Märkischer Ruderverein e.V. - Berlin
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Eine Studie von Ralf Schäfer.

Inhalt

Vorwort
zur Studie von Ralf Schäfer von Prof. Dr. Wolfgang Benz0

Das Jubiläum des Märkischen Rudervereins bietet den Anlass, die engere Vereinsgeschichte in den größeren Zusammenhang der Politik und Entwicklung des Breitensports vom Kaiserreich bis zum NS-Staat einzuordnen. Persönlichkeit und Werk des Gründers bieten die Gelegenheit zu einer solchen Betrachtung; Ralf Schäfer, ein junger Historiker, der an der Technischen Universität Berlin mit einer sportpolitischen Arbeit promoviert, beschreibt in der folgenden Studie den politischen und gesellschaftlichen Rahmen, aber auch den Zeitgeist von den Gründerjahren über den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme als Hintergrund der Ausbreitung des Rudergedankens und der Geschichte des Märkischen Rudervereins. Damit zeichnet Schäfer, in kritischer Objektivität und auf authentische Quellen gestützt, ein facettenreiches Bild der Entwicklung des Ruderns als Breitensport, an dem der Märkische Ruderverein beträchtlichen Anteil hat.

Im Vereinsleben spiegeln sich die gesellschaftlichen Strömungen und politischen Entwicklungen der Zeit; jenseits von Satzung und Verbandsstatuten, die den Breitensport Wanderrudern - und als natürliche Voraussetzungen dazu unausgesprochene Werte wie Kameradschaft und Gemeinschaftsgeist, Naturverbundenheit und, das war lange Zeit auch selbstverständlich, die Liebe zum Vaterland - als Zweck und Absicht definieren, ist ein Vereinsleben ohne politische Emotion und Anteilnahme an den Zeitläufen schwer denkbar. Auch der Vereinsgründer war ebenso Kind seiner Zeit wie die Ruderinnen und Ruderer, die seit den Gründertagen des Vereins Anteil hatten am politischen Leben als Untertanen des Kaiserreichs, als Bürger der Weimarer Republik, als Volksgenossen im Dritten Reich, als Menschen unter Besatzungsherrschaft, als Demokraten in der Bundesrepublik.

Hundert Jahre Vereinsgeschichte - das sind mehr als drei Generationen menschlichen Strebens, wohl auch gelegentlichen Irrens, das sind Erfolge und gemeinsam erbrachte Leistungen. Der Rückblick auf die Anfänge, auf Traditionsbildungen, auf Prägungen durch politische Ereignisse, auf nationale Hoffnungen und Leidenschaften, die sich in der Gestalt des Gründers und Mentors fokussieren, die aber auch Teil der Biographie eines jeden Vereinsmitglieds sind, ist ein wichtiger Beitrag zur Standortbestimmung und Selbstvergewisserung. Kritische Betrachtung der Vergangenheit schmälert Verdienste nicht, und Zeitgebundenheit ist ein Wesensmerkmal allen menschlichen Tuns, das gilt für den Sport nicht weniger als für jeden anderen gesellschaftlichen Bereich.

Wolfgang Benz

0) Prof. Dr. Wolfgang Benz ist Historiker und lehrt an der Technischen Universität Berlin.

Einführung

Beim Lesen dieser Überschrift mag sich bei dem einen oder der anderen schon ein leises Unbehagen eingeschlichen haben: Was hat denn das Rudern mit Politik zu tun? Und was, bitte, hat denn mein Verein, der Märkische Ruderverein, mit Politik zu schaffen? Den meisten Sportlerinnen und Sportlern erscheint, denken sie über ihren Sport und ihren Verein nach, ihr eigenes Erlebnis der körperlichen Betätigung, das dabei empfundene Vergnügen, das Verhältnis zu den anderen Vereinsmitgliedern und die sich daraus ergebenden geselligen Ereignisse viel wichtiger zu sein als irgendwelche politischen Inhalte, zumal parteipolitischer Art. Ja gewiss, es gibt so etwas wie Verbandspolitik, werden die daran Interessierten anmerken, aber das ist doch nur eine Angelegenheit für die Spitzenfunktionäre und betrifft obendrein heutzutage nur Politikfelder, die unproblematisch zu sein scheinen: Der organisierte Sport leistet seine Beiträge zur Gesellschaft der Bundesrepublik, in der Gesundheitspolitik, in der Jugendpolitik und auch in der Integrationspolitik, indem er Menschen die Möglichkeiten zu gesunder, geselliger und somit sinnvoller Freizeitgestaltung bietet. Auf der Ebene der Vereine ist das alltägliche Praxis und scheint keiner weiteren Erwähnung wert. Das eigene Erleben ist aus der Sicht des Sportlers das Entscheidende.

Historiker hingegen haben eine andere Perspektive auf das Geschehen in den Vereinen. Sie begreifen Vereine als freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen mit gemeinsamen Interessen, als selbst organisierte, kleine Ausschnitte aus der Gesamtgesellschaft. Sie vermuten, dass sich die Praxis der Gesamtgesellschaft in dem kleinen Ausschnitt des Vereins widerspiegelt und erhoffen sich so von der Untersuchung der Geschehnisse in den Vereinen und Verbänden - soweit sie überliefert und nachvollziehbar sind - die Möglichkeit, Rückschlüsse auf das allgemeine Klima in einer Gesellschaft zu ziehen. Historiker interessieren sich also in erster Linie für das, was am Vereinsleben repräsentativ für die Gesamtgesellschaft ist. Die Betrachtung längst vergangener Geschehnisse im Verein bietet so die Möglichkeit zum Einblick in die historische Praxis zurückliegender Zeiten. Hier nun soll im Folgenden der Versuch gemacht werden, anhand der Lektüre der vom Gründer des Märkischen Rudervereins, Richard Nordhausen, herausgegebenen Zeitschrift des Vereins, dem „Märkischen Ruderboten" (MRb), das politische Klima zu rekonstruieren, das in den ersten Jahrzehnten innerhalb des Vereins, aber auch innerhalb der deutschen Gesellschaft insgesamt geherrscht hat.

Nordhausen nämlich hat, wie noch zu zeigen sein wird, zwischen seinem Sport, dem Wanderrudern, und der Politik keine eindeutige Trennlinie gezogen, sondern hatte sich sogar eine sehr politische Auffassung vom Rudersport zu Eigen gemacht. Bis heute gilt der Gründer und langjährige Vereinsvorsitzende des Märkischen Rudervereins (MR) als idealistischer Liebhaber des Wanderruderns, der teilweise unter großzügigem Einsatz seines eigenen Vermögens Pionierarbeit bei der Etablierung dieses Sports geleistet hat. Tatsächlich hatte Nordhausen im Jahr 1901 die Gründung des MR aus eigener Initiative eingeleitet und den Verein in der Folge mit seinem eigenen Vermögen unterstützt. Der MR wurde schnell zu einem der größten Wassersportvereine Berlins. Obwohl der MR bis 1913 den Spitzenverbänden des Wassersports in Berlin fernblieb, trug er stark zur Verbreitung des Wanderruderns in Berlin bei. Aus seinen Reihen heraus gingen zahlreiche weitere Vereinsgründungen hervor, was anfänglich zu einer beträchtlichen Mitgliederfluktuation im Verein führte. Dazu mag auch die überragende Stellung Nordhausens innerhalb des Vereins beigetragen haben, der klare Vorstellungen davon hatte, welche Ziele das Vereinsleben verfolgen sollte und wie es auszusehen hatte. Nordhausen mahnte bei den Mitgliedern des MR eine fast militärisch zu nennende Disziplin an, die nicht jedermanns Sache zu sein schien. Aber auch die Vereinsgründungen durch ausgetretene Mitglieder konnte Nordhausen als Erfolge begreifen, denn er war sehr an der Ausbreitung des Wassersports interessiert, aus Gründen, die es später noch genauer zu betrachten gilt. Nordhausen wollte das Wanderrudern auch ärmeren Schichten zugänglich machen und sorgte schon früh dafür, auch Frauen und Jugendlichen das Wanderrudern zu ermöglichen. Das geschah im MR dadurch, dass dem Verein zwei eigene Zweigvereine angegliedert wurden, die mit den germanischen Namen „Jung Frithjof" und „Frigga" benannt wurden. Etwa 30 Jahre hindurch stand Nordhausen an der Spitze des Vereins, legte dann, unzufrieden mit den neuen politischen Umständen, 1934 seine Ämter im Verein und im Verband nieder und zog sich ins Privatleben zurück. Trotzdem erschien im gleichgeschalteten „Wassersport", dem offiziellen Organ des Deutschen Ruderverbands, zu seinem 70. Geburtstag eine Würdigung Richard Nordhausens. Lobend wurde erwähnt, dass er „im politischen Tageskampfe so manche Attacke für den nationalen Gedanken geritten" habe, was ihm eine besonders herausgehobene Stellung in der Geschichte des Ruderverbands verschaffte.

Richard Nordhausen ein Siebziger

... denn um Politik kümmerte man sich früher in Ruderkreisen recht wenig. Schon seine 1890 erschienene Schrift: „Bismarck-Hetze" ließ den mutigen Kämpfer für vaterländische Ideale erkennen. ... Mit seinen Schriften „Zwischen vierzehn und achtzehn" und besonders mit seiner Streitschrift „Die rote Tinktur" war er ein trefflicher Vorbereiter für nationalsozialistisches Gedankengut.

WS 56, 1938, S. 106

Was verbirgt sich hinter dieser ausgesprochenen Wertschätzung Nordhausens durch ein NS-Sportorgan? Wie genau hat denn das politische Wirken Nordhausens „in Ruderkreisen" vor seinem Rückzug 1934 ausgesehen? Diese Fragen sollen im Folgenden untersucht werden.

Wo es nötig erscheint, wird dazu neben dem „Märkischen Ruderboten", der in den Zwanzigerjahren nicht mehr regelmäßig erschien, noch die Zeitschrift „Wassersport" (WS), ab 1883 das Verbandsorgan verschiedener Wassersportverbände, herangezogen. Auch werden relevante politische Zusammenhänge ausführlich erläutert werden. Die Darstellung soll aber möglichst quellennah erfolgen, Richard Nordhausen wird ausführlich zu Wort kommen. Zunächst einmal müssen wir aber noch einen Blick auf die Anfänge des Rudersports in Deutschland bis 1890 werfen, um die Grundlagen der Entwicklung zu beschreiben. Der zweite Abschnitt wird sich mit der Zeit von 1890 bis 1914 beschäftigen, der dritte mit der von 1914 bis 1918. Darauf folgt eine Betrachtung der Jahre 1919 bis 1933; der letzte Teil ist der Zeit des NS-Regimes gewidmet. Wir werden sehen, dass Nordhausen sein Wirken auch als politische Tätigkeit verstand, dass der Rudersport im Allgemeinen wie auch der Märkische Ruderverein im Besonderen nicht in einem politikfreien Raum existiert haben.

Die Zeit bis 1890: Unpolitische Anfänge

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich der aus England stammende Rudersport in Deutschland zu verbreiten. Zunächst war das eine Sache der, wie wir es heute ausdrücken würden, Besserverdienenden, denn vor Ausübung des Rudersports sind einige Ausgaben zu tätigen, für Boote, Unterstellmöglichkeiten usw.. Die meisten der Pioniere des Rudersports hatten ihn bei Aufenthalten in Großbritannien kennen gelernt oder er war ihnen von Briten, die in Deutschland lebten, nahe gebracht worden.1 So wird im „Wassersport" berichtet, dass sich Wilhelm I. während eines Kuraufenthalts in Bad Ems einem zufällig daherfahrenden englischen Wanderruderer mit freundlichem Interesse genähert habe, was zu einer gewissen gesellschaftlichen Aufwertung des bis dahin recht exotischen, aus England importierten Sports geführt habe.

