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100 Jahre > Rudern und Politik
Eine Studie von Ralf Schäfer.
Inhalt

Vorwort zur Studie von Ralf Schäfer von Prof. Dr. Wolfgang Benz0
Das Jubiläum des Märkischen Rudervereins
bietet den Anlass, die engere Vereinsgeschichte in
den größeren Zusammenhang der Politik und
Entwicklung des Breitensports vom Kaiserreich bis
zum NS-Staat einzuordnen. Persönlichkeit und
Werk des Gründers bieten die Gelegenheit zu einer
solchen Betrachtung; Ralf Schäfer, ein junger
Historiker, der an der Technischen Universität Berlin
mit einer sportpolitischen Arbeit promoviert, beschreibt in der folgenden Studie den
politischen und gesellschaftlichen Rahmen, aber auch
den Zeitgeist von den Gründerjahren über den
Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis zur
nationalsozialistischen Machtübernahme als
Hintergrund der Ausbreitung des Rudergedankens und der Geschichte des Märkischen Rudervereins.
Damit zeichnet Schäfer, in kritischer Objektivität
und auf authentische Quellen gestützt, ein
facettenreiches Bild der Entwicklung des Ruderns als
Breitensport, an dem der Märkische Ruderverein
beträchtlichen Anteil hat.
Im Vereinsleben spiegeln sich die
gesellschaftlichen Strömungen und politischen
Entwicklungen der Zeit; jenseits von Satzung und
Verbandsstatuten, die den Breitensport Wanderrudern
- und als natürliche Voraussetzungen dazu
unausgesprochene Werte wie Kameradschaft und
Gemeinschaftsgeist, Naturverbundenheit und, das war
lange Zeit auch selbstverständlich, die Liebe
zum Vaterland - als Zweck und Absicht definieren,
ist ein Vereinsleben ohne politische Emotion und Anteilnahme an den Zeitläufen schwer
denkbar. Auch der Vereinsgründer war ebenso Kind
seiner Zeit wie die Ruderinnen und Ruderer, die seit
den Gründertagen des Vereins Anteil hatten am
politischen Leben als Untertanen des Kaiserreichs,
als Bürger der Weimarer Republik, als
Volksgenossen im Dritten Reich, als Menschen unter
Besatzungsherrschaft, als Demokraten in der Bundesrepublik.
Hundert Jahre Vereinsgeschichte - das sind
mehr als drei Generationen menschlichen Strebens, wohl auch gelegentlichen Irrens, das sind
Erfolge und gemeinsam erbrachte Leistungen. Der
Rückblick auf die Anfänge, auf Traditionsbildungen,
auf Prägungen durch politische Ereignisse, auf
nationale Hoffnungen und Leidenschaften, die sich in
der Gestalt des Gründers und Mentors fokussieren,
die aber auch Teil der Biographie eines jeden
Vereinsmitglieds sind, ist ein wichtiger Beitrag zur
Standortbestimmung und Selbstvergewisserung. Kritische Betrachtung der Vergangenheit
schmälert Verdienste nicht, und Zeitgebundenheit ist
ein Wesensmerkmal allen menschlichen Tuns, das
gilt für den Sport nicht weniger als für jeden
anderen gesellschaftlichen Bereich.
Wolfgang Benz
0) Prof. Dr. Wolfgang Benz ist Historiker und lehrt an der Technischen Universität Berlin.

Einführung
Beim Lesen dieser Überschrift mag sich bei
dem einen oder der anderen schon ein leises Unbehagen eingeschlichen haben: Was hat denn das
Rudern mit Politik zu tun? Und was, bitte, hat
denn mein Verein, der Märkische Ruderverein, mit
Politik zu schaffen? Den meisten Sportlerinnen und Sportlern erscheint, denken sie über ihren
Sport und ihren Verein nach, ihr eigenes Erlebnis der
körperlichen Betätigung, das dabei empfundene
Vergnügen, das Verhältnis zu den anderen
Vereinsmitgliedern und die sich daraus ergebenden
geselligen Ereignisse viel wichtiger zu sein als
irgendwelche politischen Inhalte, zumal parteipolitischer Art.
Ja gewiss, es gibt so etwas wie Verbandspolitik,
werden die daran Interessierten anmerken, aber das
ist doch nur eine Angelegenheit für die
Spitzenfunktionäre und betrifft obendrein heutzutage
nur Politikfelder, die unproblematisch zu sein
scheinen: Der organisierte Sport leistet seine
Beiträge zur Gesellschaft der Bundesrepublik, in
der Gesundheitspolitik, in der Jugendpolitik und
auch in der Integrationspolitik, indem er Menschen
die Möglichkeiten zu gesunder, geselliger und
somit sinnvoller Freizeitgestaltung bietet. Auf der
Ebene der Vereine ist das alltägliche Praxis und
scheint keiner weiteren Erwähnung wert. Das
eigene Erleben ist aus der Sicht des Sportlers das
Entscheidende.
Historiker hingegen haben eine andere
Perspektive auf das Geschehen in den Vereinen. Sie
begreifen Vereine als freiwillige Zusammenschlüsse
von Menschen mit gemeinsamen Interessen, als
selbst organisierte, kleine Ausschnitte aus der
Gesamtgesellschaft. Sie vermuten, dass sich die Praxis der
Gesamtgesellschaft in dem kleinen Ausschnitt
des Vereins widerspiegelt und erhoffen sich so von
der Untersuchung der Geschehnisse in den Vereinen und Verbänden - soweit sie überliefert und
nachvollziehbar sind - die Möglichkeit,
Rückschlüsse auf das allgemeine Klima in einer Gesellschaft
zu ziehen. Historiker interessieren sich also in
erster Linie für das, was am Vereinsleben
repräsentativ für die Gesamtgesellschaft ist. Die
Betrachtung längst vergangener Geschehnisse im Verein
bietet so die Möglichkeit zum Einblick in die
historische Praxis zurückliegender Zeiten. Hier nun soll
im Folgenden der Versuch gemacht werden, anhand der Lektüre der vom Gründer des Märkischen
Rudervereins, Richard Nordhausen, herausgegebenen Zeitschrift des Vereins, dem
Märkischen Ruderboten" (MRb), das politische Klima zu
rekonstruieren, das in den ersten Jahrzehnten
innerhalb des Vereins, aber auch innerhalb der
deutschen Gesellschaft insgesamt geherrscht hat.
Nordhausen nämlich hat, wie noch zu zeigen
sein wird, zwischen seinem Sport, dem
Wanderrudern, und der Politik keine eindeutige Trennlinie
gezogen, sondern hatte sich sogar eine sehr
politische Auffassung vom Rudersport zu Eigen gemacht.
Bis heute gilt der Gründer und langjährige
Vereinsvorsitzende des Märkischen Rudervereins (MR)
als idealistischer Liebhaber des Wanderruderns,
der teilweise unter großzügigem Einsatz seines
eigenen Vermögens Pionierarbeit bei der Etablierung
dieses Sports geleistet hat. Tatsächlich hatte
Nordhausen im Jahr 1901 die Gründung des MR aus
eigener Initiative eingeleitet und den Verein in der
Folge mit seinem eigenen Vermögen unterstützt. Der
MR wurde schnell zu einem der größten
Wassersportvereine Berlins. Obwohl der MR bis 1913 den
Spitzenverbänden des Wassersports in Berlin
fernblieb, trug er stark zur Verbreitung des
Wanderruderns in Berlin bei. Aus seinen Reihen
heraus gingen zahlreiche weitere Vereinsgründungen
hervor, was anfänglich zu einer
beträchtlichen Mitgliederfluktuation im Verein führte. Dazu
mag auch die überragende Stellung Nordhausens
innerhalb des Vereins beigetragen haben, der klare
Vorstellungen davon hatte, welche Ziele das
Vereinsleben verfolgen sollte und wie es auszusehen
hatte. Nordhausen mahnte bei den Mitgliedern des MR eine fast militärisch zu nennende Disziplin
an, die nicht jedermanns Sache zu sein schien.
Aber auch die Vereinsgründungen durch
ausgetretene Mitglieder konnte Nordhausen als Erfolge
begreifen, denn er war sehr an der Ausbreitung des
Wassersports interessiert, aus Gründen, die es
später noch genauer zu betrachten gilt. Nordhausen
wollte das Wanderrudern auch ärmeren Schichten
zugänglich machen und sorgte schon früh
dafür, auch Frauen und Jugendlichen das
Wanderrudern zu ermöglichen. Das geschah im MR dadurch,
dass dem Verein zwei eigene Zweigvereine angegliedert wurden, die mit den germanischen
Namen Jung Frithjof" und Frigga" benannt wurden.
Etwa 30 Jahre hindurch stand Nordhausen an der
Spitze des Vereins, legte dann, unzufrieden mit
den neuen politischen Umständen, 1934 seine
Ämter im Verein und im Verband nieder und zog sich
ins Privatleben zurück. Trotzdem erschien im
gleichgeschalteten Wassersport", dem offiziellen
Organ des Deutschen Ruderverbands, zu seinem 70.
Geburtstag eine Würdigung Richard
Nordhausens. Lobend wurde erwähnt, dass er im
politischen Tageskampfe so manche Attacke für den
nationalen Gedanken geritten" habe, was ihm eine
besonders herausgehobene Stellung in der
Geschichte des Ruderverbands verschaffte.
Richard Nordhausen ein Siebziger
... denn um Politik kümmerte man sich früher in
Ruderkreisen recht wenig. Schon seine 1890
erschienene Schrift: Bismarck-Hetze" ließ den mutigen Kämpfer
für vaterländische Ideale erkennen. ... Mit seinen
Schriften Zwischen vierzehn und achtzehn" und besonders
mit seiner Streitschrift Die rote Tinktur" war er ein
trefflicher Vorbereiter für nationalsozialistisches
Gedankengut.
WS 56, 1938, S. 106
Was verbirgt sich hinter dieser
ausgesprochenen Wertschätzung Nordhausens durch ein
NS-Sportorgan? Wie genau hat denn das politische
Wirken Nordhausens in Ruderkreisen" vor seinem
Rückzug 1934 ausgesehen? Diese Fragen sollen im
Folgenden untersucht werden.
Wo es nötig erscheint, wird dazu neben dem
Märkischen Ruderboten", der in den
Zwanzigerjahren nicht mehr regelmäßig erschien, noch die
Zeitschrift Wassersport" (WS), ab 1883 das
Verbandsorgan verschiedener Wassersportverbände,
herangezogen. Auch werden relevante politische Zusammenhänge ausführlich erläutert werden.
Die Darstellung soll aber möglichst quellennah
erfolgen, Richard Nordhausen wird ausführlich zu
Wort kommen. Zunächst einmal müssen wir aber
noch einen Blick auf die Anfänge des Rudersports
in Deutschland bis 1890 werfen, um die Grundlagen der Entwicklung zu beschreiben. Der zweite
Abschnitt wird sich mit der Zeit von 1890 bis 1914 beschäftigen, der dritte mit der von 1914 bis
1918. Darauf folgt eine Betrachtung der Jahre 1919
bis 1933; der letzte Teil ist der Zeit des
NS-Regimes gewidmet. Wir werden sehen, dass
Nordhausen sein Wirken auch als politische Tätigkeit
verstand, dass der Rudersport im Allgemeinen wie auch
der Märkische Ruderverein im Besonderen nicht
in einem politikfreien Raum existiert haben.

Die Zeit bis 1890: Unpolitische Anfänge
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich
der aus England stammende Rudersport in Deutschland zu verbreiten. Zunächst war das eine
Sache der, wie wir es heute ausdrücken würden,
Besserverdienenden, denn vor Ausübung des
Rudersports sind einige Ausgaben zu tätigen, für
Boote, Unterstellmöglichkeiten usw.. Die meisten der
Pioniere des Rudersports hatten ihn bei
Aufenthalten in Großbritannien kennen gelernt oder er war
ihnen von Briten, die in Deutschland lebten, nahe gebracht
worden.1 So wird im Wassersport"
berichtet, dass sich Wilhelm I. während eines
Kuraufenthalts in Bad Ems einem zufällig
daherfahrenden englischen Wanderruderer mit freundlichem
Interesse genähert habe, was zu einer gewissen
gesellschaftlichen Aufwertung des bis dahin recht
exotischen, aus England importierten Sports
geführt habe.
Tatsächlich waren die Kontakte zwischen
Großbritannien und Deutschland recht ausgeprägt,
wenn auch etwas einseitig: Aufgrund des britischen
Vorsprungs im Industrialisierungsprozess
absolvierten Mitte des 19. Jahrhunderts viele deutsche
Ingenieure und Angehörige technischer Berufe
ihre Ausbildung in Großbritannien; Deutschland
hatte bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts
hinein kein vergleichbares Ausbildungswesen zu
bieten. Da aber auch in Deutschland nach der
Reichsgründung 1871 ein rasanter Industrialisierungsschub
einsetzte, bestand zusätzlich in der
aufstrebenden deutschen Wirtschaft zunächst ein großer
Bedarf an Fachleuten aus Großbritannien. Britische
Ingenieure übernahmen auch wichtige Funktionen
in den nunmehr sehr schnell wachsenden deutschen Großstädten. War das Verhältnis der
beiden Handelsnationen, der alten britischen und der
aufstrebenden deutschen, auch von wirtschaftlicher Konkurrenz geprägt, so gab es doch in
englischen und deutschen Städten ein Mit- und
Nebeneinander von britischen und deutschen Kollegen, die
ein gemeinsames Interesse an dem durch die Briten nach Deutschland importierten Rudersport
entwickelten.
Der wirtschaftliche Aufschwung
Deutschlands brachte zudem eine Ausweitung des
deutsch-britischen Handels mit sich; deutsche Firmen
gründeten Niederlassungen in Großbritannien,
britische in Deutschland. So trat zu den
sportbegeisterten Angehörigen der technischen Berufe auch bald
die neu entstehende Gruppe der Angestellten hinzu, die ebenfalls beruflich mit Briten zu tun hatte.
In diesem Milieu war der Rudersport in Deutschland zunächst beheimatet, für Arbeiter war dieser
Sport zu teuer.
Halten wir zum Schluss also fest: Der
Rudersport war in seinen Anfängen eine Angelegenheit
der wohlhabenden Mittelschichten; es war eine aus England importierte Sportart; und es gab
viele deutsche Vereine, in denen Engländer
Mitglieder waren, ja, die oft genug sogar von Engländern
gegründet worden waren (in anderen Sportarten
verhielt es sich ähnlich).2
1) Vgl. die Schilderung der Gründung des ersten Rudervereins
in Deutschland, des Der Hamburger Ruderclub", der noch
heute als Der Hamburger und Germania Ruder-Club" existiert,
in Wassersport 54, 1936, S. 557-561.
2) Dazu ausführlich Christiane Eisenberg, English Sports"
und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte
1800-1939, Paderborn, München, Wien, Zürich 2000, S. 145-214.

1890 - 1918: Wilhelminische Moderne
Mit der Proklamation seines Neuen Kurses"
leitete der noch junge Kaiser Wilhelm II. 1890
eine neue Phase der deutschen Politik ein. Dem Aufstieg Deutschlands in die Gruppe der vier
führenden Wirtschaftsmächte der Welt neben
Großbritannien, den USA und Frankreich sollte der
Ausbau der machtpolitischen Stellung folgen.
Um Deutschlands Weltgeltung", so lautete eine
damals häufig benutzte Formel, kreisten die Gedanken
der Reichsleitung künftig. Reichskanzler Bülow
benannte das Ziel etwas freundlicher, indem er von einem Wunsch nach einem Platz an der
Sonne" für Deutschland sprach - womit Kolonien
gemeint waren, in Afrika, Asien, in der Südsee. Zum
wirtschaftlichen Konkurrenzverhältnis mit England
trat nun noch ein politisches, denn
Großbritannien war die mit Abstand größte Kolonialmacht. Mit
seinem machtpolitischen Ehrgeiz, der im Bau einer gegen Großbritannien gerichteten Flotte
gipfelte, machte sich Deutschland Großbritannien
zum Gegner. Deutschlands Zukunft liegt auf dem
Wasser", so lautete die vom Kaiser ausgegebene
Parole, die sich in weiten Kreisen großer Popularität
erfreute, die sich z.B. in der Verbreitung des
Matrosenanzugs als Kinderbekleidung manifestierte.
Die Begeisterung blieb allerdings nicht auf so
harmlose Ausprägungen beschränkt: Mit der Gründung
des Deutschen Flottenvereins" entstand um die
Jahrhundertwende ein politischer Agitationsverein
des Bürgertums, der ähnlich wie der etwas später
gegründete Deutsche Wehrverein" und auch
der Alldeutsche Verein" von der kaiserlichen
Regierung eine über deren Programm
hinausgehende verstärkte Aufrüstung und eine verstärkte
expansive Politik verlangte.3
War die Innenpolitik des Neuen Kurses" so
einerseits von einem steigenden Nationalismus und
Militarismus, der schließlich in eine
ausgesprochene Kriegsbereitschaft mündete, geprägt, so war
sie andererseits gekennzeichnet durch eine wachsende Furcht vor der immer stärker werdenden
Arbeiterbewegung in Form der Sozialdemokratie, von der man die Umwälzung der politischen
Verhältnisse im Kaiserreich befürchtete. Trotz des
wirtschaftlichen Aufschwungs herrschte zudem im Bürgertum das Gefühl einer allgemeinen Krise
vor, da die durch die Industrialisierung zu Beginn
des 20. Jahrhunderts eingetretenen
Veränderungen des Alltagslebens, der Gesellschaftsstrukturen
und das rapide Anwachsen der Städte und die
damit verbundenen sozialen Probleme wie Wanderbewegungen und Großstadtarmut eine
tiefgreifende Beunruhigung hervorriefen. Besondere
Sorge bereitete der Reichsleitung um die
Jahrhundertwende die Jugendarbeit der
Sozialdemokraten, deren Partei gerade bei den jungen Wählern
immer mehr Erfolge hatte. So zeigten der Kaiser
und die Regierungen erstmals ein deutliches
Interesse an einer einheitlichen staatlichen Bildungs-
und Jugendpolitik, die die heranwachsende Generation zur Anpassung an die herrschenden
Normen bringen sollte. Hauptsächliches Augenmerk
wurde dabei auf das Alter zwischen vierzehn und
achtzehn gelegt, das aus staatlicher Perspektive besondere Gefahren barg, vor allem für die
Volksschüler, die immerhin mehr als 90% der Jugendlichen
ausmachten. Im staatlichen Erziehungssystem tat
sich hier die Lücke zwischen Volksschule und
Kaserne" auf, in der die Jugend besonders der
ärmeren Schichten sich der Sozialdemokratie, die als
umstürzlerisch und staatsfeindlich begriffen
wurde, zuwenden oder ohne staatliche
Erziehungsaufsicht auch angeblichen moralischen Gefährdungen
des Großstadtlebens erliegen könnte.
