte.
Die Rückfahrt wurde durch die lockere
Dolle auf Scherbis Platz ein wenig spannend, aber den richtigen "Krebs"
gönnte er sich und uns nicht. Kurz vor dem Bootshaus des "Nökkvi"-Kanu-
und Segelclubs konnte uns noch ein Reporter des Morgenblatts auf den Film
bannen. Dazu schrieb er noch einen kurzen Bericht über die "Probefahrt
eines Bootes". Am Ende der Fahrt stiegen wir mangels Steg im eisig kalten
Wasser aus. Das Boot lagerten wir hinter dem kleinen Bootshaus auf 2 Böcken.
Dabei war uns schon etwas mulmig bei der Gewißheit, daß nach
unserem Abzug hier niemand in der Lage ist, den Vierer zurück zum
Schlachthof zu rudern und bei einem starken Wind das Boot evtl. von den
Böcken fällt uns so schon nach einer Fahrt zerstört werden
würde. Wir stärkten uns nach unserer 16 km langen Ausfahrt mit
einem Imbiß in der nahegelegenen Tankstelle.
Resümee: Es läßt sich in
Island trefflich rudern, man muß nur die richtige Mannschaft beisammen
haben. Es wäre ernsthaft zu überlegen, ob man nicht mal ein B-Boot
mitbringt, um auch die Seen zu erkunden.
Gerd Plaumann
(Anmerkung der Redaktion: Gerd's interessanter
Original-Bericht war doppelt so lang!. Aus redaktionellen Gründen
haben wir Barbara Gunnlaugsdottir gebeten, ihn zu kürzen. Es ist ihr
u. E. gut gelungen.)
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