Tatsächlich waren die Kontakte zwischen Großbritannien und Deutschland recht ausgeprägt, wenn auch etwas einseitig: Aufgrund des britischen Vorsprungs im Industrialisierungsprozess absolvierten Mitte des 19. Jahrhunderts viele deutsche Ingenieure und Angehörige technischer Berufe ihre Ausbildung in Großbritannien; Deutschland hatte bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts hinein kein vergleichbares Ausbildungswesen zu bieten. Da aber auch in Deutschland nach der Reichsgründung 1871 ein rasanter Industrialisierungsschub einsetzte, bestand zusätzlich in der aufstrebenden deutschen Wirtschaft zunächst ein großer Bedarf an Fachleuten aus Großbritannien. Britische Ingenieure übernahmen auch wichtige Funktionen in den nunmehr sehr schnell wachsenden deutschen Großstädten. War das Verhältnis der beiden Handelsnationen, der alten britischen und der aufstrebenden deutschen, auch von wirtschaftlicher Konkurrenz geprägt, so gab es doch in englischen und deutschen Städten ein Mit- und Nebeneinander von britischen und deutschen Kollegen, die ein gemeinsames Interesse an dem durch die Briten nach Deutschland importierten Rudersport entwickelten.

Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands brachte zudem eine Ausweitung des deutsch-britischen Handels mit sich; deutsche Firmen gründeten Niederlassungen in Großbritannien, britische in Deutschland. So trat zu den sportbegeisterten Angehörigen der technischen Berufe auch bald die neu entstehende Gruppe der Angestellten hinzu, die ebenfalls beruflich mit Briten zu tun hatte. In diesem Milieu war der Rudersport in Deutschland zunächst beheimatet, für Arbeiter war dieser Sport zu teuer.

Halten wir zum Schluss also fest: Der Rudersport war in seinen Anfängen eine Angelegenheit der wohlhabenden Mittelschichten; es war eine aus England importierte Sportart; und es gab viele deutsche Vereine, in denen Engländer Mitglieder waren, ja, die oft genug sogar von Engländern gegründet worden waren (in anderen Sportarten verhielt es sich ähnlich).2

1) Vgl. die Schilderung der Gründung des ersten Rudervereins in Deutschland, des „Der Hamburger Ruderclub", der noch heute als „Der Hamburger und Germania Ruder-Club" existiert, in Wassersport 54, 1936, S. 557-561.

2) Dazu ausführlich Christiane Eisenberg, „English Sports" und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939, Paderborn, München, Wien, Zürich 2000, S. 145-214.

1890 - 1918: Wilhelminische Moderne

Mit der Proklamation seines „Neuen Kurses" leitete der noch junge Kaiser Wilhelm II. 1890 eine neue Phase der deutschen Politik ein. Dem Aufstieg Deutschlands in die Gruppe der vier führenden Wirtschaftsmächte der Welt neben Großbritannien, den USA und Frankreich sollte der Ausbau der machtpolitischen Stellung folgen. „Um Deutschlands Weltgeltung", so lautete eine damals häufig benutzte Formel, kreisten die Gedanken der Reichsleitung künftig. Reichskanzler Bülow benannte das Ziel etwas freundlicher, indem er von einem Wunsch nach einem „Platz an der Sonne" für Deutschland sprach - womit Kolonien gemeint waren, in Afrika, Asien, in der Südsee. Zum wirtschaftlichen Konkurrenzverhältnis mit England trat nun noch ein politisches, denn Großbritannien war die mit Abstand größte Kolonialmacht. Mit seinem machtpolitischen Ehrgeiz, der im Bau einer gegen Großbritannien gerichteten Flotte gipfelte, machte sich Deutschland Großbritannien zum Gegner. „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser", so lautete die vom Kaiser ausgegebene Parole, die sich in weiten Kreisen großer Popularität erfreute, die sich z.B. in der Verbreitung des Matrosenanzugs als Kinderbekleidung manifestierte. Die Begeisterung blieb allerdings nicht auf so harmlose Ausprägungen beschränkt: Mit der Gründung des „Deutschen Flottenvereins" entstand um die Jahrhundertwende ein politischer Agitationsverein des Bürgertums, der ähnlich wie der etwas später gegründete „Deutsche Wehrverein" und auch der „Alldeutsche Verein" von der kaiserlichen Regierung eine über deren Programm hinausgehende verstärkte Aufrüstung und eine verstärkte expansive Politik verlangte.3

War die Innenpolitik des „Neuen Kurses" so einerseits von einem steigenden Nationalismus und Militarismus, der schließlich in eine ausgesprochene Kriegsbereitschaft mündete, geprägt, so war sie andererseits gekennzeichnet durch eine wachsende Furcht vor der immer stärker werdenden Arbeiterbewegung in Form der Sozialdemokratie, von der man die Umwälzung der politischen Verhältnisse im Kaiserreich befürchtete. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs herrschte zudem im Bürgertum das Gefühl einer allgemeinen Krise vor, da die durch die Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingetretenen Veränderungen des Alltagslebens, der Gesellschaftsstrukturen und das rapide Anwachsen der Städte und die damit verbundenen sozialen Probleme wie Wanderbewegungen und Großstadtarmut eine tiefgreifende Beunruhigung hervorriefen. Besondere Sorge bereitete der Reichsleitung um die Jahrhundertwende die Jugendarbeit der Sozialdemokraten, deren Partei gerade bei den jungen Wählern immer mehr Erfolge hatte. So zeigten der Kaiser und die Regierungen erstmals ein deutliches Interesse an einer einheitlichen staatlichen Bildungs- und Jugendpolitik, die die heranwachsende Generation zur Anpassung an die herrschenden Normen bringen sollte. Hauptsächliches Augenmerk wurde dabei auf das Alter zwischen vierzehn und achtzehn gelegt, das aus staatlicher Perspektive besondere Gefahren barg, vor allem für die Volksschüler, die immerhin mehr als 90% der Jugendlichen ausmachten. Im staatlichen Erziehungssystem tat sich hier „die Lücke zwischen Volksschule und Kaserne" auf, in der die Jugend besonders der ärmeren Schichten sich der Sozialdemokratie, die als umstürzlerisch und staatsfeindlich begriffen wurde, zuwenden oder ohne staatliche Erziehungsaufsicht auch angeblichen moralischen Gefährdungen des Großstadtlebens erliegen könnte.
Tatsächlich begann innerhalb der SPD nach der Jahrhundertwende auch ein kleiner Teil der Parteiangehörigen eine allerdings nicht sehr systematische Jugendarbeit zu betreiben, die aber weniger in parteipolitischen Schulungen bestand, sondern ihr Schwergewicht mehr auf Bildungsarbeit und sinnvolle Freizeitangebote legte und so weit weniger politisch war, als ihre Anbindung an die SPD vermuten ließ. Trotzdem reagierte der preußische Staat mit Behinderungen, ja sogar mit Polizeischikanen bis hin zur Gewaltanwendung auf die SPD-nahen Jugendorganisationen, die bald als „politisch" verboten wurden. Übrigens wurde auch die bürgerliche Jugendbewegung, die zumeist generalisierend unter der Bezeichnung „Wandervögel" firmiert, von staatlicher Seite aus mit Misstrauen beäugt, schien sie sich doch der staatlichen Kontrolle entziehen zu wollen. Wie noch zu zeigen sein wird, dachte die staatliche Jugendpolitik („Jugendpflege", so der zeitgenössische Ausdruck) daran, die Jugend durch eine halbstaatliche Jugendorganisation, in der auch die Turn- und Sportvereine eine wichtige Rolle spielen sollten, unter staatliche Aufsicht zu bringen. Doch selbst dem bürgerlichen Vereinswesen standen die Reichsregierungen misstrauisch gegenüber, da sie überall, auch im Bürgertum, Opposition witterte. In den meisten Punkten jedoch waren die bürgerlichen Schichten mit der Politik der Reichsleitung einverstanden, so dass die Reichsleitung keine Opposition von ihnen zu erwarten hatte - und das sollte sich auch im Vereinsleben des Märkischen Rudervereins zeigen, der ein Verein genau der bürgerlichen Mittelschichten war. Zudem hatte er in der Person seines Gründers und langjährigen Vorsitzenden Richard Nordhausen einen Mann an seiner Spitze, der seinen politischen Überzeugungen, die denen der Reichsleitung sehr nahe standen, ja sie in ihrer Radikalität eher noch übertrafen, beredten Ausdruck verleihen konnte. Betrachten wir den Verein nur einmal näher.

Die Mitgliederstruktur des MR entspricht genau dem oben geschilderten Muster. Wie aus dem „Ruderboten" hervorgeht, traten vor 1914 in der Hauptsache Ingenieure, Architekten, Angehörige technischer Berufe, Studierende technischer Fächer, Kleinunternehmer und -händler, Angestellte aus Banken, Industrie und Handel, mittlere Beamte sowie vereinzelte Ausübende freier Berufe, Offiziere, Rittergutsbesitzer und sogar zwei Abgeordnete des Reichstags in den MR ein; Handwerker waren kaum, Arbeiter überhaupt nicht vertreten.4 Diesen Kreisen schmeichelte es sehr, dass der Kaiser wie schon vorher sein Vater und sein Großvater immer wieder besonderes Interesse am Wassersport zeigte. Bei Wilhelm II., der als Erwachsener selbst außer exzessivem Jagen keinen Sport mehr trieb, standen dabei Nützlichkeitserwägungen im Vordergrund. Er fürchtete nämlich - wie übrigens sehr viele seiner Zeitgenossen - die „verderblichen Einflüsse des Großstadtlebens" auf die Jugend: Mangelnde Aufsicht der Jugendlichen durch Schule und Eltern, Alkohol, Verfall der Sitten, politische Radikalisierung durch steigenden Einfluss der Sozialdemokratie und nicht zuletzt die gesundheitsschädlichen Wohn- und Arbeitsverhältnisse in den Großstädten führten angeblich zur Verwahrlosung der Jugend und gefährdeten so die Zukunft des Deutschen Reiches. Der Kaiser versprach sich nun von der Arbeit der Schulen und schließlich auch der Sportvereine die Erziehung der Jugend zu gesunden, disziplinierten, wehrtüchtigen und politisch zuverlässigen Staatsbürgern. Die Schule sollte seinen Worten nach „das Gefecht gegen die Sozialdemokratie übernehmen", hatte er bereits 1890 vor der großen Reichsschulkonferenz gefordert und darauf hingearbeitet, mit Hilfe einer Schulreform „ein wehrhaftes Geschlecht" heranzuziehen:

Bedenken Sie, was uns für ein Nachwuchs für die Landesverteidigung erwächst. Ich suche nach Soldaten, wir wollen eine kräftige Generation haben, die auch als geistige Führer und Beamte dem Vaterlande dienen.