Tatsächlich begann innerhalb der SPD nach der Jahrhundertwende auch ein kleiner Teil der
Parteiangehörigen eine allerdings nicht sehr
systematische Jugendarbeit zu betreiben, die aber
weniger in parteipolitischen Schulungen bestand,
sondern ihr Schwergewicht mehr auf Bildungsarbeit
und sinnvolle Freizeitangebote legte und so weit
weniger politisch war, als ihre Anbindung an die
SPD vermuten ließ. Trotzdem reagierte der
preußische Staat mit Behinderungen, ja sogar mit
Polizeischikanen bis hin zur Gewaltanwendung auf
die SPD-nahen Jugendorganisationen, die bald als politisch" verboten wurden. Übrigens wurde
auch die bürgerliche Jugendbewegung, die zumeist
generalisierend unter der Bezeichnung
Wandervögel" firmiert, von staatlicher Seite aus mit
Misstrauen beäugt, schien sie sich doch der
staatlichen Kontrolle entziehen zu wollen. Wie noch zu
zeigen sein wird, dachte die staatliche Jugendpolitik
(Jugendpflege", so der zeitgenössische Ausdruck)
daran, die Jugend durch eine halbstaatliche
Jugendorganisation, in der auch die Turn- und
Sportvereine eine wichtige Rolle spielen sollten, unter
staatliche Aufsicht zu bringen. Doch selbst dem
bürgerlichen Vereinswesen standen die
Reichsregierungen misstrauisch gegenüber, da sie überall, auch
im Bürgertum, Opposition witterte. In den
meisten Punkten jedoch waren die bürgerlichen
Schichten mit der Politik der Reichsleitung einverstanden,
so dass die Reichsleitung keine Opposition von ihnen
zu erwarten hatte - und das sollte sich auch im
Vereinsleben des Märkischen Rudervereins
zeigen, der ein Verein genau der bürgerlichen
Mittelschichten war. Zudem hatte er in der Person
seines Gründers und langjährigen Vorsitzenden
Richard Nordhausen einen Mann an seiner Spitze, der
seinen politischen Überzeugungen, die denen
der Reichsleitung sehr nahe standen, ja sie in ihrer
Radikalität eher noch übertrafen, beredten
Ausdruck verleihen konnte. Betrachten wir den Verein
nur einmal näher.
Die Mitgliederstruktur des MR entspricht
genau dem oben geschilderten Muster. Wie aus dem Ruderboten" hervorgeht, traten vor 1914 in
der Hauptsache Ingenieure, Architekten,
Angehörige technischer Berufe, Studierende
technischer Fächer, Kleinunternehmer und -händler,
Angestellte aus Banken, Industrie und Handel, mittlere
Beamte sowie vereinzelte Ausübende freier
Berufe, Offiziere, Rittergutsbesitzer und sogar zwei
Abgeordnete des Reichstags in den MR ein; Handwerker waren kaum, Arbeiter überhaupt nicht
vertreten.4 Diesen Kreisen schmeichelte es sehr, dass
der Kaiser wie schon vorher sein Vater und sein
Großvater immer wieder besonderes Interesse am
Wassersport zeigte. Bei Wilhelm II., der als
Erwachsener selbst außer exzessivem Jagen keinen
Sport mehr trieb, standen dabei
Nützlichkeitserwägungen im Vordergrund. Er fürchtete nämlich
- wie übrigens sehr viele seiner Zeitgenossen -
die verderblichen Einflüsse des Großstadtlebens"
auf die Jugend: Mangelnde Aufsicht der
Jugendlichen durch Schule und Eltern, Alkohol, Verfall der
Sitten, politische Radikalisierung durch
steigenden Einfluss der Sozialdemokratie und nicht zuletzt
die gesundheitsschädlichen Wohn- und Arbeitsverhältnisse in den Großstädten führten angeblich
zur Verwahrlosung der Jugend und gefährdeten so
die Zukunft des Deutschen Reiches. Der Kaiser versprach sich nun von der Arbeit der Schulen
und schließlich auch der Sportvereine die
Erziehung der Jugend zu gesunden, disziplinierten,
wehrtüchtigen und politisch zuverlässigen
Staatsbürgern. Die Schule sollte seinen Worten nach
das Gefecht gegen die Sozialdemokratie
übernehmen", hatte er bereits 1890 vor der
großen Reichsschulkonferenz gefordert und darauf
hingearbeitet, mit Hilfe einer Schulreform ein
wehrhaftes Geschlecht" heranzuziehen:
Bedenken Sie, was uns für ein Nachwuchs für
die Landesverteidigung erwächst. Ich suche nach
Soldaten, wir wollen eine kräftige Generation haben, die auch
als geistige Führer und Beamte dem Vaterlande dienen.
Wilhelm II. am 4. Dezember 1890
vor der Reichsschulkonferenz5
Dass Wilhelm II., der persönlich stark am
Aufbau einer starken Flotte interessiert war, sein
besonderes Augenmerk auf den Wassersport richtete,
verstand sich gewissermaßen von selbst. Die
Regierungen wurden bereits vor der
Jahrhundertwende angewiesen, das Schülerrudern an den
Schulen finanziell zu unterstützen, und das zu einer Zeit,
in der der Staat ansonsten nur einen verschwindend geringen Bruchteil seiner Ausgaben für
soziale Zwecke ausgab - der weitaus größte Anteil
der Mittel wurde für Marine und Heer verwendet.
Bereits in der ersten Ausgabe des Märkischen Ruderboten vom 6. März 1903 findet sich ein
Bericht über eine Sitzung des Preußischen
Abgeordnetenhauses, in dem Fragen des Schülerruderns
verhandelt wurden, das die Mehrheit der
Abgeordneten noch für gesundheitsschädlich hielt, da
es die jungen Körper überbeanspruche - eine
Auffassung, die Richard Nordhausen in
verschiedenen Artikeln immer wieder zurückwies; im
Gegenteil, er hielt den Sport für absolut notwendig, weil
er wie der Kaiser der Auffassung war, das Leben in
der Großstadt wäre für die Gesundheit äußerst
gefährlich. Wie dramatisch er die gesundheitliche
Situation der Stadtbewohner beurteilte und wie hoch
er den Wert des Sports veranschlagte, geht aus
einem Aufsatz hervor, den er 1908 als Herausgeber
des MRb veröffentlichen ließ. Nordhausen sah
angesichts des ungesunden Lebenswandels, den die moderne Industriegesellschaft und die
moderne Großstadt angeblich mit sich brächten, gar die
Bevölkerung der Städte als vom Aussterben
bedroht an:
Sport ist wahrhaftig zehnmal mehr als ein Vergnügen;
er ist, zumal für die Städter und für alle
Schreibtischarbeiter, eine ernste Pflicht zur Selbsterhaltung
geworden. Jede Mußestunde sollen wir moderne
Menschen dazu benutzen, mit seiner Hilfe Siechtum und Tod
zu vermeiden. Nur Bewegung ist Leben; ohne
Bewegung müssen wir verkümmern, verlernen die wichtigsten
Organe unseres Körpers die Erfüllung ihrer Aufgaben.
Unaufhörlich klingt uns heute der Vorwurf ins Ohr, daß
die Kultur von heute ihren eigenen Untergang erzwingt,
daß die überhastete, ruhelose Erwerbstätigkeit, die tolle
Jagd nach dem Geld und die einseitige Ausbildung
geistiger Fähigkeiten uns zu körperlich widerstandslosen
Gehirnkrüppeln macht. Ohne Zuzug vom Lande - der hat
doch aber schließlich doch auch seine Grenzen -
wüchse bald Gras in den Straßen der großen Städte; kaum
eine Berliner Familie, die nicht nach hundert Jahren
ausgestorben ist! Die Natur hat uns Menschen nicht für
Kontore und Bureaus geschaffen, und sie rächt es
unbarmherzig, daß wir, anstatt unter Gottes freiem Himmel
zu atmen, zwanzig und mehr Stunden des Tages in
verdorbener, giftiger Stubenluft verbringen.
MRb 6, Nr. 60, 30. April 1908, S. 932
Diese Gedankengänge sind typisch für die
Verunsicherung, die die schnelle Industrialisierung,
deren Tempo im weltweiten Aufschwung nach 1896 noch einmal dramatisch angewachsen war, im
Bürgertum hervorgerufen hatte. Nordhausen
sprach mit seinen Wendungen von überhasteter,
ruheloser Erwerbstätigkeit" und der tollen Jagd
nach dem Geld" die von ihm als negativ begriffenen
Seiten des Fortschritts an. Das ist aber nicht als Kapitalismuskritik linker Provenienz zu lesen,
sondern gibt eine im Bürgertum weit verbreitete
Position zu den neuen Gesellschaftsverhältnissen
wieder, die den Materialismus" der neuen Zeit
aufs Korn nahm, hing doch die gesellschaftliche
Reputation nunmehr in verstärktem Maße von der
Menge des besessenen Geldes ab, alte Leitbilder
wurden zurückgedrängt. Zudem hatte die
Gesellschaft sich binnen einer Generation an völlig neue
Anforderungen der Wirtschaft und des
Arbeitsmarktes anzupassen.
Die Ansprüche an die theoretische Ausbildung
der einzelnen Berufe waren gestiegen, die
Arbeitszeiten waren extrem lang - bis nach der
Jahrhundertwende wurde in den meisten Betrieben sogar
an Sonntagen gearbeitet, zumeist vier Stunden! Von der englischen Woche" (dieser Ausdruck ist
heute nur noch Fußballanhängern geläufig, allerdings
mit verändertem Sinngehalt), also der
Arbeitswoche mit weekend" ab Samstag Nachmittag, war
man noch weit entfernt, was natürlich auch die
Aktivitäten der Sportvereine stark behinderte.
Tatsächlich hatte der Autor bei seinen Ausführungen nur
das Bürgertum im Auge, genauer gesagt die
Büroarbeiter", die nun eben auch in Schule und
Ausbildung viel Zeit auf den Erwerb theoretischer
Kenntnisse erwerben mussten, während der
Turnunterricht an den höheren und mittleren Schulen
stark vernachlässigt wurde und an den Universitäten
zumeist gänzlich fehlte. Das meint
Nordhausen, wenn er davon spricht, die Ausbildung
einseitiger geistiger Fähigkeiten" habe nur körperlich
widerstandslose Gehirnkrüppel" hervorgebracht.
Wenn heute auch niemand mehr den gesundheitlichen Wert des Sports in Frage stellt, erscheint die
Angst vor dem Aussterben der Städte auf Grund eines
allgemeinen Bewegungsmangels doch als etwas grotesk, zumal heute auch niemand mehr den
Wert einer soliden, auch theoretisch fundierten
Berufsausbildung ernsthaft bezweifeln dürfte. Im
Übrigen vergisst der Autor die Lage der Arbeiter, die
den größten Teil der Bewohner der Großstädte stellte
- was sie anbetrifft, so dürfte von einseitiger
geistiger Ausbildung", von Bewegungsmangel, oder
gar toller Jagd nach dem Geld" wohl keine Rede
sein. Sie arbeiteten auch nicht in Kontoren
und Bureaus", wohl aber oft genug in der wirklich
verdorbenen, giftgen Luft" der Fabrikhallen.
Die Annahme, dass das moderne Leben die
Menschen schädigen würde, erregte noch
grundsätzlichere Ängste. Denn, so lernten
Generationen von Schülern und Studenten damals - und
so stand es auch im MRb zu lesen - das Leben
ist Kampf", ja sogar ein einziger Kampf ums Dasein":
Das Leben aller Organismen ist Kampf! Kampf gegen
die nähere Umgebung, gegen die gesamte Außenwelt,
gegen die Natur. Wir wissen heute, daß dieser Kampf
ums Dasein einen der Hauptfaktoren in der Lebensentwicklung darstellt. ...
MRb 6, Nr. 61, 31. Mai 1908, S. 952
Der Sport erschien Nordhausen als ideales
Heilmittel gegen die Schäden moderner
Zivilisation". Er verwies auf das Beispiel einer anderen
aufstrebenden Industrienation, die seiner Meinung
nach das Potential des Sports schon länger
erkannt hatte:
Amerika liefert uns ein Beispiel, wie die Pflege des
Sports als wichtigster Faktor zur Stärkung des Individuums
im Kampf ums Dasein gewürdigt wird. Die Ausübung
des Sports im weitesten Umfang ist zu einer Lebensfrage der
Völker geworden, durch ihn müssen wir kräftige
und arbeitsfrohe Männer, körperlich und geistig
gesunde Mütter erziehen. In diesen liegt die Zukunft, nicht in
der künstlichen Brütung und Aufpäppelung von
schwächlichen, schon im Keim zu frühem Tod bestimmten
und zum ernsten Daseinskampf nie befähigten und
darum minderwertigen Geschöpfen.
MRb 6, Nr. 61, 31. Mai 1908, S. 954
Diese Auffassung, die eine grundsätzliche
Verachtung des Schwachen und Hilfsbedürftigen
anklingen lässt, war eine übersteigerte Reaktion auf
den gestiegenen Konkurrenzdruck der Industriegesellschaft, die durch eine verzerrende
Interpretation der Theorien von Charles Darwin ihre
wissenschaftlichen Weihen erhielt und scheinbar
durch die politischen und sozialen Konflikte der
damaligen Zeit bestätigt wurde. Die Gesellschaft des
wilhelminischen Reichs hatte viel Angst: Davor,
dass Deutschland wirtschaftlich untergehen
könnte; davor, dass die Jugend entarten" könnte;
davor, dass das deutsche Volk verweichlichen,
degenerieren oder gar aussterben könnte; davor, dass es
im Innern einen Umsturz durch die
unterprivilegierte Arbeiterschaft geben könnte; davor, dass
von außen eventuelle Feinde über Deutschland
herfallen könnten. Nach der Jahrhundertwende
setzte sich so langsam der Gedanke durch, dass die
Konflikte unweigerlich irgendwann gewaltsam ausgetragen würden, und wie in der Natur" würde
nur der Stärkere übrig bleiben. Für einen solchen
immer währenden und allumfassenden Kampf musste man natürlich gerüstet sein; der Sport
wurde so als körperliche Ertüchtigung betrachtet.
Man hielt ihn aber auch für eine Art
Charakterschule", für eine Gelegenheit, bei der man
Leistungsbereitschaft, Selbstbeherrschung und Mut lernen
kann. So sei für den Sport, so stand es im MRb,
mit Recht das Wort am Platze, daß man ... fürs
Leben lernt. Mußte früher der Mensch sein Leben jederzeit
mit der Waffe zu verteidigen bereit sein, sei es im Kampfe
gegen das von ihm angegriffene Tier oder gegen
den Nebenmenschen, so ist Leben und Persönlichkeit
des Kulturmenschen durch Gesetzgebung, Polizei und
Gesundheitspflege behütet. Das Überwinden der
Gefahr aber bietet einen Reiz, den der Tüchtige nicht
vermissen mag; das beglückende Gefühl des Sieges wird nur
durch den Kampf mit Gefahren erworben. ... Müssen wir
im Kampfe mit der Gefahr ein wichtiges Erziehungsmittel
zu Mut und Willensstärke erblicken, so muß im Sport
ein Heilmittel gegen die Schädigung erkannt werden,
die darin liegt, daß der zivilisierte Staat seine Untertanen
am Gängelband leitet und mit tausend Paragraphen
die Gefahren und damit den Kampf gegen sie eliminiert.
MRb 6, Nr. 61, 31. Mai 1908, S. 953
Hier wird also der Sport als Ersatz für den
Kampf mit Waffen gedeutet, der sportliche
Wettkampf wird mit dem Überwinden der Gefahr"
gleichgesetzt, die etwa steinzeitliche Jäger im Kampf
gegen das von ihnen angegriffene Tier"
bestehen mussten oder gar gegen ihre Mitmenschen
kämpfend. Sogar die wohl kaum bestreitbaren
Seiten des Fortschritts, die Rechtstaatlichkeit oder die
verbesserte Medizin, die größere
Lebenssicherheit, werden als problematisch begriffen, weil sie
das Leben ungefährlich machen und so die
Menschen verweichlichen würden. Vor diesem
gedanklichen Hintergrund erscheint es nicht mehr so
überraschend, das große Teile des Bürgertums den
Kriegsbeginn 1914 als große Bewährungsprobe
verstanden. Richard Nordhausen selbst drückte
seine Wertschätzung des Sport so aus:
Was soll uns der Sport sein? Ein nationaler
Jungbrunnen, der die körperlichen und seelischen Eigenschaften
der Rasse verbessert und sie wehrfähig erhält, im
rasenden wirtschaftlichen Kampfe sowohl wie, wenn' s sein
muß, zum Widerstande gegen äußere Feinde. Daneben ist
es die Aufgabe des Sports, Glanz und Lebensfreude in
das Dasein von Hunderttausenden zu bringen, die jetzt
der Industrialismus gefesselt hält, ihre Sonntage mit Licht
zu übergießen und ihnen die Überzeugung beizubringen,
daß männliche Tugenden trotz alledem Bedeutung
und Wert haben.
Richard Nordhausen
im MRb 6, Nr. 79 25. Oktober 1908, S. 1207
Das, was heute vermutlich den meisten
Angehörigen des Märkischen Rudervereins am
wichtigsten sein wird, nämlich eine angenehme
Freizeitgestaltung, Lebensfreude und Lebensgenuss,
bezeichnet Nordhausen in diesem Text als Nebensache. Er
will mit dem Wanderrudern männliche
Tugenden" produzieren - und das heißt im Kaiserreich
Soldaten, Kolonialpioniere, Seefahrer etc. Dass es
ihm ernst damit war, lässt sich an zahlreichen Texten
im MRb zeigen:
So glaubt er bei einer vereinsinternen Abschiedsfeier für einrückende Rekruten 1905
mit Stolz sagen (zu) dürfen, daß die Ruderarbeit und
die Vereinsdisziplin den neugebackenen Marsjüngern
ihre Aufgabe erleichtern werden.
Richard Nordhausen
im MRb 3, Nr. 30, 20. Oktober 1905, S. 450
Als ein Vereinsmitglied, Hans Berthold, am
Kolonialkrieg gegen die Herero im heutigen Namibia
teilnahm, wurde das in mehreren Artikeln im MRb gefeiert. Über den Untergang eines
deutschen Kriegsschiffs in einem Taifun verfasste
Nordhausen ein Gedicht, in dem er sich vorstellte, wie
die Mannschaft in den letzten Sekunden ihres
Lebens im Orkan noch ein Kaiserhoch ausbringt und
dann stirbt:
Und da ... überbrausend der Wasser Schrei,
Aus der Springflut kochendem Geiser,
Aus dem rasenden Sturm ringt der Ruf sich frei:
Hurra der Kaiser, der Kaiser!
Und der Abgrund schließt sich ...
MRb 1, Nr. 6, 24. Juli 1903, S. 71
Ob die Matrosen kurz vor dem Ertrinken
tatsächlich noch Hurra" gerufen haben, darf getrost
bezweifelt werden. Nordhausen bringt wohl eher eine nach dem Untergang des Schiffes in
Umlauf gesetzte patriotische Legende in Versform.
Nordhausen bewegte sich damit ganz in den
üblichen bürgerlichen Formen des Patriotismus, zu
dessen Bestandteilen etwa auch eine weitgehend
unkritische Verehrung Bismarcks gehörte. So
schenkte Nordhausen dem MR für sein Bootshaus
anlässlich einer Bismarckgedenkfeier 1904 ein
Ölgemälde mit einem Portrait des Altreichskanzlers, den
er, wie wir bereits aus seiner Würdigung erfahren
haben, besonders verehrte. Nach Bismarcks Entlassung durch Wilhelm II. 1890 hatte
Nordhausen den in Ungnade gefallenen Politiker in einer
eigenen Streitschrift in Schutz genommen, worunter seine Verehrung des Kaisers allerdings nicht litt.
So sorgte er dafür, dass sich der MR an der
Kaiserhuldigungsfahrt", einer vom Deutschen
Ruderverband organisierten Vorbeifahrt von
Rudervereinen aus ganz Deutschland am Kaiser in Grünau
aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen
Regierungsjubiläums am 8. Juni 1913, beteiligte.
Auch die sich in den letzten Jahren vor dem
Ersten Weltkrieg sich häufenden historischen
Jubiläen fanden Nordhausens Beachtung. 1909 warb er
für die Abhaltung einer deutschen Jubelfeier ...
aus Anlass der neunzehnhundert-jährigen
Wiederkehr der Tage der Hermannsschlacht", die den
kriegerischen Heldenmut der zu direkten Vorfahren
der Deutschen ernannten Germanen zelebrieren sollte, die unter dem Befehl von Hermann, so
der deutsche Name, bzw. Arminius, wie die lateinischen Quellen ihn nennen, die Römer, als
sie frech geworden" geschlagen hatten, angeblich
im Teutoburger Wald. Am Ende des betreffenden Artikels im MRb wurde ein Gedicht von Felix
Dahn (Ein Kampf um Rom") abgedruckt, dessen
letzte Verse lauten:
Heil dem Helden Armin!
Auf den Schild hebet ihn,
Zeigt ihn den unsterblichen Ahnen:
Solche Führer wie der
Gib uns, Wodan, mehr -
Und die Welt, sie gehört den Germanen!
MRb 7, Nr. 75, 20. Juli 1909, S. 1167 - 1168
Nordhausen hatte also ein Schwäche für den
zu Beginn des Jahrhunderts um sich greifenden Kult der Germanen, die Dahn in seinem Gedicht als
zur Weltherrschaft berufen darstellt, wenn sie
denn nur den richtigen Führer hätten! Folgerichtig
beschäftigte er sich weiter mit diesen Gedanken
und sorgte für deren Verbreitung auch im Rahmen
des Vereinslebens. Daher fand am 6. März 1914
unter dem Titel Arische Urüberlieferungen" ein
Vortrag des unseren Mitgliedern wohl
bekannten deutschnationalen Schriftstellers Herr
Philipp Stauff" statt, der in seiner ungemein
fesselnden, kerndeutschen Art" erläutern wollte, wie viel
Erinnerungen an die Urväter unser heutiges
Alltagsleben noch birgt", gerade so, als hätte es
tatsächlich Gewohnheiten in der bürgerlichen
Gesellschaft des Kaiserreichs gegeben, die von den
Germanen herrührten. Diese Vorstellung war -
selbst am damaligen Kenntnistand der
Wissenschaften gemessen - absurd, aber der Vortragende sollte
ja ohnehin nicht gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse verbreiten, sein Vortrag diente
vielmehr der Absicht, noch mächtiger jedes deutsche
Herz (zu) erheben" (MRb 12, 1914, S. 1804). In
den Kriegsausgaben des MRb wurde in einer Rubrik unter dem Titel Was ein Germane ist" die
Figur des Germanen" dazu benutzt, um auf sie
ein übertrieben positives Selbstbild, patriotische
Ideale oder konkrete Handlungsanweisungen zu
projizieren:
Ein Germane ist, wer gleich der Eiche langsam
wächst, aber sich selber treu bleibt. ...
Ein Germane ist nicht, wer viele Worte über
Heldentum macht. - Ein Germane ist, wer immer
und überall Gelegenheit findet, ein Held zu sein. ....
Ein Germane ist nicht, wen äußere Dingen
verzagt machen können. - Ein Germane ist, wer
den höchsten Mut immer von sich selber verlangt. ...
Ein Germane ist nicht, wer um der Höflichkeit
willen lügt. - Ein Germane ist, wer den Freund
mit derselben Hand packt, die das Schwert führt. ...
Ein Germane ist nicht, wer Bequemlichkeit mehr
liebt als den Kampf. Ein Germane ist, der nur
das bewundert, was erkämpft ward. ...
Ein Germane ist nicht, wer der Abrechnung aus dem Wege geht. - Ein Germane ist, wer reine
Luft zum Atmen braucht. ...
Ein Germane ist nicht, wer knechtische Gesinnung
um sich duldet. - Ein Germane ist, wen
Fledermäuse fliehen und die Eulen hassen. ...
MRb 13, Nr. 144, 1. April 1915, S. 1999 - 2000
Die Figur des Germanen eignete sich vortrefflich dazu, ihr allerhand Eigenschaften und
Handlungsweisen zuzuschreiben, die aus der Sicht der
damaligen Gegenwart erwünscht waren, gerade
weil man - übrigens bis heute - nicht allzu viel
gesichertes Wissen über diejenigen Völker und
Stämme hat, die unter der Sammelbezeichnung
Germanen" zusammengefasst werden. In der
Idealisierung der Germanen spiegelten sich also die
Ideale der wilhelminischen Gegenwart, im letzten
Zitat unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs:
Ein Germane ist, wer immer und überall die
Gelegenheit findet, ein Held zu sein ...", wer nicht
von äußeren Dingen verzagt" ist, wer nicht
Bequemlichkeit mehr als den Kampf liebt", wer der
Abrechnung nicht aus dem Wege geht" - was
1916, vor dem Hintergrund des Krieges, gemeint
war, war nicht allzu schwer zu verstehen.
Neben diesen allgemeinen patriotischen
Inhalten umfasste das im Märkischen Ruderverein für
die Wintermonate gestaltete Vortragsprogramm immer wieder Vorträge
mit eindeutiger politischer Absicht. So wurde für den 9. Februar 1906 im
MRb folgende Veranstaltung angekündigt:
Deutsche Marine und deutsche Kolonien. Vortrag
mit Lichtbildern von Herrn Hauptmann Röper. Wir
bitten unsere Herren höflich, Bekannte und Gäste
einzuführen. Damen sind besonders willkommen. Nach
dem Vortrag findet ein Tänzchen statt.
MRb, 3, Nr. 33, 30. Januar 1906, S. 493
In geschickter Verbindung mit einem kleinen
gesellschaftlichen Anlass und etwas Amüsement
wurde also ein politischer Vortrag mit einer
eindeutigen Tendenz gehalten. Der Zeitpunkt dieses
Vortrags ist ein sehr auffälliger: Die
Vorgehensweise der deutschen Truppen gegen die die
deutsche Kolonialherrschaft bekämpfenden Herero,
von den deutschen Kolonialherren Hottentotten"
genannt, in Deutsch-Südwest" (1904-1907) war
in einer Art und Weise brutal, die in der
kritischen deutschen Öffentlichkeit große Entrüstung
hervorrief. Damals verloren ca. drei Viertel der
80.000 Herero ihr Leben, denn die Schutztruppe", so
die offizielle Bezeichnung für die deutsche
Kolonialarmee, bekämpfte unterschiedslos auch
Frauen und Kinder, indem sie die Herero schließlich in
die wasserlose Wüste Omaheke trieb und diese
abriegelte.6 Als die oppositionellen Fraktionen (SPD,
im Reichstag die Zustimmung zur
weiteren Finanzierung des Kolonialkrieges
verweigerten und stattdessen einen Skandal aufdeckten, in
den auch die Gattin eines Ministers verwickelt war,
deren Firma überteuerte Ausrüstungsgegenstände
an die Kolonialtruppen geliefert hatte, wurde das
Parlament 1906 aufgelöst. In den folgenden so
genannten Hottentottenwahlen" gewannen
die regierungstreuen Fraktionen (Konservative,
Links- und Nationalliberale) die Mehrheit, was in der
Folge zu einer beträchtlichen Verschärfung der
Innenpolitik seitens der neuen Mehrheit führte.
Nordhausen selbst stand den liberalen Parteien
nahe, befürwortete also die Linie der Regierung, für
die ja auch der Vortrag werben sollte. Hier wurde
also in eindeutiger Weise im Sinne der Regierung
ein tagespolitisches Thema zum Bestandteil des Vereinslebens gemacht. Diese Kritik an der
Opposition sollte kein Einzelfall bleiben:
So veranstaltete der MR Feiern zum Gedenken
des deutschen Sieges über die Franzosen bei
Sedan 1870, bei denen auch ein Vortrag über
das Deutschtum im Auslande" gehalten wurde,
der jedoch auf die innenpolitische Opposition
gegen die Politik der kaiserlichen Regierung zielte, die
als unpatriotisch denunziert werden sollte. Der
betreffende Redner
mit seiner scharfen Charakteristik des Deutschtums
im Auslande, das er mit einer gewissen Art von
Deutschtum im Inlande kontrastierte, warf in manches
junge Herz Flammen nationaler Begeisterung.
Der bereits genannte Hans Berthold kam
ebenfalls zu Wort:
Nicht minder packend waren Bertholds
Erinnerungen an den Krieg in Deutsch-Südwest, die keinen
Zweifel darauf aufkommen lassen, daß in deutschen
Seelen noch immer die alte Heldenkraft lebt.
MRb 9, Nr. 101, 22. September 1911, S. 1492
Die Themen der kriegerischen Erwerbung
von Kolonien und des Beweises kriegerischen Heldenmuts wurden auch
später nicht vergessen: Am
29. März 1912 schilderte der mittlerweile
beförderte Herr Leutnant Hans Berthold" seine
Erlebnisse Auf südwestafrikanischer Grenzwacht
im Kriege und im Frieden" sogar im Rahmen eines
nur ihm gewidmeten Vortragsabends des MR.
In den Jahren unmittelbar vor dem Krieg
wurden die Träume von einem wirkungsvollen
deutschen Imperialismus ganz ungeschminkt
ausgebreitet: Am 6. Dezember 1912 fand vor dem MR ein
Kinematographischer Vortrag" statt, also eine
Veranstaltung mit einer Filmvorführung, unter dem
Titel Hammer oder Amboß?" Deutschlands Stellung
in der Welt. - Deutschlands Zukunftsaussichten - Deutschlands Vorbereitungen." gehalten von
Hermann Müller-Brandenburg, dem
Geschäftsführer des Deutschen Wehrvereins". Im
ausführlichen Ankündigungstext wird er charakterisiert als
der Berufensten einer, über die wichtigste
nationale Angelegenheit, über deutsche Wünsche,
Hoffnungen und Befürchtungen zu sprechen. Jeder
national Gesinnte sei auf dem Plan!" - Kritiker
waren anscheinend nicht willkommen. Auch hier wird wieder ein brisantes tagespolitisches
Ereignis angefasst:
Nachdem Deutschland in der zweiten
Marokkokrise 1911 eine diplomatische Niederlage
durch Frankreich erlitten hatte, das mit englischer
Unterstützung deutsche Ansprüche in Marokko
zurückweisen konnte, begannen Teile des national
eingestellten Bürgertums zum ersten Mal damit,
die deutsche Regierung wegen ihrer erfolglosen Expansionspolitik zu kritisieren und forderten
eine verstärkte Aufrüstung Deutschlands. In den
Jahren 1912 und 1913 kam es so zu zwei
großen Heeresvermehrungen". Die massive
Aufrüstung stieß im Reichstag und in der deutschen
Öffentlichkeit ähnlich wie bereits die
Kolonialkriegführung auf heftige Kritik genauso wie auf vehemente Zustimmung; die Forderungen der
Nationalliberalen übertrafen sogar noch die
Absichten der Armeeführung. Ein eigener politischer
Verband, der Deutsche Wehrverein", dessen
Geschäftsführer der Vortragende war, hatte sich
- ähnlich wie der Flottenverein die Aufrüstung
der Marine - die Propagierung einer Aufrüstung
auch zu Lande zum Ziel gesetzt. Einer der damals
gängigen politischen Slogans stellte die Frage,
ob Deutschland Hammer oder Amboß" sein wollte
- es solle sich also entscheiden, ob es geschlagen werden wollte oder selbst zuschlagen möchte.
Der Glaube daran und das Wissen davon, das man internationale Konflikte auch mit friedlichen
Mitteln beilegen könnte, war in weiten Kreisen der
deutschen Öffentlichkeit verschüttet.
So wundert es auch nicht, dass die hundertjährige Wiederkehr der Befreiungskriege gegen
Napoleon I. im Jahr 1913 zu einer Kette
allgemeiner patriotischer Feierlichkeiten ausgestaltet
wurde, wobei das Verhalten der preußischen
Bevölkerung in den Kriegen von 1813 bis 1815 zu einem
Beispiel heldischer Pflichterfüllung stilisiert
wurde. Auch im MR fanden solche Veranstaltungen
statt, so zum Beispiel eine Erinnerungsfeier an
die Schlacht bei Leipzig (18. Oktober 1913)", über
die die Vereinszeitschrift berichtete:
Der Glanzpunkt des Abends war die Rede unseres
Vorsitzenden ... Herr Nordhausen beleuchtete den Gesinnungsgegensatz der Zeit von 1813 und
heute. Opferfreudigkeit, Mut zur großen Tat, freudige
Hingabe alles, auch des Letzten für das große nationale Ziel,
das waren die Zeichen von 1813. Besonders hob der Redner hervor, daß die erste Bewegung dem
Volke entsprang ...
Und er setzt fort:
In der großen Zeit hat jeder sein Liebstes gegeben,
wenn es das Vaterland forderte. In der heutigen Zeit kann
man nicht so unbedingt auf diese Gesinnung bauen. Bei
der Erfüllung großer nationaler Aufgaben stehen weite
Volkskreise beiseite. Die Rede schloß mit einem
herzlichen Apell an die Versammelten, jeder zu seinem
Teil dahin zu wirken, daß wir unseren Vätern vor 100
Jahren nicht nachstehen, wenn es gilt, für deutschen Ruhm
und deutsche Ehre einzutreten.
MRb 11, Nr. 127, 12. November 1913, S. 1776
Das war - mitten im Frieden vorgetragen - ein
offener Aufruf zur Kriegsbereitschaft, kaum missverständlich formuliert. Schon lange also bevor
die Reichsleitung im Juli und August 1914 erst
Serbien, dann Russland und Frankreich den Krieg
erklärte und zugleich die belgische Neutralität
verletzte, was den sofortigen Kriegseintritt Englands
bewirkte, waren die regierungsfreundlichen Teile
der deutschen Öffentlichkeit schon an die Aussicht
auf Krieg gewöhnt worden.
Dies spiegelt sich im Vortragsprogramm des
MR wider. So fand am 1. März 1912 eine Lesung
mit Texten verschiedener Schriftsteller unter dem
Motto Die Schlacht" statt, am 14. März 1913 ein
weiterer Rezitationsabend mit Texten der Dichter
der Befreiungskriege", vor allem von Arndt,
Körner, Rückert und Schenckendorf, um die Zuhörer,
wie die Einladung im MRb ankündigt, in die
gewaltigen Tage von 1813 zurückzuversetzen und
uns unmittelbar vom Born der gewaltigen Poesie
trinken zu lassen, die der großen Zeit entquillt."
Nur achtzehn Monate später, zu Beginn des
Ersten Weltkrieges, sollten einer weiteren großen
Zeit" ganze Ströme neuer Kriegslyrik entquellen, die
in ihrem Heroismus und Chauvinismus auf Dauer niemanden mehr über die grausamen
Realitäten des industrialisierten Massenkriegs
hinwegtäuschen konnten. Auch im MRb sollten nach
Kriegsbeginn zahlreiche solcher Kriegsgedichte
erscheinen (man schätzt ihre Gesamtzahl für
Deutschland auf mehr als eine Million!), und eine ganze
Reihe war von Nordhausen persönlich verfasst, der
sogar eigene Bücher mit seiner Kriegslyrik
veröffentlichte (eine Werbeanzeige für diese findet sich im MRb
13, 1915, S. 2001). Allein in der ersten
Kriegsausgabe des MRb sind sechzehn von
Nordhausens Gedichten abgedruckt, zahlreichere weitere
in den folgenden Ausgaben.
Auch zwei Bootstaufen im MR weisen auf das
Verständnis des Jahres 1813 als nationale
Erhebung zurück: Das eine Boot erhielt den Namen
Marschall Vorwärts", eine Reminiszenz an den
sprichwörtlich gewordenen General aus den
Befreiungskriegen, der 'ranging wie Blücher"; das
andere hieß ganz schlicht: Wer wagt, gewinnt" (MRb
11, 1913, S. 1821). So kann es auch nicht verwundern, das der MR am 18. Oktober 1913 eine
eigene Erinnerungsfeier an die Schlacht bei
Leipzig" abhielt, genau am hundertsten Jahrestag der
napoleonischen Niederlage in der so genannten
Völkerschlacht". Wieder wurde patriotische
Kundgebung mit den Annehmlichkeiten eines
gesellschaftlichen Anlasses verbunden:
Für die leiblichen Bedürfnisse wird
durch Schlachten eines fetten Schweins und andere Freundlichkeiten
gesorgt werden. Komme jeder Kamerad, und komme jeder möglichst pünktlich! Gäste sind sehr gerne gesehen!
MRb 11, Nr. 126, 15. Oktober 1913, S. 1757
Hervorhebung im Original
Der Reigen der patriotischen Feiern sollte vor
dem Ersten Weltkrieg nicht mehr abreißen. Am 30.