Wilhelm II. am 4. Dezember 1890
vor der Reichsschulkonferenz5

Dass Wilhelm II., der persönlich stark am Aufbau einer starken Flotte interessiert war, sein besonderes Augenmerk auf den Wassersport richtete, verstand sich gewissermaßen von selbst. Die Regierungen wurden bereits vor der Jahrhundertwende angewiesen, das Schülerrudern an den Schulen finanziell zu unterstützen, und das zu einer Zeit, in der der Staat ansonsten nur einen verschwindend geringen Bruchteil seiner Ausgaben für soziale Zwecke ausgab - der weitaus größte Anteil der Mittel wurde für Marine und Heer verwendet.

Bereits in der ersten Ausgabe des Märkischen Ruderboten vom 6. März 1903 findet sich ein Bericht über eine Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses, in dem Fragen des Schülerruderns verhandelt wurden, das die Mehrheit der Abgeordneten noch für gesundheitsschädlich hielt, da es die jungen Körper überbeanspruche - eine Auffassung, die Richard Nordhausen in verschiedenen Artikeln immer wieder zurückwies; im Gegenteil, er hielt den Sport für absolut notwendig, weil er wie der Kaiser der Auffassung war, das Leben in der Großstadt wäre für die Gesundheit äußerst gefährlich. Wie dramatisch er die gesundheitliche Situation der Stadtbewohner beurteilte und wie hoch er den Wert des Sports veranschlagte, geht aus einem Aufsatz hervor, den er 1908 als Herausgeber des MRb veröffentlichen ließ. Nordhausen sah angesichts des ungesunden Lebenswandels, den die moderne Industriegesellschaft und die moderne Großstadt angeblich mit sich brächten, gar die Bevölkerung der Städte als vom Aussterben bedroht an:

Sport ist wahrhaftig zehnmal mehr als ein Vergnügen; er ist, zumal für die Städter und für alle Schreibtischarbeiter, eine ernste Pflicht zur Selbsterhaltung geworden. Jede Mußestunde sollen wir moderne Menschen dazu benutzen, mit seiner Hilfe Siechtum und Tod zu vermeiden. Nur Bewegung ist Leben; ohne Bewegung müssen wir verkümmern, verlernen die wichtigsten Organe unseres Körpers die Erfüllung ihrer Aufgaben. Unaufhörlich klingt uns heute der Vorwurf ins Ohr, daß die Kultur von heute ihren eigenen Untergang erzwingt, daß die überhastete, ruhelose Erwerbstätigkeit, die tolle Jagd nach dem Geld und die einseitige Ausbildung geistiger Fähigkeiten uns zu körperlich widerstandslosen Gehirnkrüppeln macht. Ohne Zuzug vom Lande - der hat doch aber schließlich doch auch seine Grenzen - wüchse bald Gras in den Straßen der großen Städte; kaum eine Berliner Familie, die nicht nach hundert Jahren ausgestorben ist! Die Natur hat uns Menschen nicht für Kontore und Bureaus geschaffen, und sie rächt es unbarmherzig, daß wir, anstatt unter Gottes freiem Himmel zu atmen, zwanzig und mehr Stunden des Tages in verdorbener, giftiger Stubenluft verbringen.

MRb 6, Nr. 60, 30. April 1908, S. 932

Diese Gedankengänge sind typisch für die Verunsicherung, die die schnelle Industrialisierung, deren Tempo im weltweiten Aufschwung nach 1896 noch einmal dramatisch angewachsen war, im Bürgertum hervorgerufen hatte. Nordhausen sprach mit seinen Wendungen von „überhasteter, ruheloser Erwerbstätigkeit" und der „tollen Jagd nach dem Geld" die von ihm als negativ begriffenen Seiten des Fortschritts an. Das ist aber nicht als Kapitalismuskritik linker Provenienz zu lesen, sondern gibt eine im Bürgertum weit verbreitete Position zu den neuen Gesellschaftsverhältnissen wieder, die den „Materialismus" der neuen Zeit aufs Korn nahm, hing doch die gesellschaftliche Reputation nunmehr in verstärktem Maße von der Menge des besessenen Geldes ab, alte Leitbilder wurden zurückgedrängt. Zudem hatte die Gesellschaft sich binnen einer Generation an völlig neue Anforderungen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes anzupassen.

Die Ansprüche an die theoretische Ausbildung der einzelnen Berufe waren gestiegen, die Arbeitszeiten waren extrem lang - bis nach der Jahrhundertwende wurde in den meisten Betrieben sogar an Sonntagen gearbeitet, zumeist vier Stunden! Von der „englischen Woche" (dieser Ausdruck ist heute nur noch Fußballanhängern geläufig, allerdings mit verändertem Sinngehalt), also der Arbeitswoche mit „weekend" ab Samstag Nachmittag, war man noch weit entfernt, was natürlich auch die Aktivitäten der Sportvereine stark behinderte. Tatsächlich hatte der Autor bei seinen Ausführungen nur das Bürgertum im Auge, genauer gesagt die „Büroarbeiter", die nun eben auch in Schule und Ausbildung viel Zeit auf den Erwerb theoretischer Kenntnisse erwerben mussten, während der Turnunterricht an den höheren und mittleren Schulen stark vernachlässigt wurde und an den Universitäten zumeist gänzlich fehlte. Das meint Nordhausen, wenn er davon spricht, die „Ausbildung einseitiger geistiger Fähigkeiten" habe nur „körperlich widerstandslose Gehirnkrüppel" hervorgebracht. Wenn heute auch niemand mehr den gesundheitlichen Wert des Sports in Frage stellt, erscheint die Angst vor dem Aussterben der Städte auf Grund eines allgemeinen Bewegungsmangels doch als etwas grotesk, zumal heute auch niemand mehr den Wert einer soliden, auch theoretisch fundierten Berufsausbildung ernsthaft bezweifeln dürfte. Im Übrigen vergisst der Autor die Lage der Arbeiter, die den größten Teil der Bewohner der Großstädte stellte - was sie anbetrifft, so dürfte von „einseitiger geistiger Ausbildung", von Bewegungsmangel, oder gar „toller Jagd nach dem Geld" wohl keine Rede

sein. Sie arbeiteten auch nicht in „Kontoren und Bureaus", wohl aber oft genug in der wirklich „verdorbenen, giftgen Luft" der Fabrikhallen.

Die Annahme, dass das moderne Leben die Menschen schädigen würde, erregte noch grundsätzlichere Ängste. Denn, so lernten Generationen von Schülern und Studenten damals - und so stand es auch im MRb zu lesen - „das Leben ist Kampf", ja sogar ein einziger „Kampf ums Dasein":

Das Leben aller Organismen ist Kampf! Kampf gegen die nähere Umgebung, gegen die gesamte Außenwelt, gegen die Natur. Wir wissen heute, daß dieser Kampf ums Dasein einen der Hauptfaktoren in der Lebensentwicklung darstellt. ...

MRb 6, Nr. 61, 31. Mai 1908, S. 952

Der Sport erschien Nordhausen als ideales „Heilmittel gegen die Schäden moderner Zivilisation". Er verwies auf das Beispiel einer anderen aufstrebenden Industrienation, die seiner Meinung nach das Potential des Sports schon länger erkannt hatte:

Amerika liefert uns ein Beispiel, wie die Pflege des Sports als wichtigster Faktor zur Stärkung des Individuums im Kampf ums Dasein gewürdigt wird. Die Ausübung des Sports im weitesten Umfang ist zu einer Lebensfrage der Völker geworden, durch ihn müssen wir kräftige und arbeitsfrohe Männer, körperlich und geistig gesunde Mütter erziehen. In diesen liegt die Zukunft, nicht in der künstlichen Brütung und Aufpäppelung von schwächlichen, schon im Keim zu frühem Tod bestimmten und zum ernsten Daseinskampf nie befähigten und darum minderwertigen Geschöpfen.

MRb 6, Nr. 61, 31. Mai 1908, S. 954

Diese Auffassung, die eine grundsätzliche Verachtung des Schwachen und Hilfsbedürftigen anklingen lässt, war eine übersteigerte Reaktion auf den gestiegenen Konkurrenzdruck der Industriegesellschaft, die durch eine verzerrende Interpretation der Theorien von Charles Darwin ihre wissenschaftlichen Weihen erhielt und scheinbar durch die politischen und sozialen Konflikte der damaligen Zeit bestätigt wurde. Die Gesellschaft des wilhelminischen Reichs hatte viel Angst: Davor, dass Deutschland wirtschaftlich untergehen könnte; davor, dass die Jugend „entarten" könnte; davor, dass das deutsche Volk verweichlichen, degenerieren oder gar aussterben könnte; davor, dass es im Innern einen Umsturz durch die unterprivilegierte Arbeiterschaft geben könnte; davor, dass von außen eventuelle Feinde über Deutschland herfallen könnten. Nach der Jahrhundertwende setzte sich so langsam der Gedanke durch, dass die Konflikte unweigerlich irgendwann gewaltsam ausgetragen würden, und „wie in der Natur" würde nur der Stärkere übrig bleiben. Für einen solchen immer währenden und allumfassenden Kampf musste man natürlich gerüstet sein; der Sport wurde so als körperliche Ertüchtigung betrachtet. Man hielt ihn aber auch für eine Art „Charakterschule", für eine Gelegenheit, bei der man Leistungsbereitschaft, Selbstbeherrschung und Mut lernen kann. So sei für den Sport, so stand es im MRb,

mit Recht das Wort am Platze, daß man ... fürs Leben lernt. Mußte früher der Mensch sein Leben jederzeit mit der Waffe zu verteidigen bereit sein, sei es im Kampfe gegen das von ihm angegriffene Tier oder gegen den Nebenmenschen, so ist Leben und Persönlichkeit des Kulturmenschen durch Gesetzgebung, Polizei und Gesundheitspflege behütet. Das Überwinden der Gefahr aber bietet einen Reiz, den der Tüchtige nicht vermissen mag; das beglückende Gefühl des Sieges wird nur durch den Kampf mit Gefahren erworben. ... Müssen wir im Kampfe mit der Gefahr ein wichtiges Erziehungsmittel zu Mut und Willensstärke erblicken, so muß im Sport ein Heilmittel gegen die Schädigung erkannt werden, die darin liegt, daß der zivilisierte Staat seine Untertanen am Gängelband leitet und mit tausend Paragraphen die Gefahren und damit den Kampf gegen sie eliminiert.

MRb 6, Nr. 61, 31. Mai 1908, S. 953

Hier wird also der Sport als Ersatz für den Kampf mit Waffen gedeutet, der sportliche Wettkampf wird mit dem „Überwinden der Gefahr" gleichgesetzt, die etwa steinzeitliche Jäger „im Kampf gegen das von ihnen angegriffene Tier" bestehen mussten oder gar gegen ihre Mitmenschen kämpfend. Sogar die wohl kaum bestreitbaren Seiten des Fortschritts, die Rechtstaatlichkeit oder die verbesserte Medizin, die größere Lebenssicherheit, werden als problematisch begriffen, weil sie das Leben ungefährlich machen und so die Menschen verweichlichen würden. Vor diesem gedanklichen Hintergrund erscheint es nicht mehr so überraschend, das große Teile des Bürgertums den Kriegsbeginn 1914 als große Bewährungsprobe verstanden. Richard Nordhausen selbst drückte seine Wertschätzung des Sport so aus:

Was soll uns der Sport sein? Ein nationaler Jungbrunnen, der die körperlichen und seelischen Eigenschaften der Rasse verbessert und sie wehrfähig erhält, im rasenden wirtschaftlichen Kampfe sowohl wie, wenn' s sein muß, zum Widerstande gegen äußere Feinde. Daneben ist es die Aufgabe des Sports, Glanz und Lebensfreude in das Dasein von Hunderttausenden zu bringen, die jetzt der Industrialismus gefesselt hält, ihre Sonntage mit Licht zu übergießen und ihnen die Überzeugung beizubringen, daß männliche Tugenden trotz alledem Bedeutung und Wert haben.

Richard Nordhausen
im MRb 6, Nr. 79 25. Oktober 1908, S. 1207

Das, was heute vermutlich den meisten Angehörigen des Märkischen Rudervereins am wichtigsten sein wird, nämlich eine angenehme Freizeitgestaltung, Lebensfreude und Lebensgenuss, bezeichnet Nordhausen in diesem Text als Nebensache. Er will mit dem Wanderrudern „männliche Tugenden" produzieren - und das heißt im Kaiserreich Soldaten, Kolonialpioniere, Seefahrer etc. Dass es ihm ernst damit war, lässt sich an zahlreichen Texten im MRb zeigen:
So glaubt er bei einer vereinsinternen Abschiedsfeier für einrückende Rekruten 1905

mit Stolz sagen (zu) dürfen, daß die Ruderarbeit und die Vereinsdisziplin den neugebackenen Marsjüngern ihre Aufgabe erleichtern werden.

Richard Nordhausen
im MRb 3, Nr. 30, 20. Oktober 1905, S. 450

Als ein Vereinsmitglied, Hans Berthold, am Kolonialkrieg gegen die Herero im heutigen Namibia teilnahm, wurde das in mehreren Artikeln im MRb gefeiert. Über den Untergang eines deutschen Kriegsschiffs in einem Taifun verfasste Nordhausen ein Gedicht, in dem er sich vorstellte, wie die Mannschaft in den letzten Sekunden ihres Lebens im Orkan noch ein Kaiserhoch ausbringt und dann stirbt:

Und da ... überbrausend der Wasser Schrei,
Aus der Springflut kochendem Geiser,
Aus dem rasenden Sturm ringt der Ruf sich frei:
Hurra der Kaiser, der Kaiser!
Und der Abgrund schließt sich ...

MRb 1, Nr. 6, 24. Juli 1903, S. 71

Ob die Matrosen kurz vor dem Ertrinken tatsächlich noch „Hurra" gerufen haben, darf getrost bezweifelt werden. Nordhausen bringt wohl eher eine nach dem Untergang des Schiffes in Umlauf gesetzte patriotische Legende in Versform. Nordhausen bewegte sich damit ganz in den üblichen bürgerlichen Formen des Patriotismus, zu dessen Bestandteilen etwa auch eine weitgehend unkritische Verehrung Bismarcks gehörte. So schenkte Nordhausen dem MR für sein Bootshaus anlässlich einer Bismarckgedenkfeier 1904 ein Ölgemälde mit einem Portrait des Altreichskanzlers, den er, wie wir bereits aus seiner Würdigung erfahren haben, besonders verehrte. Nach Bismarcks Entlassung durch Wilhelm II. 1890 hatte Nordhausen den in Ungnade gefallenen Politiker in einer eigenen Streitschrift in Schutz genommen, worunter seine Verehrung des Kaisers allerdings nicht litt. So sorgte er dafür, dass sich der MR an der „Kaiserhuldigungsfahrt", einer vom Deutschen Ruderverband organisierten Vorbeifahrt von Rudervereinen aus ganz Deutschland am Kaiser in Grünau aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen Regierungsjubiläums am 8. Juni 1913, beteiligte.

Auch die sich in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sich häufenden historischen Jubiläen fanden Nordhausens Beachtung. 1909 warb er für die Abhaltung einer „deutschen Jubelfeier ... aus Anlass der neunzehnhundert-jährigen Wiederkehr der Tage der Hermannsschlacht", die den kriegerischen Heldenmut der zu direkten Vorfahren der Deutschen ernannten Germanen zelebrieren sollte, die unter dem Befehl von Hermann, so der deutsche Name, bzw. Arminius, wie die lateinischen Quellen ihn nennen, die Römer, „als sie frech geworden" geschlagen hatten, angeblich im Teutoburger Wald. Am Ende des betreffenden Artikels im MRb wurde ein Gedicht von Felix Dahn („Ein Kampf um Rom") abgedruckt, dessen letzte Verse lauten:

Heil dem Helden Armin!
Auf den Schild hebet ihn,
Zeigt ihn den unsterblichen Ahnen:
Solche Führer wie der
Gib uns, Wodan, mehr -

Und die Welt, sie gehört den Germanen!

MRb 7, Nr. 75, 20. Juli 1909, S. 1167 - 1168

Nordhausen hatte also ein Schwäche für den zu Beginn des Jahrhunderts um sich greifenden Kult der Germanen, die Dahn in seinem Gedicht als zur Weltherrschaft berufen darstellt, wenn sie denn nur den richtigen Führer hätten! Folgerichtig beschäftigte er sich weiter mit diesen Gedanken und sorgte für deren Verbreitung auch im Rahmen des Vereinslebens. Daher fand am 6. März 1914 unter dem Titel „Arische Urüberlieferungen" ein Vortrag des „unseren Mitgliedern wohl bekannten deutschnationalen Schriftstellers Herr Philipp Stauff" statt, der in seiner „ungemein fesselnden, kerndeutschen Art" erläutern wollte, „wie viel Erinnerungen an die Urväter unser heutiges Alltagsleben noch birgt", gerade so, als hätte es tatsächlich Gewohnheiten in der bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreichs gegeben, die von den Germanen herrührten. Diese Vorstellung war - selbst am damaligen Kenntnistand der Wissenschaften gemessen - absurd, aber der Vortragende sollte ja ohnehin nicht gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse verbreiten, sein Vortrag diente vielmehr der Absicht, „noch mächtiger jedes deutsche Herz (zu) erheben" (MRb 12, 1914, S. 1804). In den Kriegsausgaben des MRb wurde in einer Rubrik unter dem Titel „Was ein Germane ist" die Figur des „Germanen" dazu benutzt, um auf sie ein übertrieben positives Selbstbild, patriotische Ideale oder konkrete Handlungsanweisungen zu projizieren:

Ein Germane ist, wer gleich der Eiche langsam wächst, aber sich selber treu bleibt. ...

Ein Germane ist nicht, wer viele Worte über Heldentum macht. - Ein Germane ist, wer immer und überall Gelegenheit findet, ein Held zu sein. ....

Ein Germane ist nicht, wen äußere Dingen verzagt machen können. - Ein Germane ist, wer den höchsten Mut immer von sich selber verlangt. ...

Ein Germane ist nicht, wer um der Höflichkeit willen lügt. - Ein Germane ist, wer den Freund mit derselben Hand packt, die das Schwert führt. ...

Ein Germane ist nicht, wer Bequemlichkeit mehr liebt als den Kampf. Ein Germane ist, der nur das bewundert, was erkämpft ward. ...

Ein Germane ist nicht, wer der Abrechnung aus dem Wege geht. - Ein Germane ist, wer reine Luft zum Atmen braucht. ...

Ein Germane ist nicht, wer knechtische Gesinnung um sich duldet. - Ein Germane ist, wen Fledermäuse fliehen und die Eulen hassen. ...

MRb 13, Nr. 144, 1. April 1915, S. 1999 - 2000

Die Figur des Germanen eignete sich vortrefflich dazu, ihr allerhand Eigenschaften und Handlungsweisen zuzuschreiben, die aus der Sicht der damaligen Gegenwart erwünscht waren, gerade weil man - übrigens bis heute - nicht allzu viel gesichertes Wissen über diejenigen Völker und Stämme hat, die unter der Sammelbezeichnung „Germanen" zusammengefasst werden. In der Idealisierung der Germanen spiegelten sich also die Ideale der wilhelminischen Gegenwart, im letzten Zitat unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs: „Ein Germane ist, wer immer und überall die Gelegenheit findet, ein Held zu sein ...", wer nicht „von äußeren Dingen verzagt" ist, wer nicht „Bequemlichkeit mehr als den Kampf liebt", „wer der Abrechnung nicht aus dem Wege geht" - was 1916, vor dem Hintergrund des Krieges, gemeint war, war nicht allzu schwer zu verstehen.

Neben diesen allgemeinen patriotischen Inhalten umfasste das im Märkischen Ruderverein für die Wintermonate gestaltete Vortragsprogramm immer wieder Vorträge mit eindeutiger politischer Absicht. So wurde für den 9. Februar 1906 im MRb folgende Veranstaltung angekündigt:

Deutsche Marine und deutsche Kolonien. Vortrag mit Lichtbildern von Herrn Hauptmann Röper. Wir bitten unsere Herren höflich, Bekannte und Gäste einzuführen. Damen sind besonders willkommen. Nach dem Vortrag findet ein Tänzchen statt.

MRb, 3, Nr. 33, 30. Januar 1906, S. 493

In geschickter Verbindung mit einem kleinen gesellschaftlichen Anlass und etwas Amüsement wurde also ein politischer Vortrag mit einer eindeutigen Tendenz gehalten. Der Zeitpunkt dieses Vortrags ist ein sehr auffälliger: Die Vorgehensweise der deutschen Truppen gegen die die deutsche Kolonialherrschaft bekämpfenden Herero, von den deutschen Kolonialherren „Hottentotten" genannt, in „Deutsch-Südwest" (1904-1907) war in einer Art und Weise brutal, die in der kritischen deutschen Öffentlichkeit große Entrüstung hervorrief. Damals verloren ca. drei Viertel der 80.000 Herero ihr Leben, denn die „Schutztruppe", so die offizielle Bezeichnung für die deutsche Kolonialarmee, bekämpfte unterschiedslos auch Frauen und Kinder, indem sie die Herero schließlich in die wasserlose Wüste Omaheke trieb und diese abriegelte.6 Als die oppositionellen Fraktionen (SPD, im Reichstag die Zustimmung zur weiteren Finanzierung des Kolonialkrieges verweigerten und stattdessen einen Skandal aufdeckten, in den auch die Gattin eines Ministers verwickelt war, deren Firma überteuerte Ausrüstungsgegenstände an die Kolonialtruppen geliefert hatte, wurde das Parlament 1906 aufgelöst. In den folgenden so genannten „Hottentottenwahlen" gewannen die regierungstreuen Fraktionen (Konservative, Links- und Nationalliberale) die Mehrheit, was in der Folge zu einer beträchtlichen Verschärfung der Innenpolitik seitens der neuen Mehrheit führte. Nordhausen selbst stand den liberalen Parteien nahe, befürwortete also die Linie der Regierung, für die ja auch der Vortrag werben sollte. Hier wurde also in eindeutiger Weise im Sinne der Regierung ein tagespolitisches Thema zum Bestandteil des Vereinslebens gemacht. Diese Kritik an der Opposition sollte kein Einzelfall bleiben:

So veranstaltete der MR Feiern zum Gedenken des deutschen Sieges über die Franzosen bei Sedan 1870, bei denen auch ein Vortrag über das „Deutschtum im Auslande" gehalten wurde, der jedoch auf die innenpolitische Opposition gegen die Politik der kaiserlichen Regierung zielte, die als unpatriotisch denunziert werden sollte. Der betreffende Redner

mit seiner scharfen Charakteristik des Deutschtums im Auslande, das er mit einer gewissen Art von Deutschtum im Inlande kontrastierte, warf in manches junge Herz Flammen nationaler Begeisterung.