Januar 1914 etwa veranstalteten die dem Deutschen Ruderverband angeschlossenen Berliner
Rudervereine wie schon mehrere Male zuvor wieder
einen Kaiser-Kommers", der im Ersten
Krieger-Vereinshaus in der Chausseestraße 91" stattfand. Die
Einladung des MR-Vorstands an die Mitglieder des Vereins zu dieser Veranstaltung kam eher
einer Aufforderung gleich:
Die Mitglieder des Vereins werden allesamt
pünktlich zur Stelle sein. Ein deutschnationaler Verein, wie
der unserige, fehlt nie, wenn es gilt, dem Führer freier Männer und Wegebahner einer völkischen Zukunft zu huldigen.
MRb 11, Nr. 129, 7. Januar 1913, S. 1786
Diese Art der Einladung weist einen geradezu bedrohlichen Unterton auf; die Mitglieder des
MR werden nicht zur Teilnahme gebeten, sondern in trockenen Aussagesätzen in die Pflicht
genommen. Die politische Mobilisierung des Vorjahres
wurde weiter fortgesetzt, was auch die Epitheta
erklärt, die dem Kaiser in der Formulierung der
Einladung beigelegt wurden: Führer freier Männer"
und Wegbereiter einer völkischen Zukunft". An
die Idee, dass die völkische Zukunft" bald schon
Krieg bedeuten würde, hatte sich die nationalistisch
eingestellte Öffentlichkeit im Verlauf der Feiern
des Jahres 1913 bereits gewöhnen können -
langsam machte sich die bürgerliche Öffentlichkeit auf
die Aussicht eines scheinbar unausweichlichen
Krieges gefasst.
Der Kriegsvorbereitung widmete sich der MR
nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Tat,
und zwar in einer Weise, die heutige Betrachter
überraschen dürfte: Mit der Gründung einer
eigenen Jugendabteilung (Jung Frithjof"), die als
eigener Verein organisiert wurde. Dieser Jung
Frithjof"-Verein wurde dem Bund Jungdeutschland"
angeschlossen, einer in kaiserlichem Auftrag 1911 durch den pensionierten
Generalfeldmarschall von der Goltz gegründeten halbstaatlichen
Jugendorganisation.7 Die Gründung des
Jungdeutschlandbunds war die Antwort auf die bereits
oben geschilderte angebliche Gefährdung der
Jugend durch die Großstadt und den wachsenden
Einfluss der Sozialdemokratie und sollte andere Maßnahmen staatlicher Politik ergänzen. Diese
versuchte in einem selbst ausgerufenen Kampf um die
Jugend zwischen vierzehn und achtzehn" die Jugendlichen soweit möglich unter Aufsicht
staatlicher Institutionen zu stellen, um zu
verhindern, dass sie sich sozialdemokratischen
Jugendorganisationen anschlossen oder private Gruppen
bildeten. Große Teile der politischen Öffentlichkeit
und auch die Reichsleitung sahen seit der
Jahrhundertwende nämlich ein Problem darin, dass
besonders die Volksschüler" nach ihrer Entlassung mit
vierzehn bis zu ihrem Eintritt in die Armee mit
achtzehn jeglichem staatlichen Zugriff entzogen
waren. Deshalb wurde damals auch die staatliche Beschulung von Lehrlingen ins Leben gerufen,
die im Rahmen der so genannten Fortbildungsschule stattfinden sollte, aus der sich später die
Berufsschule entwickelte, die heute allerdings
keinen politischen Auftrag mehr trägt. An den
öffentlichen Auseinandersetzungen um die Jugend
zwischen vierzehn und achtzehn beteiligte sich auch
Richard Nordhausen, der wie viele andere Sportfunktionäre die Sportvereine als mögliche
Institutionen zur Erziehung der Jugend in
Übereinstimmung mit den Anforderungen der
staatlichen Jugendpolitik ins Gespräch brachte. Der
bürgerliche Sport stellte sich so in den direkten Dienst
der kaiserlichen Regierung. Darauf deutet der in
der eingangs zitierten Würdigung Nordhausens
von 1938 angeführte Titel Zwischen vierzehn
und achtzehn" hin. Die Nationalsozialisten sahen in
der staatlichen Jugendpolitik des Kaiserreichs
einen Vorläufer ihrer eigenen totalitären
Jugendpolitik; daher wird Nordhausens Beitrag lobend erwähnt.
Der Jungdeutschlandbund hatte es sich daneben explizit als weiteres Ziel gesetzt, die Jugend auf
den lange schon erwarteten Krieg zur Durchsetzung deutscher Weltmachtträume vorzubereiten.
Der Jungdeutschlandbund betrieb dieses Ziel mit
verschiedenen Mitteln: Mit gegen Sozialdemokratie und Pazifismus gerichteten
politischen Unterrichten, die bei den Jugendlichen allerdings nicht
allzu beliebt waren; mit direkter vormilitärischer
Ausbildung im Rahmen sogenannter Jugendwehren bzw. -kompanien, die allerdings auf die Kritik der
friedliebenden Öffentlichkeit stießen - und mit
allgemeiner körperlicher Ertüchtigung in
Zusammenarbeit mit den bereits bestehenden Turn- und
Sportvereinen. Auch der Ruderverband beteiligte
sich an der Zusammenarbeit mit dem Jungdeutschlandbund und Stellen des
Kriegsministeriums. Im Zuge dieser Neuorganisation der
sportlichen Jugendarbeit trat auch der MR in den
Deutschen Ruderverband ein, nachdem der Ruderverband wie auch der Jungdeutschlandbund
ausdrücklich die Nützlichkeit des Wanderruderns
anerkannt hatten. Während des Krieges wurde
dann 1915 ein eigener Jugendruderverband
gegründet, der von den Jugendlichen außer dem Rudern
folgende Anforderungen stellte:
1. Kenntnis der Reichswehrmacht;
2. Turnen;
3. Turnspiele;
4. Schwimmen;
5. Kartenlesen;
6. Marschübungen;
7. Ordnungsübungen;
8. Ausbildung im Sehen und Hören;
9. Entfernungsschätzen;
10. Geländekunde;
11. Kenntnisse vom Pionierhilfsdienst;
12. Erste Hilfe bei Unglücksfällen.
WS 33, 1915, S. 456-457
Das Jugendrudern wurde während des Krieges
also direkt zur vormilitärischen Ausbildung
herangezogen, bei der die künftigen Soldaten gezielt
Fähigkeiten schulen sollten, die in einem
späteren Kriegseinsatz von direktem Nutzen sein konnten.
Im MRb erschien 1913 ein Gedicht, dass
der Jugend vor Augen führen sollte, was nun von ihr
erwartet wurde. Das Gedicht, das in der
Aufforderung Wahr dich, Deutschland, und wehr
dich!" gipfelt und damit das Motto des Jungdeutschlandbunds, wonach die deutsche
Jugend wahrhaft und wehrhaft" werden sollte,
variiert, gibt den Jugendlichen auch den Ratschlag,
sich nicht in Gefühlen zu verlieren:
Deutsche Jugend, versink' nicht im Schwarm!
Deutsche Jugend, härte den Arm!
Schwing in der Faust dein Eisen gut,
Schaffe Dir Eisen in Hirn und Blut!
Sind wir so gerüstet zum Streit,
Komme dann Wetter! Du siehst uns bereit!
MRb 10, Nr. 115, 6. November 1912, S. 1648
Mit dem Sinngehalt der etwa grotesk
anmutenden Aufforderung, sich Eisen ins Hirn zu
schaffen", sich also mental auf einen kommenden Krieg
vorzubereiten, war Nordhausen durchaus einverstanden. Schon viel früher, 1903, hatte er als
verantwortlicher Redakteur des MRb in die Rubrik
Märkische Ruderlieder" ein programmatisches
Gedicht mit dem Titel Aufwärts" aufgenommen, das
den zukünftigen Siegesflug des Märkischen Adlers
beschreiben sollte:
Empor zum Lichte steige hinauf,
Du stolzer Adler der Marken!
In ungehemmten Siegeslauf
Dir machtvoll die Flügel erstarken.
Dein Wahlspruch Aufwärts, aufwärts die Bahn"
Den lichten Höhen entgegen,
Trotz Neid und Mißgunst allzeit voran
Auf neuen luftigen Wegen!
Es wächst mit höherem Ziel deine Macht,
Im Fluge wachsen die Schwingen,
Du hältst jetzt schon auf zwei Fronten Wacht
Und sollst noch Bessres erringen.
Wir sehen im Geiste dem Ziele dich nah
Und helfen treu, daß es werde;
Du Märkischer Adler, Hip, hip, hurrah!
Deine Fänge umspannen die Erde!
Albert Thümen im MRb 1, Nr.4, 29. Mai 1903, S. 44
Der märkische Adler steht in diesem Gedicht
für die Kernprovinz Preußens, das wiederum
selbst das Kernland des Deutschen Reichs bildet. Das
eigentlich regionale Symbol des märkischen
Adlers kann so als Symbol für das ganze Reich
aufgefasst werden. Das geht auch aus der
Gegenwartsanalyse hervor, die der Autor in der dritten Strophe
vornimmt: Der Adler hält auf zwei Fronten Wacht,
ist also von zwei Seiten bedroht, eben wie das
Deutsche Reich, dass zwischen den beiden
verbündeten Mächten Frankreich und Russland lag. Der
Vers ist als Hinweis auf die Gefahr eines
Zweifrontenkriegs zu lesen. Der Autor, anscheinend wenig
beeindruckt von dieser Aussicht, entwirft in der
letzten Strophe dann die Vision eines Sieges in
diesem Krieg, dessen Resultat es dann wäre, dass er
die ganze Welt in seinen Fängen hielte, als
Siegespreis, als Beute. Diese Metapher drückt eine vom
Dichter erwartete Zukunft aus: Die Weltherrschaft
des Märkischen Adlers", der als preußischer
Platzhalter des deutschen Adlers auftritt. Als der
Zweifrontenkrieg durch die deutschen Kriegserklärungen
an Russland und Frankreich 1914 Wirklichkeit
wurde, ging wenigstens ein Teil der Zukunftsvision in
Erfüllung; und der Krieg sollte den Märkischen
Ruderverein nicht gänzlich unvorbereitet treffen.
Die politische Orientierung Nordhausens und
seiner Gesinnungsgenossen spiegelte sich nicht nur
in programmatischen Äußerungen und
politischen Forderungen wider, sondern auch im Sprachgebrauch, dessen militärischer Einschlag sich nur
vor dem Hintergrund von Nordhausens Einstellungen erklären lässt:
Von den Vereinsmitgliedern wurde
Kameradschaft" verlangt, ein Begriff, der im Vereinsleben
als Synonym für sozialverträgliches Handeln und
Zusammenhalt verstanden werden kann; ein Begriff aber auch, der der militärischen Sphäre
entstammt. In verschiedenen Artikeln des MRb wird die Kameradschaft als sittliche Pflicht"
bezeichnet, die Manneszucht" erfordere. Personen
hingegen, die den Verein verließen und gar in
einen anderen Verein wechselten, wurden als
unsichere Elemente" und Überläufer" tituliert, als
Renegaten", so als ob sie einen Verrat begangen
hätten, werden als Zugvögel" verspottet oder gar mit
einem garstigen Kroppzeug" abqualifiziert:
Weiß er doch, daß in deutschen Landen kein Schimpf
so schwer ist wie der der Treulosigkeit, und daß tief
in der Achtung aller netten Leute fällt, wer damit
behaftet ist" (MRb 6, Nr. 60, 30 April 1908, S. 936).
Die langjährigen Mitglieder des Vereins
hingegen führten die ehrende Bezeichnung alte
Garde" gleich der bärenfellbemützten Kerntruppe des
napoleonischen Heeres. In einem anderen Artikel heißt es dann ausdrücklich, man wolle keine
neuen Mitglieder, sondern neue Kameraden (MRb 4, Nr. 42, 31. Oktober 1906, S. 663). Im Verein
wurde also das gleiche Vokabular benutzt, das in
der Gesellschaft auch der politischen und später
auch militärischen Mobilisierung dienen sollte.
Trotz seiner dezidiert politischen Wertorientierung
verstand sich der MR als ein liberaler Verein:
Zwanglos organisieren sich bei uns die
Rudergruppen. Neigung und Weltanschauung führen die
Kameraden zusammen.
MRb 4, Nr. 36, 23. April 1906, S. 547
Das Wort von der Weltanschauung war nicht nur so dahergesagt, wie wir bereits gesehen
haben. An den märkischen Rudersmann wurden hohe
Ansprüche gestellt, er sollte eine Art
Musterdeutscher werden, treu, wehrtüchtig, stark, ein
Angehöriger einer deutschen Elite ohne Fehl und Tadel:
Wer deutsch gesinnt mit Leib und Seele,
Zu freien Gipfeln strebt hinan,
Der ist ein Braver ohne Fehle,
Ein echter märk'scher Rudersmann!
MRb 2, Nr. 11, 1. April 1904, S. 121
Vergleicht man übrigens die Häufigkeit und die
Intensität der im MRb dargelegten politischen
Äußerungen Nordhausens aus der Zeit vor dem
Ersten Weltkrieg mit der politischen Linie der
Verbandszeitschrift Wassersport", so stellt man fest, dass
im Wassersport" nur vereinzelte Artikel
politischen Inhalts zu finden sind, etwa grundsätzlich
zustimmende, aber kurze Beiträge zur
Aufrüstung Deutschlands zur See. Dafür finden sich in
größeren Abständen immer wieder Huldigungen an
den Kaiser, die jedoch fast ausschließlich sein
Interesse am Sport loben, ohne dabei weiter auf seine
Politik einzugehen. Auch beschäftigt sich der
Wassersport" ausführlich mit den Rudervereinen der
Auslandsdeutschen, entwickelt daraus jedoch keine klar umrissenen politischen Ideen. Selbst
während einer Kampagne zur Errichtung eines Denkmals
für Wilhelm I. an der Regattastrecke in Grünau,
die schließlich 1897 erfolgte, bewegen sich die
Autoren des Wassersport" in den Bahnen eines
allgemeinen Reichspatriotismus, ohne dabei
konkrete politische Zielsetzungen für die Zukunft zu
benennen, wie das Nordhausen im MRb tut. Sein
politisches Engagement war ein integraler
Bestandteil der Vereinsarbeit, keine Nebensache, wie
sich leicht anhand eines Werbeblatts des MR, in dem
sich Nordhausen an die Angehörigen
des Deutschnationalen
Handlungsgehilfenverbands" (eine Vereinigung nationalistisch orientierter
Angestellter) wendet, erläutern lässt, in dem die
besonderen Vorzüge des Vereins zusammengefasst
werden, darunter auch der, dass Ausländer im
Verein verpönt waren:
Der deutsch-nationale Handlungsgehilfe und die Wander-Ruderei
... Vor allen anderen Berliner Rudervereinen
zeichnet sich der Märkische Ruderverein durch seine
stramm nationale Gesinnung aus. Es werden nur Deutsche
aufgenommen.
Werbeblatt, Hervorhebung im Original
Nordhausen muss daher als politisch
besonders profiliert eingeschätzt werden; nichts anderes
behauptet die eingangs zitierte Würdigung
Nordhausens von 1938, die festgestellt hatte, dass Nordhausen innerhalb der an Politik wenig
interessierten Ruderkreisen als mutiger Kämpfer für
vaterländische Ideale" und somit als trefflicher
Vorbereiter für nationalsozialistisches
Gedankengut" gewirkt habe. Darauf spielte auch ein zu
seinem 60. Geburtstag im Wassersport" (WS 45, Nr.
27, 2.2.1927, S. 69) erschienener Artikel an, der
Nordhausen bescheinigte, sich immer um das
Geistige im Rudersport" besonders gekümmert zu haben.
Der Publizist Richard Nordhausen
beschränkte sich nicht nur darauf, seine politischen
Auffassungen in Publikationen des Rudersports zu
propagieren, sondern veröffentlichte auch in den
Jahrbüchern des Deutschen Fußballbundes und in
zahlreichen Zeitungen Berlins. Und, er schrieb,
wie schon gesagt, auch Bücher politischen Inhalts.
Seine publizistische Tätigkeit sollte auch während
des Ersten Weltkriegs kaum nachlassen.
3) Zum Folgenden liegen zahlreiche Darstellungen vor, die
die Geschichte des Kaiserreichs unter verschiedenen Aspekten
behandeln. Die letzte, gut lesbare Gesamtdarstellung liefert
Volker Ullrich, Die nervöse Großmacht. Aufstieg und
Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918, Frankfurt a. M.
1997, hierzu S. 182-249. Siehe auch Hans-Peter Ullmann,
Das deutsche Kaiserreich 1871-1918, Frankfurt a. M. 1995,
S. 126-172, 192-218. Dazu auch Wilfried Loth, Das
Kaiserreich. Obrigkeitsstaat und politische Mobilisierung,
München 1997, S. 91-141 und Wofgang J. Mommsen, Der autoritäre
Nationalstaat. Verfassung, Gesellschaft und Kultur im
deutschen Kaiserreich, Frankfurt a. M. S. 316-379. Zu den genannten
politischen Verbänden Dieter Fricke, Lexikon zur
Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen
Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). In vier
Bänden, Köln 198, und Kluge, Kaiserreich, S. 376-406.
4) Angaben nach MRb 1, 1903, S. 47, 124-25; MRb 2, 1904,
S. 149-153, 171, 204, 230, 254, 273. Nordhausen bemühte
sich besonders um Angehörige einer frühen
Angestelltenorganisation, des Deutschnationalen
Handlungsgehilfenverbands". Zu diesem Fricke, Parteienlexikon.
5) Zitate nach Reden Kaiser Wilhelms II. Zusammengestellt
von Axel Matthes. Nachwort von Helmut Arntzen, München
1976, S. 32 und 39.
6) Dazu Horst Drechsler, Aufstände in Südwestafrika.
Der Kampf der Herero und Nama 1904 bis 1907 gegen die
deutsche Kolonialherrschaft, Berlin / DDR 1984. Auch das
kleinere Volk der Nama beteiligte sich am Aufstand. Gefangene
Aufständische wurden in Lagern untergebracht, in denen ein
großer Teil der Insassen an Unterversorgung und den Strapazen
des Arbeitseinsatzen gestorben ist. Dazu siehe Joachim Zeller,
Wie Vieh wurden Hunderte zu Tode getrieben und wie Vieh
begraben." Fotodokumente aus dem deutschen
Konzentrationslager in Swakobmund/Namibia 1904-1908, in: Zeitschrift
für Geschichtswissenschaft 49, 2001, Heft 3, S. 226-243.
7) Zum Bund Jungdeutschland Fricke, Parteienlexikon und
ausführlich Klaus Saul, Der Kampf zwischen Volkschule und
Kaserne. Ein Beitrag zur Jugendpflege im Wilhelminischen Reich",
Militärgeschichtliche Mitteilungen 9, 1971, 1, S. 97-143.

Der MR im Ersten Weltkrieg
Mit einer Kette von Kriegserklärungen begann
an der Wende vom Juli zum August 1914 der erste Weltkrieg: Am 28. Juli eröffnete
Österreich-Ungarn mit seiner Kriegserklärung an Serbien
den Reigen. Am 1. August erklärte Deutschland Russland den Krieg, am 3.8. folgte die
deutsche Kriegserklärung an Frankreich. Bereits am 2.8.
hatten deutsche Truppen ohne Kriegserklärung Luxemburg besetzt. Als deutsche Verbände in
der Nacht vom 3. auf den 4.8. dann noch ins
neutrale Belgien eindrangen, erklärte schließlich
Großbritannien, nachdem es ultimativ den Rückzug
der deutschen Truppen aus Belgien bis zur
Mitternacht des gleichen Tages verlangt hatte, nach Ablauf
der Frist in der Nacht vom 4. auf den 5.8.
Deutschland den Krieg. Weitere Kriegserklärungen folgten:
Am 5.8. Montenegro an Österreich-Ungarn, am
6.8. Österreich-Ungarn an Russland und Serbien
an Deutschland, am 9.8. Montenegro an Deutschland, am 12.8. Großbritannien an
Österreich-Ungarn, am 13.8. Frankreich an
Österreich-Ungarn, am 22.8. Österreich-Ungarn an Belgien, am
23.8. Japan an Deutschland, am 25.8. an
Österreich-Ungarn. Am 30. Oktober griff das
Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und
Österreich-Ungarns in den Krieg ein, was ihm innerhalb
einer Woche die Kriegserklärungen Russlands,
Serbiens, Großbritanniens und Frankreichs eintrug.
Binnen weniger Wochen versank Europa im Strudel
eines allgemeinen Kriegs, der schon bald als Weltkrieg" bezeichnet wurde und vier Jahre
lang dauern sollte.
In patriotischer Pflichterfüllung, teilweise sogar
in nationalistischer Begeisterung, eilten in
Deutschland genauso wie in allen anderen Ländern
ein großer Teil der männlichen Bevölkerung zur
Fahne. In der bürgerlichen Presse der Großstädte wurde unter Ignorierung aller
Antikriegsdemonstrationen und einer in großen Teilen des
Landes auch zurückhaltenden Stimmung die
Bereitwilligkeit der Wehrpflichtigen, in die Armee
einzurü-cken, als ausgesprochene Kriegsbegeisterung
dargestellt. Schnell war vom Augusterlebnis" als
das eines nationalen Aufbruchs die Rede, man
sprach vom Geist von 1914" oder von den Ideen
von 1914".8 Nach allgemeiner Ansicht wurde ein
kurzer Krieg erwartet und so hoffte auch ein
großer Teil der deutschen Öffentlichkeit auf einen
schnellen Sieg. Zu Weihnachten seid ihr
wieder zuhause!" hatte der Kaiser den
ausmarschierenden Soldaten zugerufen. Die großen deutschen
Siege zu Beginn des Krieges und die unbestreitbare
Leistungsfähigkeit der deutschen Armee ließen in
der deutschen Öffentlichkeit sogar Stimmen
aufkommen, die den Militarismus voller Stolz als
organisierte Volkskraft" feierten. Der Berliner
Historiker Friedrich Meinecke - ein typischer, in seinen
Ansichten eher gemäßigter Vertreter des
liberalen Bürgertums - deutete noch 1914 das Verhalten
der deutschen Bevölkerung als Beweis dafür, dass
die Ängste vor Zerfall und Untergang, die vor
Beginn des Krieges in Deutschland umgelaufen waren
und die auch Richard Nordhausen beunruhigt hatten, sich als ungerechtfertigt erwiesen hätten:
... nun erst erkennen wir deutlicher die eigentlichen
und wahren Grundkräfte unserer jüngsten Entwicklung.
Sie waren in der Tiefe gesünder, einheitlicher, stärker, als wir
alle ahnten. ... Diese gemeinsame heroische
Anstrengung für den Staat bedeutet ein großes
Vertrauensvotum für ihn und beweist, daß er im Kerne gesund war ...
Und gerechtfertigt ist vor allem das, was man scheltend
unseren Militarismus nannte. Er ist uns heute unser
Schild und Schirm ...
Die deutsche Erhebung von 1914. Vorträge und Aufsätze
von Friedrich Meinecke, ord. Professor an der Universität
Berlin, Stuttgart und Berlin 1915, S. 27-28.
Im gleichen Zusammenhang lieferte Meinecke
mit seiner Interpretation eines deutschen
Volkscharakters" ein typisches Beispiel für den
Geist" und die Ideen von 1914", die von der
überwiegenden Mehrzahl der deutschen Eliten
schnell Besitz ergreifen und ihre politischen
Anschauungen für die Zukunft in Richtung auf eine
Vorstellung einer Volksgemeinschaft" prägen sollten:
Gewiß erweisen wir uns hier als das Volk der
Einordnung und Organisation; gewiß wirkt darin ein langer
staatlicher Erziehungsprozeß nach, durch den uns die
allgemeine Wehrpflicht in Fleisch und Blut übergegangen
ist. Deshalb übt der Deutsche den Dienst am Ganzen
williger, pünktlicher, hingebender als im Durchschnitt
der Ausländer. Aber nicht deshalb allein, sondern er ist
auch durchdrungen von dem sittlichen Werte dieser
Einordnung. Er weiß genau, daß es auf jeden Einzelnen
ankommt, damit das Ganze gedeihe, und es ist ihm
Herzensbedürfnis, die Macht, der er gehorcht, auch zu
lieben; es ist immer noch etwas von der Gefolgstreue
der alten Germanen, es ist auch die Ehrfurcht vor den
natürlichen Ordnungen des Lebens, die uns Goethe
gelehrt hat, in uns lebendig. Und sie kann sich, was dem
Ausländer so schwer wird zu verstehen, verbinden mit
einem kräftigen und ganz urwüchsigen Individualismus.
Ebda., S. 27
Mit der Rede von der willigen Einordnung
ins Ganze" schlug Meinecke einen Grundton des deutschen Selbstverständnisses an. Wie wir
noch sehen werden, nimmt Nordhausen diesen Gedanken bis zu seinem
Ausscheiden aus dem Vereins-
und Verbandsleben 1934 immer wieder auf.
Auch der Bezug auf die Germanen war ihm, wie
bereits beschrieben, nicht fremd. Waren Nordhausens
politische Positionen vor dem Krieg schärfer als
die der überwiegenden Mehrzahl der deutschen
Bevölkerung, so wandelte sich unter dem
Eindruck des Kriegsbeginns die Stimmung der
bürgerlichen Öffentlichkeit schnell in Richtung auf die
Vorstellungen, die Nordhausen bereits vor dem Krieg
vertreten hatte. Zufrieden konnte Nordhausen daher am 14. September 1914 in einem Aufruf An
die Kameraden daheim!" die Vorkriegsarbeit des
Vereins bilanzieren:
Wir Märker können auf unseren Sport so stolz sein
wie auf unseren Verein. Er war es, der bewußt dreizehn
Jahre lang den nationalen Gedanken gepflegt und rein
gehalten hat von undeutschem Wesen. Und deshalb
dürfen wir alle den Kopf hoch tragen.
MRb 12, Nr. 137, 10. September 1914, S. 1905
In der gleichen Ausgabe des MRb wandte
sich Nordhausen auch An die Kameraden im
Felde!" Wiederum bewertete er den Sport im ersten
Teil seiner Äußerung als gelungene Kriegsvorbereitung:
Wir zuhause Gebliebenen beneiden euch, die
mannhaft für das Vaterland einstehen dürfen. Euch ist es
vergönnt, in Taten umzusetzen, was so lange frohes Spiel war.
Die an Entbehrungen und Anstrengungen reichen
Ruderfahrten sind, wie wir oft voraus geahnt haben,
märkische Kriegsvorbereitung gewesen. ... Eine größere Zeit
als diese hat Deutschland nie gesehen. Mit
Bewunderung und heißer Liebe wird auch die späteste Zukunft
noch auf Euch, die Gründer eines Weltreichs, blicken.
Von allem Glanz aber fällt ein Strahl auch auf die
Rudergemeinschaft, der ihr angehört. Als noch alle Welt
im tiefen Frieden lag, hat sie den deutschen
Gedanken gepflegt und immer an das Eisen im deutschen
Blut erinnert.
MRb 12, Nr. 137, 10. September 1914, S. 1905
Im zweiten Teil der hier wiedergegebenen
Ausführungen benennt Nordhausen die Erwartungen, die
er mit dem Krieg verbindet: Ein deutsches
Weltreich soll aus diesem Krieg entstehen. Dieser
Optimismus spricht auch aus den meisten der
Feldpostbriefe, die von den Mitglieder des MR an
Nordhausen während des Krieges gesandt
wurden. Noch 1916 schreibt ein Märker", auch er
voller Stolz auf das deutsche Organisationstalent,
über sein Erleben des Krieges:
Es ist großartig, wie hier im Felde alles klappt. Jedes
Rad der riesengroßen Organisation fügt sich genau ins
andere, und so arbeitet die Maschine, daß es eine
Freude genannt werden muß. Alles, aber auch das kleinste,
ist vorbedacht, und sorgsam vorbedacht. Nirgendwo
fehlt etwas, jedes Ding steht am rechten Fleck, aber es
wird auch dafür gesorgt, daß niemand Unordnung
hinein bringt und jeder in jedem Augenblick pünktlich und
gewissenhaft seine Schuldigkeit tut. Dieser
wunderbare Apparat und diese wunderbaren Führer - damit
müssen wir den Sieg erringen, und gälte es, den Teufel
vom Himmel herabzuholen.
MRb 13, Nr. 149, 30. Oktober 1915, S. 2079
Dieser Beitrag in der Vereinszeitschrift des
MR gleicht in seinem Inhalt auffällig den oben
zitierten Auffassungen Friedrich Meineckes:
Pflichterfüllung, Pünktlichkeit, Ordnung, eine
Gewissenhaftigkeit, die für eine tatsächliche Hingabe an
das große Ziel spricht, den Sieg. Meinecke hatte
geschrieben, dass der Deutsche" seiner Zeit
das Herzensbedürfnis" hegte, die Macht, der er
gehorcht, auch zu lieben" - hier nun schreibt ein
Soldat, siegesgewiss, in vollem Vertrauen zu den wunderbaren Führern" an der Spitze
Deutschlands und seiner Armee, zu Hindenburg und Ludendorff und zum Kaiser.
Auch Nordhausen identifizierte sich vollständig
mit dem Krieg und mit den deutschen Soldaten, was schon aus der Tatsache hervorgeht, dass die
Kriegsausgaben des Märkische Ruderboten als
Feldpost" erschienen und mit einer großen Anzahl
der bereits erwähnten Nordhausenschen Kriegsgedichten gespickt waren.
Für seine Kriegsgedichte
wurde Nordhausen sogar vom Kaiser
persönlich anlässlich des Kaisergeburtstages am 27.
Januar 1915 der Rote Adlerorden 4. Klasse"
verliehen.9 Neben einer Kriegschronik fanden die Leser
auch Abdrucke zahlreicher Feldpostbriefe von
Mitgliedern des MR vor, die ihre Kriegserlebnisse den
Daheimgebliebenen schilderten. Diese erfuhren in eigenen Hinweisen, wie sie am besten
Päckchen für die Soldaten auf den Kriegsschauplatz
schicken konnten und was die Soldaten am besten
gebrauchen konnten. Lange Listen von
Vereinsmitgliedern erschienen, die Soldaten wurden, aber
es waren so viele, dass es gar nicht möglich war,
den Überblick zu behalten. Etwa 300 Namen sind
veröffentlicht, doch es können auch mehr
gewesen sein - zwei Drittel der etwa 30.000 im
Deutschen Ruderverband organisierten Ruderer zogen
nach Angaben des Ruderverbands in den Krieg, von
denen wiederum mehr als ein Drittel starb. Auch in der Feldpost" des MR erschienen im Laufe
des Krieges viele Todesanzeigen.
Trotz der hohen Kriegsverluste war
Nordhausen gegen einen Kompromissfrieden mit den
Kriegsgegnern. Er griff in einer Reihe von auch im
MRb erschienenen Gedichten alle Versuche, den Frieden auf diplomatischem Wege anzustreben,
als Verständigungsschwatz" an (MRb 12, Nr. 138,
1. Oktober 1914, S. 1928), wobei er sich
besonders gegen eine Verständigung mit
Großbritannien aussprach. Nordhausen zeigte sich eher am
Fortschreiten einer erfolgreichen Kriegführung
interessiert: Ein Kriegs-Tagebuch" vermeldete den
Lesern des MRb alle militärischen Vorkommnisse,
und noch im Juli 1918 mahnte er die Diplomaten in Erwartung des kommenden deutschen Sieges,
indem er einen Brief Blüchers, den er nach dem
Sieg bei Waterloo an den preußischen König
gerichtet hatte, zitierte:
Ich bitte alleruntertänigst, die Diplomaten dahin
anzuweisen, daß sie nicht wieder das verlieren, was der
Soldat mit seinem Blute errungen hat.
MRb 16, Nr. 166, 1. Juli 1918, S. 2215
Damit wurde der Wunsch nach Eroberungen
und Annexionen formuliert - immerhin standen
die deutschen Truppen im Juli 1918 noch tief in
Frankreich, und erst wenige Monate zuvor waren die bereits geschlagenen Gegner Russland und
Rumänien von Deutschland und seinen Verbündeten
zu harten Friedensschlüssen gezwungen worden.
Als dann die Alliierten den Krieg gewannen und
ihrerseits Friedensbedingungen festlegten, deren Durchsetzung das Reich von einem erneuten
Angriff auf seine Nachbarn abhalten sollte,
empfand Nordhausen, der sich gerade noch für die
gründliche Ausnutzung eines eventuellen deutschen
Sieges über die alliierten Mächte ausgesprochen
hatte, die Vorgehensweise der Alliierten als zu
hart und sprach wie viele Deutsche damals vom
Diktat von Versailles". Dass die politische und
militärische Führung des Kaiserreichs, aber auch weite Teile
der deutschen, vor allem der bürgerlichen
Gesellschaft, mit ihrer oben beschriebenen
leichtfertig-aggressiven Kriegsbereitschaft dieses - und
nicht nur dieses - Unglück selbst
heraufbeschworen hatten, fand im Denken Nordhausens kaum
Platz, genauso wenig wie in dem vieler seiner
Zeitgenossen.
8) Die Annahme einer allgemeinen Kriegsbegeisterung ist
von der jüngeren Forschung hinlänglich widerlegt worden.
Dazu, mit zahlreichen Literaturhinweisen, Wolfgang Kruse,
Kriegsbegeisterung? Zur Massenstimmung bei Kriegsbeginn:
Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918. Hrsg. v.
Wolfgang Kruse, Frankfurt a. M. 1997. Zum Folgenden siehe
dort Jeffrey Verhey, Krieg und nationale Identität: Die
Ideologisierung des Krieges, ebda. S. 167-176.
9) Bonner Generalanzeiger, 2./3. Mai 1998, Artikel von
Eberhard Nitschke.

Rudern in der Weimarer Republik
Hatte Nordhausen den Beginn des Krieges
förmlich gefeiert, mit Gedichten, Aufrufen und
der Umgestaltung der Zeitschrift des MR zur
Feldpost, so ging er über das Kriegsende geradezu
schweigend hinweg. Zwar erschien die
MR-Zeitschrift wieder als Märkischer Ruderbote", aber das Ende
der Kampfhandlungen wurde nur in einigen
dürren Sätzen erwähnt:
Jetzt aber sind wir ins Friedensland zurückgekehrt.
Es empfängt uns mit Enttäuschungen, Sorgen und
Kümmernissen - doch es ist Friedensland. Zögern wir
nicht, uns darin so heimisch einzurichten, wie es nur
immer möglich ist!
MRb 17, Nr. 168, 18 Februar 1919, S. 2228
Die Erinnerung an den verlorenen Krieg, an
die Entschlossenheit und die Erfolge der ersten
Kriegsmonate, an den plötzlichen Zusammenbruch
der Front, die sich im Kampf gegen die Übermacht
fast der ganzen Welt erschöpft hatte, und zuletzt
die Revolution gegen das kaiserliche Deutschland,
der Nordhausen wie viele die Schuld an der
deutschen Niederlage gab, sollten seine Haltung zur
Weimarer Republik, der ersten deutschen
Demokratie, bestimmen. In einer Vorstandssitzung am 3.
Februar 1919, der ersten nach der Beendigung des
Krieges, legte Nordhausen seine Beurteilung der
politischen Umwälzungen durch Niederlage und
Revolution dar und liefert damit ein frühes
Beispiel für die Verbreitung der Dolchstoßlegende, die
die Schuld an der Niederlage der politischen
Opposition zuwies, die militärische und politische
Führung aber von jeglicher Schuld freisprach:
Der 1. Vorsitzende eröffnete die Sitzung ... , indem
er die Kameraden, die aus dem Heere entlassen sind,
mit warmen Worten begrüßt. Wenn wir uns den
Ausgang dieses Krieges auch alle anders gedacht haben, so
führt er aus, so ist es doch müßig, der Schuldfrage
nachzugehen und etwa einem Einzelnen die Schuld am
Kriege beizumessen.
Die Einleitung zu Nordhausens Rede klingt
versöhnlich, soll aber vor allem dazu dienen, auf
indirekte Weise einen ganz bestimmten Einzelnen, nämlich Deutschland, vom Vorwurf
freizusprechen, es habe den Krieg allein verursacht, wie es
die alliierten Mächte behaupteten, die daher
auch die Auslieferung des Monarchen sowie aller
deutschen Offiziere, die sich Kriegsverbrechen
schuldig gemacht hatten, forderten. Nachdem
Nordhausen so implizit die alliierte These von der
Alleinschuld Deutschlands am Kriege, die schließlich auch
Eingang in den Vertrag von Versailles fand,
zurückgewiesen hatte, ging er weiter auf
vermeintliche Ursachen der deutschen Niederlage ein:
Schuld am Ausgange habe das ganze Volk,
besonders die Heimat. Bei dem schnellen Aufstieg Deutschlands
in den letzten 40 Jahren zu bedeutendem
materiellen Reichtum, habe es seine Seele vergessen. Zwar habe
uns nur ein Geringes am endgültigen Siege gefehlt, aber
es wäre vielleicht gut so gewesen, daß wir das Ziel
nicht erreicht haben, denn sonst wären wir rettungslos
und völlig im Materialismus versunken, gegen den wir uns
in unserem Sportverein ja ständig gewehrt hätten.