Der bereits genannte Hans Berthold kam ebenfalls zu Wort:

Nicht minder packend waren Bertholds Erinnerungen an den Krieg in Deutsch-Südwest, die keinen Zweifel darauf aufkommen lassen, daß in deutschen Seelen noch immer die alte Heldenkraft lebt.

MRb 9, Nr. 101, 22. September 1911, S. 1492

Die Themen der kriegerischen Erwerbung von Kolonien und des Beweises kriegerischen Heldenmuts wurden auch später nicht vergessen: Am 29. März 1912 schilderte der mittlerweile beförderte „Herr Leutnant Hans Berthold" seine Erlebnisse „Auf südwestafrikanischer Grenzwacht im Kriege und im Frieden" sogar im Rahmen eines nur ihm gewidmeten Vortragsabends des MR.

In den Jahren unmittelbar vor dem Krieg wurden die Träume von einem wirkungsvollen deutschen Imperialismus ganz ungeschminkt ausgebreitet: Am 6. Dezember 1912 fand vor dem MR ein „Kinematographischer Vortrag" statt, also eine Veranstaltung mit einer Filmvorführung, unter dem Titel „Hammer oder Amboß?" Deutschlands Stellung in der Welt. - Deutschlands Zukunftsaussichten - Deutschlands Vorbereitungen." gehalten von Hermann Müller-Brandenburg, dem „Geschäftsführer des Deutschen Wehrvereins". Im ausführlichen Ankündigungstext wird er charakterisiert als „der Berufensten einer, über die wichtigste nationale Angelegenheit, über deutsche Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen zu sprechen. Jeder national Gesinnte sei auf dem Plan!" - Kritiker waren anscheinend nicht willkommen. Auch hier wird wieder ein brisantes tagespolitisches Ereignis angefasst:

Nachdem Deutschland in der zweiten Marokkokrise 1911 eine diplomatische Niederlage durch Frankreich erlitten hatte, das mit englischer Unterstützung deutsche Ansprüche in Marokko zurückweisen konnte, begannen Teile des national eingestellten Bürgertums zum ersten Mal damit, die deutsche Regierung wegen ihrer erfolglosen Expansionspolitik zu kritisieren und forderten eine verstärkte Aufrüstung Deutschlands. In den Jahren 1912 und 1913 kam es so zu zwei großen „Heeresvermehrungen". Die massive Aufrüstung stieß im Reichstag und in der deutschen Öffentlichkeit ähnlich wie bereits die Kolonialkriegführung auf heftige Kritik genauso wie auf vehemente Zustimmung; die Forderungen der Nationalliberalen übertrafen sogar noch die Absichten der Armeeführung. Ein eigener politischer Verband, der „Deutsche Wehrverein", dessen Geschäftsführer der Vortragende war, hatte sich - ähnlich wie der Flottenverein die Aufrüstung der Marine - die Propagierung einer Aufrüstung auch zu Lande zum Ziel gesetzt. Einer der damals gängigen politischen Slogans stellte die Frage, ob Deutschland „Hammer oder Amboß" sein wollte - es solle sich also entscheiden, ob es geschlagen werden wollte oder selbst zuschlagen möchte. Der Glaube daran und das Wissen davon, das man internationale Konflikte auch mit friedlichen Mitteln beilegen könnte, war in weiten Kreisen der deutschen Öffentlichkeit verschüttet.

So wundert es auch nicht, dass die hundertjährige Wiederkehr der Befreiungskriege gegen Napoleon I. im Jahr 1913 zu einer Kette allgemeiner patriotischer Feierlichkeiten ausgestaltet wurde, wobei das Verhalten der preußischen Bevölkerung in den Kriegen von 1813 bis 1815 zu einem Beispiel heldischer Pflichterfüllung stilisiert wurde. Auch im MR fanden solche Veranstaltungen statt, so zum Beispiel eine „Erinnerungsfeier an die Schlacht bei Leipzig (18. Oktober 1913)", über die die Vereinszeitschrift berichtete:

Der Glanzpunkt des Abends war die Rede unseres Vorsitzenden ... Herr Nordhausen beleuchtete den Gesinnungsgegensatz der Zeit von 1813 und heute. Opferfreudigkeit, Mut zur großen Tat, freudige Hingabe alles, auch des Letzten für das große nationale Ziel, das waren die Zeichen von 1813. Besonders hob der Redner hervor, daß die erste Bewegung dem Volke entsprang ...

Und er setzt fort:

In der großen Zeit hat jeder sein Liebstes gegeben, wenn es das Vaterland forderte. In der heutigen Zeit kann man nicht so unbedingt auf diese Gesinnung bauen. Bei der Erfüllung großer nationaler Aufgaben stehen weite Volkskreise beiseite. Die Rede schloß mit einem herzlichen Apell an die Versammelten, jeder zu seinem Teil dahin zu wirken, daß wir unseren Vätern vor 100 Jahren nicht nachstehen, wenn es gilt, für deutschen Ruhm und deutsche Ehre einzutreten.

MRb 11, Nr. 127, 12. November 1913, S. 1776

Das war - mitten im Frieden vorgetragen - ein offener Aufruf zur Kriegsbereitschaft, kaum missverständlich formuliert. Schon lange also bevor die Reichsleitung im Juli und August 1914 erst Serbien, dann Russland und Frankreich den Krieg erklärte und zugleich die belgische Neutralität verletzte, was den sofortigen Kriegseintritt Englands bewirkte, waren die regierungsfreundlichen Teile der deutschen Öffentlichkeit schon an die Aussicht auf Krieg gewöhnt worden.

Dies spiegelt sich im Vortragsprogramm des MR wider. So fand am 1. März 1912 eine Lesung mit Texten verschiedener Schriftsteller unter dem Motto „Die Schlacht" statt, am 14. März 1913 ein weiterer Rezitationsabend mit Texten der „Dichter der Befreiungskriege", vor allem von Arndt, Körner, Rückert und Schenckendorf, um die Zuhörer, wie die Einladung im MRb ankündigt, „in die gewaltigen Tage von 1813 zurückzuversetzen und uns unmittelbar vom Born der gewaltigen Poesie trinken zu lassen, die der großen Zeit entquillt."

Nur achtzehn Monate später, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, sollten einer weiteren „großen Zeit" ganze Ströme neuer Kriegslyrik entquellen, die in ihrem Heroismus und Chauvinismus auf Dauer niemanden mehr über die grausamen Realitäten des industrialisierten Massenkriegs hinwegtäuschen konnten. Auch im MRb sollten nach Kriegsbeginn zahlreiche solcher Kriegsgedichte erscheinen (man schätzt ihre Gesamtzahl für Deutschland auf mehr als eine Million!), und eine ganze Reihe war von Nordhausen persönlich verfasst, der sogar eigene Bücher mit seiner Kriegslyrik veröffentlichte (eine Werbeanzeige für diese findet sich im MRb 13, 1915, S. 2001). Allein in der ersten Kriegsausgabe des MRb sind sechzehn von Nordhausens Gedichten abgedruckt, zahlreichere weitere in den folgenden Ausgaben.

Auch zwei Bootstaufen im MR weisen auf das Verständnis des Jahres 1813 als nationale Erhebung zurück: Das eine Boot erhielt den Namen „Marschall Vorwärts", eine Reminiszenz an den sprichwörtlich gewordenen General aus den Befreiungskriegen, der „'ranging wie Blücher"; das andere hieß ganz schlicht: „Wer wagt, gewinnt" (MRb 11, 1913, S. 1821). So kann es auch nicht verwundern, das der MR am 18. Oktober 1913 eine eigene „Erinnerungsfeier an die Schlacht bei Leipzig" abhielt, genau am hundertsten Jahrestag der napoleonischen Niederlage in der so genannten „Völkerschlacht". Wieder wurde patriotische Kundgebung mit den Annehmlichkeiten eines gesellschaftlichen Anlasses verbunden:

Für die leiblichen Bedürfnisse wird durch Schlachten eines fetten Schweins und andere Freundlichkeiten gesorgt werden. Komme jeder Kamerad, und komme jeder möglichst pünktlich! Gäste sind sehr gerne gesehen!

MRb 11, Nr. 126, 15. Oktober 1913, S. 1757
Hervorhebung im Original

Der Reigen der patriotischen Feiern sollte vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr abreißen. Am 30. Januar 1914 etwa veranstalteten die dem Deutschen Ruderverband angeschlossenen Berliner Rudervereine wie schon mehrere Male zuvor wieder einen „Kaiser-Kommers", der im „Ersten Krieger-Vereinshaus in der Chausseestraße 91" stattfand. Die Einladung des MR-Vorstands an die Mitglieder des Vereins zu dieser Veranstaltung kam eher einer Aufforderung gleich:

Die Mitglieder des Vereins werden allesamt pünktlich zur Stelle sein. Ein deutschnationaler Verein, wie der unserige, fehlt nie, wenn es gilt, dem Führer freier Männer und Wegebahner einer völkischen Zukunft zu huldigen.

MRb 11, Nr. 129, 7. Januar 1913, S. 1786

Diese Art der Einladung weist einen geradezu bedrohlichen Unterton auf; die Mitglieder des MR werden nicht zur Teilnahme gebeten, sondern in trockenen Aussagesätzen in die Pflicht genommen. Die politische Mobilisierung des Vorjahres wurde weiter fortgesetzt, was auch die Epitheta erklärt, die dem Kaiser in der Formulierung der Einladung beigelegt wurden: „Führer freier Männer" und „Wegbereiter einer völkischen Zukunft". An die Idee, dass die „völkische Zukunft" bald schon Krieg bedeuten würde, hatte sich die nationalistisch eingestellte Öffentlichkeit im Verlauf der Feiern des Jahres 1913 bereits gewöhnen können - langsam machte sich die bürgerliche Öffentlichkeit auf die Aussicht eines scheinbar unausweichlichen Krieges gefasst.

Der Kriegsvorbereitung widmete sich der MR nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Tat, und zwar in einer Weise, die heutige Betrachter überraschen dürfte: Mit der Gründung einer eigenen Jugendabteilung („Jung Frithjof"), die als eigener Verein organisiert wurde. Dieser „Jung Frithjof"-Verein wurde dem „Bund Jungdeutschland" angeschlossen, einer in kaiserlichem Auftrag 1911 durch den pensionierten Generalfeldmarschall von der Goltz gegründeten halbstaatlichen Jugendorganisation.7 Die Gründung des Jungdeutschlandbunds war die Antwort auf die bereits oben geschilderte angebliche Gefährdung der Jugend durch die Großstadt und den wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie und sollte andere Maßnahmen staatlicher Politik ergänzen. Diese versuchte in einem selbst ausgerufenen „Kampf um die Jugend zwischen vierzehn und achtzehn" die Jugendlichen soweit möglich unter Aufsicht staatlicher Institutionen zu stellen, um zu verhindern, dass sie sich sozialdemokratischen Jugendorganisationen anschlossen oder private Gruppen bildeten. Große Teile der politischen Öffentlichkeit und auch die Reichsleitung sahen seit der Jahrhundertwende nämlich ein Problem darin, dass besonders die „Volksschüler" nach ihrer Entlassung mit vierzehn bis zu ihrem Eintritt in die Armee mit achtzehn jeglichem staatlichen Zugriff entzogen waren. Deshalb wurde damals auch die staatliche Beschulung von Lehrlingen ins Leben gerufen, die im Rahmen der so genannten Fortbildungsschule stattfinden sollte, aus der sich später die Berufsschule entwickelte, die heute allerdings keinen politischen Auftrag mehr trägt. An den öffentlichen Auseinandersetzungen um die Jugend zwischen vierzehn und achtzehn beteiligte sich auch Richard Nordhausen, der wie viele andere Sportfunktionäre die Sportvereine als mögliche Institutionen zur Erziehung der Jugend in Übereinstimmung mit den Anforderungen der staatlichen Jugendpolitik ins Gespräch brachte. Der bürgerliche Sport stellte sich so in den direkten Dienst der kaiserlichen Regierung. Darauf deutet der in der eingangs zitierten Würdigung Nordhausens von 1938 angeführte Titel „Zwischen vierzehn und achtzehn" hin. Die Nationalsozialisten sahen in der staatlichen Jugendpolitik des Kaiserreichs einen Vorläufer ihrer eigenen totalitären Jugendpolitik; daher wird Nordhausens Beitrag lobend erwähnt.