Unsere Zukunft liegt schwärzer vor uns, als wir es uns in
der Mehrzahl eingestehen wollen; dafür können wir
aber nicht etwa die Krieger verantwortlich machen, die
ihre Pflicht in übermenschlicher Weise erfüllt hätten.
Ihnen vielmehr ist die Heimat in den Rücken gefallen ...
Nordhausen zeichnet 1919 also das Bild eines
in Frieden und Wohlstand verweichlichten deutschen Volkes, obwohl er vor dem Krieg das
gleiche Volk noch auf Grund der angeblichen
gesundheitlichen Gefährdungen des Stadtlebens in
seinem Bestand als gefährdet angesehen hatte.
Nordhausen idealisiert die materiellen Verhältnisse
des Kaiserreichs, in dem die meisten Menschen
keinen ausgesprochenen materiellen Wohlstand
genossen haben, und er übersieht auch die
Entbehrungen und den massiven Hunger, den die deutsche
Zivilbevölkerung während des Krieges erleiden
musste. Das ist um so erstaunlicher, hatte Nordhausen
in seinen Kriegsgedichten doch auch zur heroischen Bemeisterung der allgemeinen Hungersnot
aufgerufen. Für ihn wurde Deutschland nicht von
einer Übermacht militärisch besiegt, sondern es wurde
in treuloser Art von der Heimat verraten,
wurde ein Opfer seiner eigenen Seelenlosigkeit",
indem es sich nicht an die im Kaiserreich auch von
Nordhausen propagierten Tugenden hielt. Es habe
also nur die rechte Einstellung gefehlt, man hätte
nur am Geist von 1914" festhalten müssen,
dann wäre der Sieg schon gekommen. Diese
Fehleinschätzung erweitert Nordhausen dann noch
mit der Idee, dass die kommenden Notzeiten Deutschland vor dem Abgleiten in den
Materialismus" retten könnten - ein Gedanke, den
Nordhausen offenbar für tröstlich hielt, hatte ihn
doch der Materialismus" bereits vor dem Ersten
Weltkrieg beunruhigt. Ob eine solche Gegenwartsanalyse bei der durch Inflation, ständige
Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit geplagten
Bevölkerungsmehrheit der Zwanzigerjahre auf
Zustimmung gestoßen wäre, mag hier getrost
bezweifelt werden.
Nordhausen beendet seine Rede mit einem
Appell an die männlichen Mitglieder des MR, ihren
staatsbürgerlichen Pflichten weiterhin zu genügen:
Daß sich jetzt alle wieder unter einer Fahne
zusammenfinden werden, um am Wiederaufbau des MR
mitzuhelfen, wie sie außerhalb des Vereins beim
Wiederaufbau des Staates ihre Pflicht als deutsche Männer
erfüllen werden.
MRb 17, Nr. 168, 18 Februar 1919, S. 2229
Trotz seiner Aufforderung zur Mitarbeit beim
Wiederaufbau des Staates" mitzuwirken, stand
Nordhausen der Errichtung einer parlamentarischen Demokratie distanziert gegenüber. Er begriff
die neue Zeit hauptsächlich als Verfall und parallelisierte sie mit der Zeit einer anderen
großen Niederlage, nämlich mit der Preußens gegen
Napoleon 1806/07, die mit den Siegen von 1813 bis 1815, deren Jubiläen vor dem Ersten Weltkrieg
so großartig gefeiert worden waren, rückgängig
gemacht werden konnte:
Von der gesunkenen Moral, ja der sittlichen
Verwilderung bringt jeder Tag neue Beweise. ... Längst nicht
mehr erfreut sich Deutschland der urwüchsigen Kraft, die
es auch nach zerschmetternder Niederlage zu neuem, glorreichem Aufstieg befähigte. In der glänzenden
Epoche des Geldmachens und des sogenannten
Lebensgenusses, der breiten Schichten als das Höchste,
einzig Erstrebenswerte schien, hat man sich wenig um
das gesunde Blut gekümmert.
Liest man diese Zeilen genauer, so erkennt
man, dass es die gleichen Ängste sind, die
Nordhausen schon vor dem Krieg umgetrieben hatten:
Verwilderung der Jugend, ein angeblich alles
beherrschender Materialismus, ein angeblich
ungezügelter Individualismus und dazu der nun
tatsächlich eingetretene Verlust der deutschen
Großmachtstellung. Seit der Antike sind das feste
Bestandteile konservativer Wahrnehmung, in noch keiner
Zeit hat die Jugend auf dergleichen Vorhaltungen
und Ermahnungen verzichten müssen. Auch
beklagt Nordhausen wieder die angeblich einseitige
Ausbildung der Jugend, die die Situation, die nach Nordhausen einer Katastrophe" glich, noch
verschlimmert hätte, und sprach sich wie vor
dem Weltkrieg für ein verstärktes Ansehen der
körperlichen Ertüchtigung gegenüber der
theoretischen Ausbildung aus:
Unglücklicherweise wirkte von der
entgegengesetzten, dem Materialismus feindlichen Seite her eine an
sich unschätzbare deutsche Tugend mit, die Katastrophe
zu beschleunigen. Hier führte das Streben nach
geistiger Vervollkommnung dazu, die Leiber bewußt zu
vernachlässigen, unsere Jugend in die Stadt zu bannen ...
MRb 23, Nr. 206, 3. November 1925, S. 2424
Nordhausen kontrastierte hier die
intellektuelle Ausbildung, die er als das Streben nach
geistiger Vervollkommnung" nennt, mit dem
Materialismus". Damit sprach er auf das in Deutschland
weithin vorhandene Selbstbild der Deutschen
als Volk der Dichter und Denker" an, das
angeblich, in idealistischem Streben (deutscher
Idealismus") oder hochfliegenden Träumen verhaftet,
vergäße, sich um die materiellen Seiten der Existenz in
ausreichendem Maße zu kümmern. Der
positive Aspekt eines solchen Selbstbildes war die
Möglichkeit einer Selbstaufwertung; Idealisten"
standen in einem allgemeinen Ruf besonderer Reinheit
und Unschuld, weshalb übrigens auch die
Propaganda der NSDAP den Führer" Adolf Hitler und
seine Anhänger gerne als Idealisten darstellte, die
hoch über alle Versuchungen erhaben wären.
Auch Nordhausen wird sich in seiner Verurteilung
des Materialismus" eher als ein solcher Idealist
begriffen haben.
Mit seinen Einstellungen blieb Nordhausen wie
die meisten anderen Ruderfunktionäre auch bei
seiner alten Linie aus der Zeit des Kaiserreichs, den
Sport als Erziehungsprozess zu begreifen, der die
Formung nationalistischer, autoritär
orientierter Staatsbürger zum Ziel hatte, Auffassungen, die
zu einer Demokratie nicht passen wollen. Aber im Gegensatz zur Zeit vor 1919 wollte er nicht
mehr so viel Aufhebens davon machen und mehr im
Stillen wirken. In vereinzelten Beiträgen jedoch,
wie etwa in dem 1927 im Wassersport" unter dem
Titel Der deutsche Sportgedanke und der
Gedanke im deutschen Sport" erschienenen Leitartikel,
vergaß er seine Diskretion jedoch und beschrieb
seine Ideen ausführlich:
Am besten, daß das Geistige im Sport den meisten
unbewußt, unterbewußt bleibt. Gerade bei den
Berufenen, den geborenen Führern, erstarkt es nur in der
Stille und trägt nur dann Früchte. ... Unser Sport bedarf
deutscher Persönlichkeiten, nicht der allein auf ihre
eigene Persönlichkeit eingestellten.
Individualismus war in dieser Auffassung
vom Sport nicht gefragt, die deutsche Persönlichkeit"
sollte sich wie je dem großen Ziel unterordnen
und in der Organisation aufgehen, ein Gedanke, dem wir bereits im Zusammenhang mit den Ideen
von 1914" begegnet sind:
Einmal im Verein, hat sich der Sportjünger auch
schon dem großen Gemeinschaftsdenken unterworfen.
Ganz von selbst fügt er, der zunächst doch nur für sein
eigenes Wohl sorgen wollte, sich dem geltenden Gesetz;
wächst ganz von selbst in Kameradschaftlichkeit und Treue
zur Flagge hinein. Dem notwendigen Zwang, sich
einzuordnen, gehorcht jeder gern, weil die Vorteile klar auf
der Hand liegen. Und ohne daß er es merkt, wird der
Einzelgänger zum Mitstrebenden erzogen. ... Der Begriff
deutscher Sportsehre dämmert auf, des
deutschen Gentlemantums mit seinem Leitsatz: Alle für
einen, einer für alle!
WS 45, Nr. 5, 3.2.1927, S. 61-62
Mit der Wendung von
Kameradschaftlichkeit" und Treue zur Flagge" wird wiederum ein
militärischer Ton angeschlagen, wie bereits vor und
während des Kriegs.
Auch im MRb legte Nordhausen seine
Positionen wiederholt dar, dort unter dem Titel
Deutscher Geist im Sport". Wiederum verband er
Ordnungsvorstellungen auf der politischen Ebene mit
seiner Auffassung vom Vereinsleben, in dem er, wie
später das NS-Regime, die Anpassung an die
herrschende Ordnung, Leistungsbereitschaft und Disziplin betonte:
Erster Zweck des Sportes ist die Erziehung
zum Gemeinschaftswillen ... So gesellt sich der
körperlichen Hochzüchtung die sittliche Entwicklung. Der
Sportsfreund erkennt, daß Freiheit nicht zügellose
Willkür, sondern schöne Gebundenheit in dem großen
Ganzen ist, daß durch freiwillige Neben- und Unterordnung,
die besonders jeder Gemeinschaftssport, vor allem
unsere Ruderei, fordert, der Weg zur Führerschaft geht.
MRb 24, Nr. 215, 22. Dezember 1926, S. 2476 und
MRb 25, Nr. 220, 29. August 1927, S. 2455
Wenn Nordhausen hier von Führerschaft
spricht, ist nur die im Verein gemeint. Genauso wie
vor dem Krieg bevorzugte Nordhausen also einen autoritäreren Führungsstil. Genauso wie vor
dem Krieg begriff er den Sport weiterhin als
modellhaftes Handeln, als hohe, von nationalen und
sittlichen Ideen getragene Arbeit, der alle Stände
und Volksschichten sich hingebungsvoll weihen",
ein Satz, in dem die Ideologie einer
Volksgemeinschaft" aufklingt, wie Nordhausen sie bereits
vor dem Ersten Weltkrieg gewünscht hatte.
Nordhausen ließ in seinen Veröffentlichungen
erkennen, dass er sich für die
Gesamtgesellschaft ähnlich autoritäre Lösungen vorstellen konnte.
Enttäuscht von den neuen politischen Zuständen
und unter dem Eindruck der Krise am Ende der Weimarer Republik begann er schließlich, wie viele
Angehörige des Großbürgertums, sehnsüchtig auf
die politischen Verhältnisse in Italien zu schauen,
wo mittlerweile Mussolini zum Diktator avanciert
war und die italienische Gesellschaft einer
autoritären Ordnung unterworfen hatte. Die faschistische
Diktatur erschien manchem als der Königsweg
aus allen politischen Querelen.
So setzte Nordhausen das Geschehen in den
Vereinen und Verbänden mit der politischen
Situation gleich. Wie aus einem Artikel im
Wassersport" hervorgeht, wünschte er im Juni 1933 dem
vom damals gerade errichteten NS-Regime eingesetzten Reichssportkommissar" (später
Reichssportführer"), dem SA-Gruppenführer Hans
von Tschammer und Osten, viel Erfolg bei seiner
künftigen Arbeit, indem er auf das Beispiel
Mussolinis hinwies, der schon Jahre zuvor alle
Sportorganisationen in einer faschistischen
Einheitsorganisation zusammengefasst hatte:
Mussolini, dessen kräftiges Zupacken gerade im
neuen Deutschland Verständnis findet, hat es in vieler
Beziehung doch leichter als wir. ... Wie in der Arbeit haben
wir uns im Spiel überorganisiert. Herr v. Tschammer
und Osten hat es mit einem Gewirr sehr ausgetüftelter
alter Formen zu tun, üppiger Verwurzelungen und
Verästelungen, die es zu vereinfachen gilt. Sein Zugriff
wird schmerzen ... unsere Sportbürokratie sieht sich jäh
entthront.
Nordhausen begrüßte den schmerzlichen
Zugriff" des NS-Sportkommissars - die
Gleichschaltung" der Sportorganisationen also, deren
Konsequenzen er allerdings zu diesem Zeitpunkt noch
nicht überblickte, weil er sich durch eine
Vereinheitlichung der Verbandslandschaft in
Deutschland nach italienischem Vorbild eine Effektivierung
wie auch eine Ausweitung der Vereinsarbeit
versprach. Hatte das faschistische Italien bei den
Olympischen Spielen von Los Angeles 1932 doch
spektakuläre Erfolge erzielt, gerade auch im
ruderischen Bereich. Die durch Zwangsmaßnahmen des
Regimes durchgeführte stufenweise Vereinheitlichung der Sportverbände in einem
reichsweiten, politisch gleichgeschalteten Dachverband
betrachtete Nordhausen daher
wie alle fortschrittlich Gesinnten ... als erlösenden
Schritt zu neuen Höhen des deutschen Sports. Wir haben
daneben die selbstverständliche Pflicht, das Äußerste
zu tun, um dem Reichssportkommissar so viele Steine
wie denkbar aus dem Wege zu räumen. Es liegen
nämlich genug darauf.
Wie viele Angehörige der alten
gesellschaftlichen Elite glaubte er, dass die Nazis trotz aller
Umgestaltung die Hilfe der erfahrenen
Funktionsträger brauchten. So setzte er den Artikel fort:
Dabei bedarf der Reichskommissar ihrer Intelligenz
(der der alten Sportfunktionäre), wenn er die
mächtige Wandlung einigermaßen reibunglsos durchsetzen will.
Hoffen wir, daß alle Beteiligten des jungen
Frühlingsgeistes einen Hauch verspüren und um der
großen Sache willen selbstlos das große Werk fördern!
Auffällig ist hier die positive Bewertung der
Installierung des neuen Regimes und seiner
Träger (sprachlich etwas eigenwillig: Beteiligte des
jungen Frühlingsgeistes"), die die mächtige
Wandlung", also die Errichtung einer vom Regime
beaufsichtigten Einheitsorganisation, durchsetzen
sollen, und zwar reibungslos". In diesem
Zusammenhang begrüßte Nordhausen ausdrücklich auch
die Einführung des Führerprinzips" in Vereinen
und Verbänden und fordert die richtige
Anwendung des Führerprinzips, das die Auswahl der
Mitarbeiter in die Hände einer Autorität legt und von
Wahlzufälligkeiten unabhängig macht":
Statt des Stimmzettels nun gewissenhafte Auslese
durch den erfahrenen Mann an der Spitze! Kronprinzen
können nicht aus der Urne hervorgehen, sie müssen
herangezogen und erzogen werden.
WS 51, Nr. 23, 8.6.1933, S. 400
Dass das NS-Regime bereits in seinen ersten
Monaten äußerst brutal vorgegangen war und
keinerlei Respekt vor alten, verwurzelten
Organisationen und verdienten Funktionären, Politikern,
Journalisten usw. gezeigt hatte, in keinem Bereich der
Gesellschaft, dass zu diesem Zeitpunkt bereits
mehrere zehntausend Gegner des NS in
Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert waren,
spielt in Nordhausens Betrachtungen keine Rolle,
denn er begriff sich nicht als Gegner der neuen
Ordnung, sondern eher als ein Kritiker, der
einigen, auch für die neuen Machthaber
unverzichtbaren Sachverstand mitbrachte. Er sah sich selbst als
einen der Führer an, die mit verstärkter Autorität
von neuem Einfluss auf das Vereins- und Verbandsleben nehmen könnten. Aber auch das sollte
sich als Fehleinschätzung erweisen.

Ab 1933: Die Umgestaltung des Rudersports und der Abgang Nordhausens
Nur einen Monat später meldete sich
Nordhausen unter der Überschrift Der neue Sport und
die Ruderei" erneut im Wassersport" zu Wort und
bekräftigte seine bereits im Kaiserreich verfolgten
Ziele einer ideologisch ausgerichteten
Nationalerziehung durch den Sport:
Der Sport gewinnt im neuen Deutschland einen
neuen Sinn. Er soll die führenden Männer in ihrem
Bestreben unterstützen, kraftvolle Jugend heranzubilden, die
sich wieder der Natur verbunden fühlt, die Heimat
kennen und lieben lernt, Kameradschaftlichkeit,
Gemeinschaftsgeist, Fahnentreue im Kleinen wie im Großen übt.
... Beim nationalen Sport geht es nur darum, der
Gesamtheit zu nutzen."
WS 51, 1933, Nr. 29, 20.7.1933, S. 616
Im gleichen Artikel begrüßte er den neu
eingeführten zwangsweisen Geländesport", der es den
Vereinen zur Vorschrift machte, in Zukunft auch Übungseinheiten abzuhalten, die
ausschließlich der militärischen Ertüchtigung dienten, wie
etwa Weit- und Zielwürfe mit Holzkeulen, die auf
den Wurf von Handgranaten vorbereiten sollten,
oder Gepäckmärsche, deren militärischer Nutzen
sofort einleuchtet. Nordhausen wollte das neue
Übungsprogramm als Möglichkeit begreifen.
Der neue Sport und die Ruderei
... die unbeobachtete Freiheit von Wald und Feld
und Wasser unserem Nachwuchs wieder zu erobern.
Hier unlösbare Verbindungen herzustellen, das ist die
eigentliche Aufgabe des Geländesports. ...
Er versuchte, den Geländesport zu einer
neuen Form von Breiten- und Mannschaftssport
umzudeuten und vertrat die Ansicht, Geländesport
sei für die Wanderrudervereine, die den
Bedürfnissen der neuen Zeit ohnehin schon immer
weit entgegen gekommen seien, eigentlich nicht notwendig:
Jetzt geht es darum, in unermüdlicher, alles
erfassender Breitenarbeit jeden Volksgenossen zu seiner
persönlichen Höchstleistung anzufeuern, ihn zu einem
Tüchtigen im Mannschaftskampfe zu machen. Wie nahe
steht wieder der Rudersport von jeher solchen
Bestrebungen! Wahrlich, mit uns zieht die neue Zeit, weil wir die
alte rechtzeitig gut begriffen und gewissenhaft
angewandt haben!
Mit dieser Äußerung ordnete Nordhausen sich
selber in die Vorgeschichte des neuen Regimes ein und akzentuierte eine angeblich schon immer
vorhandene ideologische Affinität mit den Zielen
des jungen NS-Regimes. Aber neben dem Rudern
könne es der Jugend ja nicht schaden, nicht nur
ausschließlich vom Boot her die deutsche
Landschaft kennen zu lernen und ihre Geschicklichkeit
nicht nur im Boot zu erproben". Er stellte den so
genannten Geländesport lieber in den
Zusammenhang seiner völkisch angehauchten Interpretation
der deutschen Jugendbewegung, vor allem der Wandervögel, und verharmlost den Sinn der
neuen Übungen bis zur Unkenntlichkeit:
Geländesport entspringt dem Wandern,
diesem urdeutschen, keiner anderen Nation so
unausrottbar eingewurzeltem Triebe ...
Dass es sich beim neu verordneten
Geländesport" in Wirklichkeit um vormilitärische Ausbildung
handelt, versuchte Nordhausen zu übersehen und
erklärte im gleichen Artikel statt dessen sogar:
Die neue Auffassung vom Sport gestattet jedem von
uns, nach seiner Fasson selig zu werden.
WS 51, Nr. 29, 20.7.1933, S. 616
Aber das war nur ein frommer Wunsch, wie
sich dem weiteren Verlauf der Ereignisse leicht
entnehmen lässt. Aber auch die vorausgegangenen
Ereignisse in den Sportverbänden, über die im
Wassersport" ausführlich berichtet wurde, wären
schon geeignet gewesen, Nordhausens Hoffnungen zu zerstreuen.
Bereits am 20. April 1933 wurde in einem
Leitartikel im Wassersport" - unterbrochen
durch eine Anzeige mit einem Glückwunsch des
Deutschen Ruderverbandes an des Reiches
tatenfrohen Kanzler", dem großen Führer der nationalen
Erhebung" - erklärt, Ziel sei jetzt die restlose
Einfügung auch der großen Sportbewegung in
den Dienst des Volksganzen an der Nation",
woraus sich ihre Durchdringung mit dem Wehrgedanken" ableitete (WS 51, Nr. 16, 20.4.1933
S. 226-227). In der erwähnten Anzeige
versicherte der Präsident des Ruderverbandes Pauli,
bald schon Führer der Fachschaft Rudern im
Nationalsozialistischen Reichsbund für
Leibesübungen", seit fünfzig Jahren habe der Ruderverband an
der Erziehung deutscher Jugend zu nationalem
Fühlen, Denken und Handeln" gearbeitet.
Am 11. Mai 1933 war von einer
Ausschusssitzung des Ruderverbands ausgerechnet in Potsdam
(Das muss symbolisch gewertet werden."; WS 51,
Nr. 19, Leitartikel) zu lesen. Dort wurde der
Ausschluss überwiegend jüdischer Vereine aus dem
Verband behandelt, die sich automatisch aus der
Behandlung der Einzelmitglieder nichtarischer
Abstammung" ergab. Daraufhin traten einige Vereine
aus dem Wassersportverband aus, wie am 1. Juni
1933 im Wassersport" vermeldet wurde.
Aus offiziellen Verlautbarungen des
Ruderverbands war zu entnehmen, dass auch die
Arbeitersportvereine aufgelöst wurden und ihr
Vermögen als beschlagnahmt galt. Ihre als Marxisten"
titulierten Angehörigen erhielten ein Vereinsverbot
bis zum 1. September 1933 und sollten nach ihrem eventuellen Eintritt in die erlaubten
Rudervereine mit besonderer Sorgfalt beobachtet werden.
Mehrere Reden des Reichssportführers" wurden
abgedruckt, in denen er die sportpolitischen Ziele
des neuen Regimes umriss.
Ab Juni 1933 erfolgte in mehreren
Zwischenschritten die Gleichschaltung der
Spitzenverbände des deutschen Sports und ihre
Zusammenfassung in einer Dachorganisation. Schüler- und
Jugendabteilungen der Vereine mussten bis zum 15.
Juli 1933 durch den Verband dem
Reichsjugendführer gemeldet werden, bald schon wurden
Abkommen geschlossen, die die Zusammenarbeit
zwischen Hitlerjugend und Sportvereinen regeln sollten.
Die Ruderer nahmen in eigenen Vereinsformationen am Aufmarsch zum 1. Mai 1933 teil. Zum
Gedächtnis an den Tod Schlageters wurden die
Vereine aufgefordert, am 28. Mai an ihren
Bootshäusern die Hakenkreuzfahne zu hissen,
gleichberechtigt mit der schwarz-weiß-roten Fahne", die
schwarz-rot-goldene Fahne der Republik war
abgeschafft. In den Vereinen wurde das Führerprinzip"
eingeführt, wobei zwar ausdrücklich festgestellt
wurde, dass der Führer" nicht in jedem Fall ein
Nationalsozialist sein müsse - aber das Klima in den
Vereinen hatte sich spürbar verändert, die
Gefolgschaft" der neuen Führer" war nicht in jedem
Fall zufrieden.
In seinem Leitartikel im Wassersport" vom 19.
Oktober 1933 unter dem Titel Die Stimme der
Gefolgschaft" ließ Nordhausen sich anmerken, dass
er den uneingeschränkten Optimismus, den er
noch zu Beginn des NS-Regimes bezüglich einer
von den Hindernissen interner Auseinandersetzungen durch die Einführung des Führerprinzips"
befreiten Arbeit der Sportverbände und -vereine
hegte, nach nur wenigen Monaten nationalsozialistischer
Machtausübung gründlich verloren hatte. In
diesem Artikel forderte er dazu auf, den
Führergedanken ... nicht buchstabengläubig zu
überspannen". Zwar begrüßte er immer noch die
Beseitigung der Parlamentsspielerei in Verein und
Verband" mit ihrem angeblich inhaltsleerem
Redequalm", zwar diffamierte er immer noch
das System der parlamentarischen Demokratie und bezeichnete die demokratischen
Einrichtungen der Weimarer Republik als Schwatzkammern
der liberalistischen Zeit, zu denen einst alles Volk
mit verzückter Bewunderung aufschaute", zwar
äußerte er immer noch seine Übereinstimmung mit
der NS-Herrschaft. Er versuchte sogar, den neuen Machthabern durch das demonstrative
Äußern von NS-konformen Ansichten
entgegenzukommen; schlug vor, dass die Sportvereine
gewissermaßen ideologisch mit den übermächtigen
Parteiorganisationen konkurrieren sollten:
Heute erblicken wir in unserem Verein nicht nur
eine Burg kameradschaftlicher Treue, eine nach außen
hin scharf abgegrenzte Freundeskumpanei, sondern
jeder rechte Ruderbund soll zugleich ein Hort
vaterländischer Gesinnung, Pflegestätte deutschen Geistes sein.
Neben den SA- und SS-Formationen behaupten wir uns
nur, wenn die Jugend den Sturmwind nationaler
Begeisterung oder doch wenigstens die unverkennbare Kraft
nationalen Wollens auch durch unsere Bootshallen
wehen fühlt.
Aber gleichzeitig bemerkte Nordhausen auch,
dass die NS-Sportführung im Grunde nur wenig
Interesse an der Zusammenarbeit mit den aus älteren
Zeiten verbliebenen bürgerlichen
Sportfunktionären hatte, selbst wenn diese stramm nationalistisch
orientiert waren. Trotz der demonstrativen
Betonung der inhaltlichen Übereinstimmung mit dem
neuen Regime war er mit den tatsächlich
eingekehrten Zuständen in Vereinen und Verbänden nicht
mehr zufrieden, weil er erkennen musste, dass das
Führerprinzip oft genug dazu benutzt wurde,
um die Wünsche der Vereinsmitglieder zur Seite
zu schieben und alle Fragen nur noch autoritär zu
entscheiden, ohne - wie Nordhausen es nahezu flehentlich wünschte - die Stimme der
Gefolgschaft" zu hören. Nordhausen plädierte nun
sogar offen für die Beibehaltung der
Vereinsversammlungen, so als hätte er niemals gegen
Schwatzkammern der liberalistischen Zeit"
polemisiert. Dabei beschrieb er deutlich genug, unter
welchem Druck die Sportvereine seit der Installierung
des NS-Regimes geraten waren:
Schier ängstlich haben wir uns in den letzten
Monaten vor Versammlungen des Rudervolks gehütet. Es hat
ja doch keinen Zweck mehr." Dabei verlangt die neue
Zeit das Gegenteil. Dabei hätten wir allen Anlaß, uns so
oft wie möglich zusammenzusetzen und unsere
Führer über die herrschende Stimmung, über die
Notwendigkeiten, wie sie uns Geführten vorschweben, sehr
eindeutig zu unterrichten.
So weit war es also gekommen: Nordhausen,
der es seit Gründung des MR gewohnt war, seine
Vorstellung im Verein durchzusetzen, spürte unter
den neuen politischen Verhältnissen seine
Machtlosigkeit und forderte nun:
In unseren Mitgliederversammlungen muß ein
neuer Geist einziehen. Aber sie müssen bleiben. Wir
bedürfen ihrer in Zukunft vielleicht dringender als bisher. Will
der Führer sein Amt in rechter Weise verwalten, sich vor
Irrwegen und verhängnisvollen Fehlern hüten, ... ,
dann muß er nahe Verbindungen mit seinen
Kameraden halten.
Dieser Appell verhallte ungehört. Wie viele
ältere bürgerliche Funktionäre wurde auch
Richard Nordhausen vom NS-Regime an die Seite gedrängt, was dann auch bald zu seinem
Rückzug aus der Vereins- und Verbandsarbeit führte. Das
mag ihn um so härter getroffen haben, hatte
er doch Zeit seines Lebens politische Ansichten im Rahmen des Sports in die Praxis umsetzen
helfen, die seiner Erwartung nach auf Grund ihrer
nationalistischen, militaristischen und sozialpolitischen
Inhalte auch seitens der NSDAP hätten
Anerkennung und Gefallen finden müssen. Wie viele seiner
Zeitgenossen begrüßte Nordhausen den
Amtsantritt der Hitlerregierung zunächst als nationalen
Aufbruch und unterschätzte dabei das radikale
und brutale Element des beginnenden
Nationalsozialismus, der sich zu Beginn seiner Herrschaft
noch ganz im Sinne der alten Eliten als nationale
Erneuerungsbewegung, die vorgeblich an alte Traditionen anknüpfen wollte, zu präsentieren
wusste. Nordhausen war auf Grund seines teilweise
auch militanten Nationalismus, der noch in der Zeit
vor dem Ersten Weltkrieg wurzelte, und auf Grund seiner autoritär geprägten
Ordnungsvorstellungen anfällig für die Verheißungen des neuen
Regimes. Es waren die Sehnsüchte nach nationaler
Machtentfaltung und nach individueller Stärke,
die Nordhausens Engagement für den Sport
politisch bestimmten, und genau diese Sehnsüchte
waren es auch, die ihn blind für die Gefahren der
neuen Ordnung gemacht hatten. Den verbrecherischen Charakter der NS-Politik, der sich bereits
während der Zeit der Weimarer Republik erkennen
ließ, ignorierte er, weil er seine Hoffnungen nach
1933 zunächst auf einen nationalen Aufschwung
unter NS-Führung setzte. Nordhausens politische
Orientierung ist ein Beispiel dafür, dass der
Nationalismus, den wir heute eher konservativen oder
rechten Politikvorstellungen zurechnen würden,
im Wilhelminismus und danach in der Weimarer Republik bis weit ins liberale Spektrum hinein
eine beherrschende Rolle gespielt hat, wobei sich
der Nationalismus der Liberalen im Gegensatz zu
dem der Konservativen mit auch aus heutiger
Perspektive noch als fortschrittlich erscheinenden
Modernisierungsideen verbinden konnte, allerdings auch mit problematischen. Somit kann
Richard Nordhausen als ein typischer Vertreter
derjenigen Teile des deutschen Bürgertums im 20.
Jahrhundert begriffen werden, die aus Frustration
über die politischen Realitäten des Wilhelminismus
und der Weimarer Republik den Wunsch nach nationaler Stärke und Einheit schließlich über
jeglichen demokratischen Alltag setzten, der allen
Beteiligten stets zunächst gegenseitige Achtung,
dann Geduld, dazu mühsames Verhandeln auch
mit unliebsamen Partnern und zuletzt auch oft unbequeme Kompromisse und auch das Verkraften
von Enttäuschungen abverlangt.

Ausblick 1933-1945
Mit der Gleichschaltung der Vereins-
und Verbandslandschaft ab 1933 und dem
Rückzug seines Gründers 1934 verliert sich die Spur des
MR als die eines herausgehobenen, politisch
deutlich profilierten Vereins. Wie alle anderen Vereine
auch wurde der MR in die Herrschaftspolitik des
neuen Regimes eingebunden, deren Auswirkungen, die zu einer kompletten Umgestaltung des
Sportlebens und die weit gehende Politisierung der
Sportöffentlichkeit innerhalb der drei Jahre von
Anfang 1933 bis zum Ende des Jahres 1935 führten,
an dieser Stelle in Form eines Ausblicks auf die
weitere Entwicklung kurz skizziert werden sollen.
Dazu betrachten wir wiederum das offizielle Organ
des Deutschen Ruderverbands, den Wassersport",
um zu untersuchen, wie die Politisierung des
Sports öffentlich dargestellt wurde. Einige der
herausragenden Maßnahmen des
NS-Herrschaftsapparates sind schon im vorigen Kapitel erwähnt
worden, werden hier aber im Zusammenhang noch
einmal wiederholt:
Eine aktive NS-Sportpolitik begann erst mit der
Ernennung des Reichssportkommissars", später
Reichssportführers" Hans von Tschammer
und Osten am 28. April 1933. Zu seinen ersten
Maßnahmen zählte die bereits erwähnte
Zerschlagung aller dem Regime missliebigen Vereine, vor
allem die des Arbeitersports, und die Einziehung aller
ihrer Vermögenswerte. Nach einer Sperre von
einigen Monaten war es den noch bestehenden Vereinen erlaubt, Angehörige der verbotenen Vereine
in ihren Reihen aufzunehmen, jedoch nur als Einzelmitglieder und nicht etwa in Form
geschlossener Mannschaften, was die etwaige Bildung
oppositioneller Gruppen im Vereinssport erschweren
sollte (WS 51, 1933, S. 326, 909, 965). Wurden
diese Anordnungen im Laufe der Zeit auch etwas
gelockert, so zeigte sich doch darin der Wille zur
politischen Überwachung und Disziplinierung der
Bevölkerung, der im Sportleben genauso seinen
Niederschlag fand wie in der übrigen Gesellschaft.
In die gleiche Richtung weisen auch mehrere
Erlasse von Tschammers, der 1934 befahl, dass
Personen, die aus der SA bzw. der Partei
ausgeschlossen worden sind ... auch aus den ... Vereinen
entfernt werden müssen" (WS 52, 1934, S.
181). Ergänzend dazu wurde wenige Wochen später
angeordnet, daß umgekehrt die Vereine
verpflichtet sind, der zuständigen Parteistelle Meldung zu
machen, wenn sie ein Parteimitglied, SA- oder SS-Mann usw. aus dem Verein ausgeschlossen
haben" (WS 52, 1934, S. 294). Das band die Vereine
unmittelbar in die Überwachungs- und Disziplinierungsabsichten des neuen Regimes ein.
Auch die Schaffung eines obligatorischen Berufsverbands für alle Turn-, Sport- und
Gymnastiklehrer (WS 51, 1933, S. 369) entsprang der gleichen
Absicht, genauso wie das Verbot von allen Vereinen außerhalb der offiziellen und
gleichgeschalteten Verbände.
Innerhalb der Vereine wurde das
Führerprinzip" eingeführt, das die Oberhäupter der
einzelnen Vereine mit dem Privileg ausstattete, alle
Posten mit Kandidaten ihrer Wahl zu besetzen.
Die Führer" konnten zwar von den Vereinen selbst
bestellt werden und mussten nicht unbedingt der
NSDAP angehören, wie der Reichssportführer"
ausdrücklich feststellte, bedurften aber doch seiner
Bestätigung, was missliebige Kandidaten von
vornherein ausschaltete (WS 51, 1933, S. 733, 852).
Der Reichssportführer" konnte nach seinem
Belieben ohnehin jederzeit in die Interna der Vereine
und Verbände eingreifen, was er schließlich am
deutlichsten mit der Einführung einer
verbindlichen Einheitssatzung für alle Vereine tat (WS 51,
1933, S. 961, WS 53, 1935, S. 70-71).
Auch der Verbandslandschaft wurde die
Aufmerksamkeit der NS-Sportführung zuteil: In
mehreren, teilweise misslungenen Zwischenschritten wie
die versuchte Schaffung eines NS-Wassersportverbands" oder eines Reichsführerrings"
wurden alle noch erlaubten Turn- und Sportvereine in
einem Einheitsverband zusammengefasst, der zunächst den Namen Deutscher Reichsbund für
Leibesübungen" führte, dann
Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen" hieß (WS
51, 1933, S. 320, 691, 724, 759-760). Im Zuge
dieser Gleichschaltung wurde trotz seiner
nationalistischen Haltung nach den
Arbeitersportvereinen und -verbänden auch der Dachverband des
bürgerlichen Sports, der von 1917 bis 1933
bestehende Deutsche Reichsausschuss für
Leibesübungen" aufgelöst, wobei Hermann Pauli, der
Vorsitzende des Deutschen Ruderverbands, sich neben
Edmund Neuendorff, dem Führer" der
Deutschen Turnerschaft, und Felix Linnemann, dem
Präsidenten des Deutschen Fußballbunds, als
besonders willfährig gegenüber den sportpolitischen
Bestrebungen der NS-Führung erwies (WS 51, 1933,
S. 226, 293, 326, 369 und 897). Tatsächlich
blieb Pauli dann auch Führer" der deutschen
Ruderschaft.