Der Jungdeutschlandbund hatte es sich daneben explizit als weiteres Ziel gesetzt, die Jugend auf den lange schon erwarteten Krieg zur Durchsetzung deutscher Weltmachtträume vorzubereiten. Der Jungdeutschlandbund betrieb dieses Ziel mit verschiedenen Mitteln: Mit gegen Sozialdemokratie und Pazifismus gerichteten politischen Unterrichten, die bei den Jugendlichen allerdings nicht allzu beliebt waren; mit direkter vormilitärischer Ausbildung im Rahmen sogenannter Jugendwehren bzw. -kompanien, die allerdings auf die Kritik der friedliebenden Öffentlichkeit stießen - und mit allgemeiner körperlicher Ertüchtigung in Zusammenarbeit mit den bereits bestehenden Turn- und Sportvereinen. Auch der Ruderverband beteiligte sich an der Zusammenarbeit mit dem Jungdeutschlandbund und Stellen des Kriegsministeriums. Im Zuge dieser Neuorganisation der sportlichen Jugendarbeit trat auch der MR in den Deutschen Ruderverband ein, nachdem der Ruderverband wie auch der Jungdeutschlandbund ausdrücklich die Nützlichkeit des Wanderruderns anerkannt hatten. Während des Krieges wurde dann 1915 ein eigener Jugendruderverband gegründet, der von den Jugendlichen außer dem Rudern folgende Anforderungen stellte:

1. Kenntnis der Reichswehrmacht;
2. Turnen;
3. Turnspiele;
4. Schwimmen;
5. Kartenlesen;
6. Marschübungen;
7. Ordnungsübungen;
8. Ausbildung im Sehen und Hören;
9. Entfernungsschätzen;
10. Geländekunde;
11. Kenntnisse vom Pionierhilfsdienst;
12. Erste Hilfe bei Unglücksfällen.

WS 33, 1915, S. 456-457

Das Jugendrudern wurde während des Krieges also direkt zur vormilitärischen Ausbildung herangezogen, bei der die künftigen Soldaten gezielt Fähigkeiten schulen sollten, die in einem späteren Kriegseinsatz von direktem Nutzen sein konnten.

Im MRb erschien 1913 ein Gedicht, dass der Jugend vor Augen führen sollte, was nun von ihr erwartet wurde. Das Gedicht, das in der Aufforderung „Wahr dich, Deutschland, und wehr dich!" gipfelt und damit das Motto des Jungdeutschlandbunds, wonach die deutsche Jugend „wahrhaft und wehrhaft" werden sollte, variiert, gibt den Jugendlichen auch den Ratschlag, sich nicht in Gefühlen zu verlieren:

Deutsche Jugend, versink' nicht im Schwarm!
Deutsche Jugend, härte den Arm!

Schwing in der Faust dein Eisen gut,
Schaffe Dir Eisen in Hirn und Blut!

Sind wir so gerüstet zum Streit,
Komme dann Wetter! Du siehst uns bereit!

MRb 10, Nr. 115, 6. November 1912, S. 1648

Mit dem Sinngehalt der etwa grotesk anmutenden Aufforderung, sich „Eisen ins Hirn zu schaffen", sich also mental auf einen kommenden Krieg vorzubereiten, war Nordhausen durchaus einverstanden. Schon viel früher, 1903, hatte er als verantwortlicher Redakteur des MRb in die Rubrik „Märkische Ruderlieder" ein programmatisches Gedicht mit dem Titel „Aufwärts" aufgenommen, das den zukünftigen Siegesflug des Märkischen Adlers beschreiben sollte:

Empor zum Lichte steige hinauf,
Du stolzer Adler der Marken!
In ungehemmten Siegeslauf
Dir machtvoll die Flügel erstarken.

Dein Wahlspruch „Aufwärts, aufwärts die Bahn"
Den lichten Höhen entgegen,
Trotz Neid und Mißgunst allzeit voran
Auf neuen luftigen Wegen!

Es wächst mit höherem Ziel deine Macht,
Im Fluge wachsen die Schwingen,
Du hältst jetzt schon auf zwei Fronten Wacht
Und sollst noch Bessres erringen.

Wir sehen im Geiste dem Ziele dich nah
Und helfen treu, daß es werde;
Du Märkischer Adler, Hip, hip, hurrah!
Deine Fänge umspannen die Erde!

Albert Thümen im MRb 1, Nr.4, 29. Mai 1903, S. 44

Der märkische Adler steht in diesem Gedicht für die Kernprovinz Preußens, das wiederum selbst das Kernland des Deutschen Reichs bildet. Das eigentlich regionale Symbol des märkischen Adlers kann so als Symbol für das ganze Reich aufgefasst werden. Das geht auch aus der Gegenwartsanalyse hervor, die der Autor in der dritten Strophe vornimmt: Der Adler hält auf zwei Fronten Wacht, ist also von zwei Seiten bedroht, eben wie das Deutsche Reich, dass zwischen den beiden verbündeten Mächten Frankreich und Russland lag. Der Vers ist als Hinweis auf die Gefahr eines Zweifrontenkriegs zu lesen. Der Autor, anscheinend wenig beeindruckt von dieser Aussicht, entwirft in der letzten Strophe dann die Vision eines Sieges in diesem Krieg, dessen Resultat es dann wäre, dass er die ganze Welt in seinen Fängen hielte, als Siegespreis, als Beute. Diese Metapher drückt eine vom Dichter erwartete Zukunft aus: Die Weltherrschaft des „Märkischen Adlers", der als preußischer Platzhalter des deutschen Adlers auftritt. Als der Zweifrontenkrieg durch die deutschen Kriegserklärungen an Russland und Frankreich 1914 Wirklichkeit wurde, ging wenigstens ein Teil der Zukunftsvision in Erfüllung; und der Krieg sollte den Märkischen Ruderverein nicht gänzlich unvorbereitet treffen.

Die politische Orientierung Nordhausens und seiner Gesinnungsgenossen spiegelte sich nicht nur in programmatischen Äußerungen und politischen Forderungen wider, sondern auch im Sprachgebrauch, dessen militärischer Einschlag sich nur vor dem Hintergrund von Nordhausens Einstellungen erklären lässt:

Von den Vereinsmitgliedern wurde „Kameradschaft" verlangt, ein Begriff, der im Vereinsleben als Synonym für sozialverträgliches Handeln und Zusammenhalt verstanden werden kann; ein Begriff aber auch, der der militärischen Sphäre entstammt. In verschiedenen Artikeln des MRb wird die Kameradschaft als „sittliche Pflicht" bezeichnet, die „Manneszucht" erfordere. Personen hingegen, die den Verein verließen und gar in einen anderen Verein wechselten, wurden als „unsichere Elemente" und „Überläufer" tituliert, als „Renegaten", so als ob sie einen Verrat begangen hätten, werden als „Zugvögel" verspottet oder gar mit einem garstigen „Kroppzeug" abqualifiziert: „Weiß er doch, daß in deutschen Landen kein Schimpf so schwer ist wie der der Treulosigkeit, und daß tief in der Achtung aller netten Leute fällt, wer damit behaftet ist" (MRb 6, Nr. 60, 30 April 1908, S. 936). Die langjährigen Mitglieder des Vereins hingegen führten die ehrende Bezeichnung „alte Garde" gleich der bärenfellbemützten Kerntruppe des napoleonischen Heeres. In einem anderen Artikel heißt es dann ausdrücklich, man wolle keine neuen Mitglieder, sondern neue Kameraden (MRb 4, Nr. 42, 31. Oktober 1906, S. 663). Im Verein wurde also das gleiche Vokabular benutzt, das in der Gesellschaft auch der politischen und später auch militärischen Mobilisierung dienen sollte. Trotz seiner dezidiert politischen Wertorientierung verstand sich der MR als ein liberaler Verein:

Zwanglos organisieren sich bei uns die Rudergruppen. Neigung und Weltanschauung führen die Kameraden zusammen.

MRb 4, Nr. 36, 23. April 1906, S. 547

Das Wort von der Weltanschauung war nicht nur so dahergesagt, wie wir bereits gesehen haben. An den märkischen Rudersmann wurden hohe Ansprüche gestellt, er sollte eine Art Musterdeutscher werden, treu, wehrtüchtig, stark, ein Angehöriger einer deutschen Elite ohne Fehl und Tadel:

Wer deutsch gesinnt mit Leib und Seele,
Zu freien Gipfeln strebt hinan,
Der ist ein Braver ohne Fehle,
Ein echter märk'scher Rudersmann!

MRb 2, Nr. 11, 1. April 1904, S. 121

Vergleicht man übrigens die Häufigkeit und die Intensität der im MRb dargelegten politischen Äußerungen Nordhausens aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit der politischen Linie der Verbandszeitschrift „Wassersport", so stellt man fest, dass im „Wassersport" nur vereinzelte Artikel politischen Inhalts zu finden sind, etwa grundsätzlich zustimmende, aber kurze Beiträge zur Aufrüstung Deutschlands zur See. Dafür finden sich in größeren Abständen immer wieder Huldigungen an den Kaiser, die jedoch fast ausschließlich sein Interesse am Sport loben, ohne dabei weiter auf seine Politik einzugehen. Auch beschäftigt sich der „Wassersport" ausführlich mit den Rudervereinen der Auslandsdeutschen, entwickelt daraus jedoch keine klar umrissenen politischen Ideen. Selbst während einer Kampagne zur Errichtung eines Denkmals für Wilhelm I. an der Regattastrecke in Grünau, die schließlich 1897 erfolgte, bewegen sich die Autoren des „Wassersport" in den Bahnen eines allgemeinen Reichspatriotismus, ohne dabei konkrete politische Zielsetzungen für die Zukunft zu benennen, wie das Nordhausen im MRb tut. Sein politisches Engagement war ein integraler Bestandteil der Vereinsarbeit, keine Nebensache, wie sich leicht anhand eines Werbeblatts des MR, in dem sich Nordhausen an die Angehörigen des „Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbands" (eine Vereinigung nationalistisch orientierter Angestellter) wendet, erläutern lässt, in dem die besonderen Vorzüge des Vereins zusammengefasst werden, darunter auch der, dass Ausländer im Verein verpönt waren:

Der deutsch-nationale Handlungsgehilfe und die Wander-Ruderei

... Vor allen anderen Berliner Rudervereinen zeichnet sich der Märkische Ruderverein durch seine stramm nationale Gesinnung aus. Es werden nur Deutsche aufgenommen.