Seine NS-konforme Haltung bezeugte Pauli
in zahlreichen im Wassersport" veröffentlichten
Artikeln. Damit stand er keineswegs allein, auch
existierten eindeutige politisierende Tendenzen bereits vorher: Hatten sich der Deutsche
Ruderverband und der Wassersport" im Jahr 1923 mit
einer Artikelserie und einer Geldspende am so
genannten Ruhrkampf" beteiligt, nachdem
französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzt
hatten, um Deutschland zur schnelleren Bezahlung der Reparationsforderungen zu zwingen, so
wurden ab 1926 die schrittweisen Räumungen der
Besatzungszonen an Rhein und Ruhr in ausführlichen Leitartikeln und mit zahlreichen
Veranstaltungen gefeiert. Seitdem Hindenburg, der alte
kaiserliche Feldmarschall, 1925 zum
Reichspräsidenten gewählt worden war, hatte es immer
wieder patriotische Kundgebungen im Wassersport"
gegeben, die ganz auf der Linie des
wilhelminischen Patriotismus lagen und Hindenburg wie zu
Zeiten des Ersten Weltkriegs als eine Retter- und
Vaterfigur feierten, eine Tendenz, die sich in der schließlichen Krisen- und Auflösungsphase
der Weimarer Republik ab 1930 dann noch
verstärkte. Der Vorgänger Hindenburgs als
Reichspräsident hingegen, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert,
hatte während seiner Amtszeit (1919-1925) nur
am Rande Erwähnung im Wassersport" gefunden
und galt in den Augen der Redaktion und der Verbandsführung offenbar nicht als nationales
Vorbild. Vor dieser politischen Orientierung
verwundert es dann nicht, dass nach einer
anfänglichen Phase des Abwartens und der ungeklärten
Verhältnisse der neue Reichskanzler Hitler im
Wassersport" bald schon als Volkskanzler" gefeiert
wurde und in einem ausgesprochenen Personenkult
peu à peu Hindenburg als Inkarnation einer
Retterfigur ablöste (Leitartikel vom 21.12.1933, 1.2.
und 19.8.1934). Neben anderen Autoren zeichnete sich besonders Pauli, u. a. in seinen
zahlreichen Neujahrsbotschaften an die Leser des
Wassersports", mit seiner Neuinterpretation des
Sports unter den Vorzeichen des NS aus, mit seiner Verteidigung der nationalistischen Linie des
Verbands, des Führerprinzips", und des Gelände-",
also Wehrsports, mit seiner Beteiligung an der
Auflösung des DRAfL, mit seinen zahlreichen
politischen Bekenntnisartikeln oder seinen hitlerfreundlichen Wahlaufrufen zu den
manipulierten Volksabstimmungen von 1933 und 1934. Der
Sinn des Sports in NS-Deutschland und die
Gleichschaltung der Verbände wurde im Wassersport"
breit erläutert (Leitartikel vom 4.5., 11.5., 1.6.,
15.6., 27.7., 10.8., 31.8., 7.9., und 22.11.1933,
vom 4.1., 8.2., und 3.5.1934, vom 3.1., 13.6. und 31.10.1935, vom 8.4. und 30.9.1937, vom
17.2., 21.7. und 4.8.1938). In Artikeln des
Wassersports" wurden auch immer wieder
ausdrücklich konkrete politische Maßnahmen des Regimes
gefeiert, der Austritt Deutschlands aus dem
Völkerbund und die damit verbundene unter
undemokratischen Bedingungen durchgeführte
Volksabstimmung" (Leitartikel 26.10., 2.11.
und 9.11.1933) ebenso wie die Wiederaufrüstung
und die Einführung des Wehrsports (Leitartikel
vom 20.4. und 6.7.1933), die Wiedereingliederung
des Saargebiets (Leitartikel 10.1. und 7.2.1935)
ebenso wie der Anschluss" Österreichs mit der
damit verbundenen Bestätigung Hitlers per
manipuliertem Plebiszit (7.4., und 28.4.1938), die
Übernahme des Reichspräsidentenamtes durch Hitler
nach dem Tod Hindenburgs (Leitartikel 16.8.1934)
genauso wie die - auf Grund der Konkurrenz um das Mitgliederpotential tatsächlich nicht
unproblematische - Zusammenarbeit der zahlreichen
NS-Organisationen mit dem NS-Sportverband
(Leitartikel vom 25.1. und 25.10.1934: Rudersport, SA
und Hitlerjugend! Im Gleichschritt - marsch!"). In
der Wirklichkeit verloren die Sportvereine
während des NS-Regimes in großem Maße Mitglieder an
die verschiedenen Gliederungen der Partei wie SA,
SS, und an die NS-Organisationen DAF (Deutsche Arbeitsfront) und KdF (Kraft durch Freude)
und auch an die HJ und den BDM (Bund Deutscher
Mädel), was mit der Jugendpolitik des Regimes
zusammenhing, von der noch zu sprechen sein wird.
Damit wäre die Umgestaltung der
Sportlandschaft durch das neue Regime während der Jahre
1933, 1934 und 1935 im Wesentlichen umrissen.
Viele Sportler zeigten sich davon kaum berührt und
trieben auch unter den neuen politischen
Umständen weiter ihren gewohnten und geliebten Sport.
In vielen Erzählungen von Zeitzeugen ist
jedenfalls davon die Rede, dass in den Vereinen nur
Sport" getrieben wurde, man habe sich eben um
Politik nicht gekümmert. Daher wenden wir den
Blick nun noch auf Maßnahmen des Regimes, die
den Alltag der Mitglieder in den Jahren nach 1935 prägten und die in Erinnerungen an den
Vereinsalltag oft übersehen oder nur gering bewertet
werden:
Kaum Erwähnung im Wassersport" fand
beispielsweise eine der zentralen Maßnahmen der
NS-Herrschaft: die Vertreibung der jüdischen
Mitbürger aus dem öffentlichen Leben. Aus einigen
verstreuten Meldungen geht zwar hervor, dass
jüdische Angehörige der Rudervereine durch die
Einführung eines sog. Arierparagraphen" von
der Mitgliedschaft in ihren Vereinen
ausgeschlossen wurden, aber das geschah ohne viel Aufhebens,
in eher beiläufiger Grausamkeit; vielleicht sogar
mit einigen internen Disharmonien im Verband, wie der Austritt einiger Vereine, vielleicht auch
der Rücktritt des Verbandsvorstandsmitglieds
Oscar Cordes vermuten lässt (WS 51, 1933, S.
290-291, 373, 914). Andere Verbände, wie etwa die
Deutsche Turnerschaft unter Edmund Neuendorff,
sind dabei geräuschvoller vorgegangen als der
Ruderverband. Eine gewisse Zeit lang war den
jüdischen Turnern und Sportlern noch der Sport in
eigenen Vereinen und Verbänden gestattet; der Wettkampfbetrieb mit den Vereinen der
arischen" Restgesellschaft wurde erst als
unerwünscht gekennzeichnet, dann eingeschränkt und
schließlich verboten. Wahrscheinlich verhinderte nur die
Tatsache, dass die deutsche Sportwelt im
Vorfeld der Olympischen Spiele von 1936 unter der
kritischen Beobachtung wenigstens eines Teils der Weltöffentlichkeit stand, die schnellere und
rigorosere Beseitigung des jüdischen Sports, die erst
im Gefolge des 9. November 1938 erfolgte.
Das Geschehen in den Vereinen wurde dem
üblichen Festkalender des NS-Regimes
unterworfen; Parteiaktivisten sorgten, genau wie in früheren
Jahren Richard Nordhausen, für Festlichkeiten mit
politischem Hintergrund oder veröffentlichten
politische Artikel in Vereins- und Verbandsorganen.
Im Wassersport" sind eine Reihe Beispiele hierfür
zu finden; eine Welle von Festen in Vereinen, die
die nationale Revolution" von 1933 feierten,
zahlreiche Bootstaufen, bei denen Namen wie
Adolf Hitler" oder Hermann Göring" verliehen
wurden, zahlreiche Feierstunden an NS-Gedenktagen
wurden abgehalten. Das Anrudern der Vereine wurde vereinheitlicht und jedes Jahr als das
NS-Großereignis Tag des deutschen Rudersports"
zeitgleich über Rundfunk in ganz Deutschland unter
Verwendung von Parolen wie Ein Schlag - ein Wille -
ein Ziel" inszeniert. Volkssporttage" und
Sammlungen des Winterhilfswerks wurden in den Vereinen
abgehalten. Anfänglich gab es sogar Versuche, mit
der Einführung von so genannten
Dietabenden" Schulungen mit völkischen Inhalten zum
obligatorischen Bestandteil des Vereinslebens zu
machen. Da diese Dietabende" zu unbeliebt blieben,
wurden sie nach weniger als zwei Jahren wieder
abgeschafft (Nordhausen war mit seinem Vortragsprogramm, das mit geselligen Veranstaltungen
gekoppelt war, erfolgreicher). Leserbriefe
erläuterten immer wieder den Sinn des Wehrsports, der
jedoch im Laufe der Jahre aus den Vereinen immer mehr verschwand und innerhalb der
NS-Organisationen betrieben wurde. Das heißt aber nicht,
dass die Welt der Vereine wieder frei von
Anspielungen auf künftige Kriege gewesen wäre. Viele
Vereine hielten jährliche Feiern zum so
genannten Heldengedenktag" ab; immer wieder wurde an
den entsprechenden Jahrestagen an Ereignisse aus
dem Ersten Weltkrieg erinnert; nach der
Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht wurden
viele Vereinsmitglieder Soldat. Besonders trat, wie
in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, in
der Jugendpolitik des Regimes die
Wehrertüchtigung wieder in den Vordergrund. Entsprechend
dieser ideologischen Ausrichtung wurde die
Vorbereitung wie auch die Durchführung der
Olympischen Spiele von 1936 zur nationalen Aufgabe
stilisiert, deren erfolgreiche Absolvierung den Wert und
die Überlegenheit des neuen Deutschland
beweisen sollte. Da die Veranstaltung aus deutscher
Sicht überaus erfolgreich verlief, wurde ausführlich
über sie berichtet. Die gesteigerte
Leistungsfähigkeit wurde in Schlagzeilen wie Der Reichsbund
- Stoßtrupp des Leistungsprinzips" gefeiert (WS
54, 1936, S. 1106). Einiger Raum wurde auch der Friedensrhetorik gewidmet, die ein
olympisches Fest erfordert. Doch wie wenig Interesse das
Regime an wirklichen, unkontrollierten,
friedlichen Begegnungen zwischen Deutschen und
Ausländern tatsächlich hatte, mag man an dem
Verbot ermessen, das schließlich den Wanderruderern
sogar private Fahrten ins Ausland untersagte, da Deutschland nur von geordneten
Mannschaften im Ausland repräsentiert werden sollte, womit
die Kontrolle des Regimes sogar auf das
Urlaubsleben ausgedehnt wurde. 1938 wurde dann in
Anklang an eine militaristische Propagandaphrase aus
dem Kaiserreich (das Volk in Waffen") ein Volk in
Leibesübungen" als Zielvorstellung proklamiert
(WS 56, 1938, S. 34).
Seit 1933 hatte es die HJ unter dem
Reichsjugendführer" Baldur v. Schirach schrittweise
verstanden, ihre Ansprüche auf die Jugendlichen
auch gegenüber den Jugendabteilungen der
Sportvereine durchzusetzen. Gab es zunächst noch
mehr oder weniger freiwillige Formen der
Zusammenarbeit zwischen Vereinen und HJ, so verloren die
Vereine nach der Proklamation der HJ zur
Staatsjugend 1936 die Hoheit über ihre Kinder- und
Jugendabteilungen, die in die HJ eingegliedert wurden. Zwar war es bis 1939 noch geduldet, dass
viele Jugendliche ihr Training weiterhin in den
Vereinen absolvieren konnten, wobei die
Jugendtrainer jedoch der HJ beitreten mussten. Dieses
Verfahren lief auf eine teilweise faktische Befreiung vom
HJ-Dienst hinaus, wenn der Vereinstrainer seine
Aufgabe rein sportlich verstand; allerdings
konnten überzeugte Anhänger des Regimes dadurch
auch die Jugendarbeit innerhalb der Vereine
politisieren. Schließlich durften nur noch Jugendliche,
die auch Angehörige der HJ waren, in den
Vereinen trainieren. Zwar stieg auch im Dienstplan der
HJ die Bedeutung des Sports, es wurden sogar regelgerechte Wettkampfveranstaltungen und
sogar reichsweite Meisterschaften durchgeführt,
aber das Ziel der HJ war es nicht, aus der Jugend
gute Sportsleute zu formen. Die Erziehung der HJ
zielte auf die Verpflanzung von NS-Idealen in der
Jugend ab; Anpassung an das herrschende Regime, euphemistisch als Treue" umschrieben,
und Kriegsbereitschaft standen an erster Stelle.
Dass einer solchen Jugendpolitik so wenig
Widerstand entgegengesetzt wurde, lag nicht nur daran,
dass der NS-Staat keinen Widerspruch geduldet
hätte, sondern auch daran, dass bereits früheren
Generationen von Jugendlichen eine ähnliche
Erziehung widerfahren war; die Erziehung der Jugend
zum Krieg konnte, wie oben schon gezeigt,
mittlerweile auf eine gewisse Tradition zurückblicken. Schon
in den Jahren 1933 und 1934 wurden eigene Jugendseiten im Wassersport" eingerichtet, die 1934
zu einer eigenen Zeitschrift, Jugend im Boot"
ausgebaut wurde, eine ausgesprochenr Propagandazeitschrift, in der sportliche Inhalte keine
ausreichend große Rolle spielten. Vielmehr wurde
die Geschichte des deutschen Ruderns aus einer ausgesprochen nationalistischen Sicht
geschildert, zahlreiche Beiträge priesen die deutsche
kaiserliche, aber auch die NS-Marine, Berichte über
die Flotte sollten den Militärdienst attraktiv
erscheinen lassen. Ein Eindruck von der Programmatik
dieser Zeitschrift lässt sich am besten durch die
Lektüre einiger Überschriften vermitteln: Jugend im
Boot - Hitlerjugend", Unser Dank an
Hindenburg", Wie wir den Horst-Wessel-Vierer gewannen",
Erziehung zur Kameradschaft beim Rudern",
Die Jugend an die Front!" oder Euer Leben gehört
Eurem Volke" sind typische Beispiele für offene
NS-Propaganda. Die vorletzte dieser
Überschriften stammt aus dem Jahr 1934 (Jugend im Boot
2, 1934, S. 83) und sollte den Jugendlichen den Dienst in der HJ besonders schmackhaft
machen, die letzte von 1935 (Jugend im Boot 3, 1935, S.
73) sollte die Jugendlichen vor den Gefahren des Ertrinkungstodes beim Rudern und Paddeln
hinweisen, denn Euer Leben gehört dem Volke"
- und dieses Volkseigentum" durfte nach
Ansicht des Autors genau deshalb nicht verloren gehen.
Ein pensionierter kaiserlicher Admiral setzte im
Juniheft 1935 den Jugendlichen Deutschlands
Recht auf Seegeltung" auseinander, das angesichts
der Rüstungsüberlegenheit der anderen Mächte
nicht ohne eine deutsche Aufrüstung durchzusetzen
sei. Zu anderen Gelegenheiten erfuhren die
Jugendlichen von den Heldentaten der kaiserlichen
Marine im Ersten Weltkrieg und der Ausrüstung einer
neuen Kriegsmarine.
Neben der Kriegserziehung wurden
überraschenderweise auch offizielle Kontakte mit
Jugendlichen anderer Nationen gepflegt, die immer wieder
zu Fahrten oder Rennen nach Deutschland eingeladen wurden. 1938, so stand im Wassersport"
(WS 56, 1938, S. 6) zu lesen, sollte sogar ein Jahr
der Verständigung" werden - aber genau in
diesem Jahr begann das Regime damit, die Grenzen
Europas zu verändern, 1938 noch unter der
bloßen Androhung von Krieg. Im darauf folgenden
Jahr, nur 25 Jahre nach dem Beginn des Ersten
Weltkrieges, brach das Regime dann einen zweiten vom
Zaun, der der Welt Zerstörung und Verbrechen
in ungeahntem Maße brachte.
Während des neuen Krieges las man im
Wassersport" genau die gleichen Dinge wie im
letzten Krieg: Meldungen über den Kriegseinsatz der
Vereins- und Verbandsmitglieder, über Siege, über
eroberte Gebiete, über Armeesport, über
Sportler, die sich als Kriegshelden erwiesen hatten, über
Beförderungen und Ordensverleihungen, über
den im Kriegsverlauf immer spärlicher
werdenden Sportbetrieb in der Heimat, der in manchen
Disziplinen immerhin noch bis 1944
aufrechterhalten blieb. Auch die üblichen Höhepunkte des
NS-Jahres wurden beibehalten; Heldengedenktag",
Anrudern, Volkssporttage". Die 25. Wiederkehr
der Gründung des Jugendruderverbands im
Ersten Weltkrieg 1915 wurde in einem Leitartikel
des Wassersports" gefeiert, was um so leichter fiel,
da wiederum von der Jugend der Einsatz in einem Kriege erwartet wurde:
Wieder sind wir im Kriege. Diesmal haben wir eine
andere Parole. Sie heißt weitermachen". Wir warten
- zum Unterschied gegen damals - nicht auf neue
Dinge, sondern wir rudern im Rahmen des Möglichen
trotz Krieg und trotz Einziehung unserer aktiven
Mitglieder weiter. Wir tun es, um mit möglichst wenig
Aufenthalt nach dem Kriege wieder da anfangen zu können, wo
wir am 1. September 1939 aufgehört haben. Wieder
stützten wir uns dabei auf die Jugend. Aber unter
anderen Vorzeichen als vor 25 Jahren. An diese Gründerzeit
wollen wir uns noch einmal erinnern. Wir haben als
deutsche Ruderer Anlaß, stolz auf das zu sein, was
damals aus innerem Erleben des Weltkrieges für die
deutsche Jugend geschaffen wurde und was sich bis heute als
richtig erwiesen hat.
WS 58, 1940, S. 443
Die Niederlage sollte gründlicher ausfallen als
im Ersten Weltkrieg, die deutschen Ruderer konnten nicht dort weitermachen,
wo sie am 1. September
1939 aufgehört hatten, zum Glück, möchte
ich hinzufügen.
Heute ist der organisierte Sport weit davon
entfernt, zur Vorbereitung der Jugend für
eventuelle Kriege beitragen zu wollen, und auch der Stolz
auf diese Traditionslinie dürfte gebrochen sein -
immerhin scheint das militaristische Engagement
des Ruderverbands vor 1945 vergessen, genauso wie seine früheren politischen Affinitäten zu
nationalistischer Politik nach innen und außen.
Weitermachen" konnte nach dem Krieg keine Parole
mehr sein, nicht nach der grausamen Bilanz des
Nationalsozialismus. Im Nachkriegsdeutschland
setzte sich der Sport deutlich von seiner alten
politischen Orientierung ab und kam ohne nationale
Machtphantasien und - jedenfalls im Westen - ohne
militärische Jugendertüchtigung aus. Die
Wiederbegründung des organisierten Sports nach
dem Krieg jedoch ist eine andere spannende
Geschichte, die hier nicht mehr erzählt werden kann.
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