Werbeblatt, Hervorhebung im Original

Nordhausen muss daher als politisch besonders profiliert eingeschätzt werden; nichts anderes behauptet die eingangs zitierte Würdigung Nordhausens von 1938, die festgestellt hatte, dass Nordhausen innerhalb der an Politik wenig interessierten Ruderkreisen als „mutiger Kämpfer für vaterländische Ideale" und somit als „trefflicher Vorbereiter für nationalsozialistisches Gedankengut" gewirkt habe. Darauf spielte auch ein zu seinem 60. Geburtstag im „Wassersport" (WS 45, Nr. 27, 2.2.1927, S. 69) erschienener Artikel an, der Nordhausen bescheinigte, sich immer um „das Geistige im Rudersport" besonders gekümmert zu haben.

Der Publizist Richard Nordhausen beschränkte sich nicht nur darauf, seine politischen Auffassungen in Publikationen des Rudersports zu propagieren, sondern veröffentlichte auch in den Jahrbüchern des Deutschen Fußballbundes und in zahlreichen Zeitungen Berlins. Und, er schrieb, wie schon gesagt, auch Bücher politischen Inhalts. Seine publizistische Tätigkeit sollte auch während des Ersten Weltkriegs kaum nachlassen.

3) Zum Folgenden liegen zahlreiche Darstellungen vor, die die Geschichte des Kaiserreichs unter verschiedenen Aspekten behandeln. Die letzte, gut lesbare Gesamtdarstellung liefert Volker Ullrich, Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918, Frankfurt a. M. 1997, hierzu S. 182-249. Siehe auch Hans-Peter Ullmann, Das deutsche Kaiserreich 1871-1918, Frankfurt a. M. 1995, S. 126-172, 192-218. Dazu auch Wilfried Loth, Das Kaiserreich. Obrigkeitsstaat und politische Mobilisierung, München 1997, S. 91-141 und Wofgang J. Mommsen, Der autoritäre Nationalstaat. Verfassung, Gesellschaft und Kultur im deutschen Kaiserreich, Frankfurt a. M. S. 316-379. Zu den genannten politischen Verbänden Dieter Fricke, Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). In vier Bänden, Köln 198, und Kluge, Kaiserreich, S. 376-406.

4) Angaben nach MRb 1, 1903, S. 47, 124-25; MRb 2, 1904, S. 149-153, 171, 204, 230, 254, 273. Nordhausen bemühte sich besonders um Angehörige einer frühen Angestelltenorganisation, des „Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbands". Zu diesem Fricke, Parteienlexikon.

5) Zitate nach Reden Kaiser Wilhelms II. Zusammengestellt von Axel Matthes. Nachwort von Helmut Arntzen, München 1976, S. 32 und 39.

6) Dazu Horst Drechsler, Aufstände in Südwestafrika. Der Kampf der Herero und Nama 1904 bis 1907 gegen die deutsche Kolonialherrschaft, Berlin / DDR 1984. Auch das kleinere Volk der Nama beteiligte sich am Aufstand. Gefangene Aufständische wurden in Lagern untergebracht, in denen ein großer Teil der Insassen an Unterversorgung und den Strapazen des Arbeitseinsatzen gestorben ist. Dazu siehe Joachim Zeller, „Wie Vieh wurden Hunderte zu Tode getrieben und wie Vieh begraben." Fotodokumente aus dem deutschen Konzentrationslager in Swakobmund/Namibia 1904-1908, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49, 2001, Heft 3, S. 226-243.

7) Zum Bund Jungdeutschland Fricke, Parteienlexikon und ausführlich Klaus Saul, Der Kampf zwischen Volkschule und Kaserne. Ein Beitrag zur „Jugendpflege im Wilhelminischen Reich", Militärgeschichtliche Mitteilungen 9, 1971, 1, S. 97-143.

Der MR im Ersten Weltkrieg

Mit einer Kette von Kriegserklärungen begann an der Wende vom Juli zum August 1914 der erste Weltkrieg: Am 28. Juli eröffnete Österreich-Ungarn mit seiner Kriegserklärung an Serbien den Reigen. Am 1. August erklärte Deutschland Russland den Krieg, am 3.8. folgte die deutsche Kriegserklärung an Frankreich. Bereits am 2.8. hatten deutsche Truppen ohne Kriegserklärung Luxemburg besetzt. Als deutsche Verbände in der Nacht vom 3. auf den 4.8. dann noch ins neutrale Belgien eindrangen, erklärte schließlich Großbritannien, nachdem es ultimativ den Rückzug der deutschen Truppen aus Belgien bis zur Mitternacht des gleichen Tages verlangt hatte, nach Ablauf der Frist in der Nacht vom 4. auf den 5.8. Deutschland den Krieg. Weitere Kriegserklärungen folgten: Am 5.8. Montenegro an Österreich-Ungarn, am 6.8. Österreich-Ungarn an Russland und Serbien an Deutschland, am 9.8. Montenegro an Deutschland, am 12.8. Großbritannien an Österreich-Ungarn, am 13.8. Frankreich an Österreich-Ungarn, am 22.8. Österreich-Ungarn an Belgien, am 23.8. Japan an Deutschland, am 25.8. an Österreich-Ungarn. Am 30. Oktober griff das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Krieg ein, was ihm innerhalb einer Woche die Kriegserklärungen Russlands, Serbiens, Großbritanniens und Frankreichs eintrug. Binnen weniger Wochen versank Europa im Strudel eines allgemeinen Kriegs, der schon bald als „Weltkrieg" bezeichnet wurde und vier Jahre lang dauern sollte.

In patriotischer Pflichterfüllung, teilweise sogar in nationalistischer Begeisterung, eilten in Deutschland genauso wie in allen anderen Ländern ein großer Teil der männlichen Bevölkerung zur Fahne. In der bürgerlichen Presse der Großstädte wurde unter Ignorierung aller Antikriegsdemonstrationen und einer in großen Teilen des Landes auch zurückhaltenden Stimmung die Bereitwilligkeit der Wehrpflichtigen, in die Armee einzurü-cken, als ausgesprochene Kriegsbegeisterung dargestellt. Schnell war vom „Augusterlebnis" als das eines nationalen Aufbruchs die Rede, man sprach vom „Geist von 1914" oder von den „Ideen von 1914".8 Nach allgemeiner Ansicht wurde ein kurzer Krieg erwartet und so hoffte auch ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit auf einen schnellen Sieg. „Zu Weihnachten seid ihr wieder zuhause!" hatte der Kaiser den ausmarschierenden Soldaten zugerufen. Die großen deutschen Siege zu Beginn des Krieges und die unbestreitbare Leistungsfähigkeit der deutschen Armee ließen in der deutschen Öffentlichkeit sogar Stimmen aufkommen, die den Militarismus voller Stolz als „organisierte Volkskraft" feierten. Der Berliner Historiker Friedrich Meinecke - ein typischer, in seinen Ansichten eher gemäßigter Vertreter des liberalen Bürgertums - deutete noch 1914 das Verhalten der deutschen Bevölkerung als Beweis dafür, dass die Ängste vor Zerfall und Untergang, die vor Beginn des Krieges in Deutschland umgelaufen waren und die auch Richard Nordhausen beunruhigt hatten, sich als ungerechtfertigt erwiesen hätten:

... nun erst erkennen wir deutlicher die eigentlichen und wahren Grundkräfte unserer jüngsten Entwicklung. Sie waren in der Tiefe gesünder, einheitlicher, stärker, als wir alle ahnten. ... Diese gemeinsame heroische Anstrengung für den Staat bedeutet ein großes Vertrauensvotum für ihn und beweist, daß er im Kerne gesund war ... Und gerechtfertigt ist vor allem das, was man scheltend unseren Militarismus nannte. Er ist uns heute unser Schild und Schirm ...

Die deutsche Erhebung von 1914. Vorträge und Aufsätze von Friedrich Meinecke, ord. Professor an der Universität Berlin, Stuttgart und Berlin 1915, S. 27-28.

Im gleichen Zusammenhang lieferte Meinecke mit seiner Interpretation eines deutschen „Volkscharakters" ein typisches Beispiel für den „Geist" und die „Ideen von 1914", die von der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Eliten schnell Besitz ergreifen und ihre politischen Anschauungen für die Zukunft in Richtung auf eine Vorstellung einer „Volksgemeinschaft" prägen sollten:

Gewiß erweisen wir uns hier als das Volk der Einordnung und Organisation; gewiß wirkt darin ein langer staatlicher Erziehungsprozeß nach, durch den uns die allgemeine Wehrpflicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Deshalb übt der Deutsche den Dienst am Ganzen williger, pünktlicher, hingebender als im Durchschnitt der Ausländer. Aber nicht deshalb allein, sondern er ist auch durchdrungen von dem sittlichen Werte dieser Einordnung. Er weiß genau, daß es auf jeden Einzelnen ankommt, damit das Ganze gedeihe, und es ist ihm Herzensbedürfnis, die Macht, der er gehorcht, auch zu lieben; es ist immer noch etwas von der Gefolgstreue der alten Germanen, es ist auch die Ehrfurcht vor den natürlichen Ordnungen des Lebens, die uns Goethe gelehrt hat, in uns lebendig. Und sie kann sich, was dem Ausländer so schwer wird zu verstehen, verbinden mit einem kräftigen und ganz urwüchsigen Individualismus.

Ebda., S. 27

Mit der Rede von der „willigen Einordnung ins Ganze" schlug Meinecke einen Grundton des deutschen Selbstverständnisses an. Wie wir noch sehen werden, nimmt Nordhausen diesen Gedanken bis zu seinem Ausscheiden aus dem Vereins- und Verbandsleben 1934 immer wieder auf. Auch der Bezug auf die Germanen war ihm, wie bereits beschrieben, nicht fremd. Waren Nordhausens politische Positionen vor dem Krieg schärfer als die der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Bevölkerung, so wandelte sich unter dem Eindruck des Kriegsbeginns die Stimmung der bürgerlichen Öffentlichkeit schnell in Richtung auf die Vorstellungen, die Nordhausen bereits vor dem Krieg vertreten hatte. Zufrieden konnte Nordhausen daher am 14. September 1914 in einem Aufruf „An die Kameraden daheim!" die Vorkriegsarbeit des Vereins bilanzieren:

Wir Märker können auf unseren Sport so stolz sein wie auf unseren Verein. Er war es, der bewußt dreizehn Jahre lang den nationalen Gedanken gepflegt und rein gehalten hat von undeutschem Wesen. Und deshalb dürfen wir alle den Kopf hoch tragen.

MRb 12, Nr. 137, 10. September 1914, S. 1905

In der gleichen Ausgabe des MRb wandte sich Nordhausen auch „An die Kameraden im Felde!" Wiederum bewertete er den Sport im ersten Teil seiner Äußerung als gelungene Kriegsvorbereitung:

Wir zuhause Gebliebenen beneiden euch, die mannhaft für das Vaterland einstehen dürfen. Euch ist es vergönnt, in Taten umzusetzen, was so lange frohes Spiel war. Die an Entbehrungen und Anstrengungen reichen Ruderfahrten sind, wie wir oft voraus geahnt haben, märkische Kriegsvorbereitung gewesen. ... Eine größere Zeit als diese hat Deutschland nie gesehen. Mit Bewunderung und heißer Liebe wird auch die späteste Zukunft noch auf Euch, die Gründer eines Weltreichs, blicken. Von allem Glanz aber fällt ein Strahl auch auf die Rudergemeinschaft, der ihr angehört. Als noch alle Welt im tiefen Frieden lag, hat sie den deutschen Gedanken gepflegt und immer an das Eisen im deutschen Blut erinnert.

MRb 12, Nr. 137, 10. September 1914, S. 1905

Im zweiten Teil der hier wiedergegebenen Ausführungen benennt Nordhausen die Erwartungen, die er mit dem Krieg verbindet: Ein deutsches Weltreich soll aus diesem Krieg entstehen. Dieser Optimismus spricht auch aus den meisten der Feldpostbriefe, die von den Mitglieder des MR an Nordhausen während des Krieges gesandt wurden. Noch 1916 schreibt ein „Märker", auch er voller Stolz auf das deutsche Organisationstalent, über sein Erleben des Krieges:

Es ist großartig, wie hier im Felde alles klappt. Jedes Rad der riesengroßen Organisation fügt sich genau ins andere, und so arbeitet die Maschine, daß es eine Freude genannt werden muß. Alles, aber auch das kleinste, ist vorbedacht, und sorgsam vorbedacht. Nirgendwo fehlt etwas, jedes Ding steht am rechten Fleck, aber es wird auch dafür gesorgt, daß niemand Unordnung hinein bringt und jeder in jedem Augenblick pünktlich und gewissenhaft seine Schuldigkeit tut. Dieser wunderbare Apparat und diese wunderbaren Führer - damit müssen wir den Sieg erringen, und gälte es, den Teufel vom Himmel herabzuholen.

MRb 13, Nr. 149, 30. Oktober 1915, S. 2079

Dieser Beitrag in der Vereinszeitschrift des MR gleicht in seinem Inhalt auffällig den oben zitierten Auffassungen Friedrich Meineckes: Pflichterfüllung, Pünktlichkeit, Ordnung, eine Gewissenhaftigkeit, die für eine tatsächliche Hingabe an das große Ziel spricht, den Sieg. Meinecke hatte geschrieben, dass „der Deutsche" seiner Zeit das „Herzensbedürfnis" hegte, „die Macht, der er gehorcht, auch zu lieben" - hier nun schreibt ein Soldat, siegesgewiss, in vollem Vertrauen zu den „wunderbaren Führern" an der Spitze Deutschlands und seiner Armee, zu Hindenburg und Ludendorff und zum Kaiser.

Auch Nordhausen identifizierte sich vollständig mit dem Krieg und mit den deutschen Soldaten, was schon aus der Tatsache hervorgeht, dass die Kriegsausgaben des Märkische Ruderboten als „Feldpost" erschienen und mit einer großen Anzahl der bereits erwähnten Nordhausenschen Kriegsgedichten gespickt waren. Für seine Kriegsgedichte wurde Nordhausen sogar vom Kaiser persönlich anlässlich des Kaisergeburtstages am 27. Januar 1915 der „Rote Adlerorden 4. Klasse" verliehen.9 Neben einer Kriegschronik fanden die Leser auch Abdrucke zahlreicher Feldpostbriefe von Mitgliedern des MR vor, die ihre Kriegserlebnisse den Daheimgebliebenen schilderten. Diese erfuhren in eigenen Hinweisen, wie sie am besten Päckchen für die Soldaten auf den Kriegsschauplatz schicken konnten und was die Soldaten am besten gebrauchen konnten. Lange Listen von Vereinsmitgliedern erschienen, die Soldaten wurden, aber es waren so viele, dass es gar nicht möglich war, den Überblick zu behalten. Etwa 300 Namen sind veröffentlicht, doch es können auch mehr gewesen sein - zwei Drittel der etwa 30.000 im Deutschen Ruderverband organisierten Ruderer zogen nach Angaben des Ruderverbands in den Krieg, von denen wiederum mehr als ein Drittel starb. Auch in der „Feldpost" des MR erschienen im Laufe des Krieges viele Todesanzeigen.

Trotz der hohen Kriegsverluste war Nordhausen gegen einen Kompromissfrieden mit den Kriegsgegnern. Er griff in einer Reihe von auch im MRb erschienenen Gedichten alle Versuche, den Frieden auf diplomatischem Wege anzustreben, als „Verständigungsschwatz" an (MRb 12, Nr. 138, 1. Oktober 1914, S. 1928), wobei er sich besonders gegen eine Verständigung mit Großbritannien aussprach. Nordhausen zeigte sich eher am Fortschreiten einer erfolgreichen Kriegführung interessiert: Ein „Kriegs-Tagebuch" vermeldete den Lesern des MRb alle militärischen Vorkommnisse, und noch im Juli 1918 mahnte er die Diplomaten in Erwartung des kommenden deutschen Sieges, indem er einen Brief Blüchers, den er nach dem Sieg bei Waterloo an den preußischen König gerichtet hatte, zitierte:

Ich bitte alleruntertänigst, die Diplomaten dahin anzuweisen, daß sie nicht wieder das verlieren, was der Soldat mit seinem Blute errungen hat.

MRb 16, Nr. 166, 1. Juli 1918, S. 2215

Damit wurde der Wunsch nach Eroberungen und Annexionen formuliert - immerhin standen die deutschen Truppen im Juli 1918 noch tief in Frankreich, und erst wenige Monate zuvor waren die bereits geschlagenen Gegner Russland und Rumänien von Deutschland und seinen Verbündeten zu harten Friedensschlüssen gezwungen worden. Als dann die Alliierten den Krieg gewannen und ihrerseits Friedensbedingungen festlegten, deren Durchsetzung das Reich von einem erneuten Angriff auf seine Nachbarn abhalten sollte, empfand Nordhausen, der sich gerade noch für die gründliche Ausnutzung eines eventuellen deutschen Sieges über die alliierten Mächte ausgesprochen hatte, die Vorgehensweise der Alliierten als zu hart und sprach wie viele Deutsche damals vom „Diktat von Versailles". Dass die politische und militärische Führung des Kaiserreichs, aber auch weite Teile der deutschen, vor allem der bürgerlichen Gesellschaft, mit ihrer oben beschriebenen leichtfertig-aggressiven Kriegsbereitschaft dieses - und nicht nur dieses - Unglück selbst heraufbeschworen hatten, fand im Denken Nordhausens kaum Platz, genauso wenig wie in dem vieler seiner Zeitgenossen.

8) Die Annahme einer allgemeinen Kriegsbegeisterung ist von der jüngeren Forschung hinlänglich widerlegt worden. Dazu, mit zahlreichen Literaturhinweisen, Wolfgang Kruse, Kriegsbegeisterung? Zur Massenstimmung bei Kriegsbeginn: Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918. Hrsg. v. Wolfgang Kruse, Frankfurt a. M. 1997. Zum Folgenden siehe dort Jeffrey Verhey, Krieg und nationale Identität: Die Ideologisierung des Krieges, ebda. S. 167-176.

9) Bonner Generalanzeiger, 2./3. Mai 1998, Artikel von Eberhard Nitschke.

Rudern in der Weimarer Republik

Hatte Nordhausen den Beginn des Krieges förmlich gefeiert, mit Gedichten, Aufrufen und der Umgestaltung der Zeitschrift des MR zur Feldpost, so ging er über das Kriegsende geradezu schweigend hinweg. Zwar erschien die MR-Zeitschrift wieder als „Märkischer Ruderbote", aber das Ende der Kampfhandlungen wurde nur in einigen dürren Sätzen erwähnt:

Jetzt aber sind wir ins Friedensland zurückgekehrt. Es empfängt uns mit Enttäuschungen, Sorgen und Kümmernissen - doch es ist Friedensland. Zögern wir nicht, uns darin so heimisch einzurichten, wie es nur immer möglich ist!

MRb 17, Nr. 168, 18 Februar 1919, S. 2228

Die Erinnerung an den verlorenen Krieg, an die Entschlossenheit und die Erfolge der ersten Kriegsmonate, an den plötzlichen Zusammenbruch der Front, die sich im Kampf gegen die Übermacht fast der ganzen Welt erschöpft hatte, und zuletzt die Revolution gegen das kaiserliche Deutschland, der Nordhausen wie viele die Schuld an der deutschen Niederlage gab, sollten seine Haltung zur Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, bestimmen. In einer Vorstandssitzung am 3. Februar 1919, der ersten nach der Beendigung des Krieges, legte Nordhausen seine Beurteilung der politischen Umwälzungen durch Niederlage und Revolution dar und liefert damit ein frühes Beispiel für die Verbreitung der Dolchstoßlegende, die die Schuld an der Niederlage der politischen Opposition zuwies, die militärische und politische Führung aber von jeglicher Schuld freisprach:

Der 1. Vorsitzende eröffnete die Sitzung ... , indem er die Kameraden, die aus dem Heere entlassen sind, mit warmen Worten begrüßt. Wenn wir uns den Ausgang dieses Krieges auch alle anders gedacht haben, so führt er aus, so ist es doch müßig, der Schuldfrage nachzugehen und etwa einem Einzelnen die Schuld am Kriege beizumessen.

Die Einleitung zu Nordhausens Rede klingt versöhnlich, soll aber vor allem dazu dienen, auf indirekte Weise einen ganz bestimmten Einzelnen, nämlich Deutschland, vom Vorwurf freizusprechen, es habe den Krieg allein verursacht, wie es die alliierten Mächte behaupteten, die daher auch die Auslieferung des Monarchen sowie aller deutschen Offiziere, die sich Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten, forderten. Nachdem Nordhausen so implizit die alliierte These von der Alleinschuld Deutschlands am Kriege, die schließlich auch Eingang in den Vertrag von Versailles fand, zurückgewiesen hatte, ging er weiter auf vermeintliche Ursachen der deutschen Niederlage ein:

Schuld am Ausgange habe das ganze Volk, besonders die Heimat. Bei dem schnellen Aufstieg Deutschlands in den letzten 40 Jahren zu bedeutendem materiellen Reichtum, habe es seine Seele vergessen. Zwar habe uns nur ein Geringes am endgültigen Siege gefehlt, aber es wäre vielleicht gut so gewesen, daß wir das Ziel nicht erreicht haben, denn sonst wären wir rettungslos und völlig im Materialismus versunken, gegen den wir uns in unserem Sportverein ja ständig gewehrt hätten. Unsere Zukunft liegt schwärzer vor uns, als wir es uns in der Mehrzahl eingestehen wollen; dafür können wir aber nicht etwa die Krieger verantwortlich machen, die ihre Pflicht in übermenschlicher Weise erfüllt hätten. Ihnen vielmehr ist die Heimat in den Rücken gefallen ...

Nordhausen zeichnet 1919 also das Bild eines in Frieden und Wohlstand verweichlichten deutschen Volkes, obwohl er vor dem Krieg das gleiche Volk noch auf Grund der angeblichen gesundheitlichen Gefährdungen des Stadtlebens in seinem Bestand als gefährdet angesehen hatte. Nordhausen idealisiert die materiellen Verhältnisse des Kaiserreichs, in dem die meisten Menschen keinen ausgesprochenen materiellen Wohlstand genossen haben, und er übersieht auch die Entbehrungen und den massiven Hunger, den die deutsche Zivilbevölkerung während des Krieges erleiden musste. Das ist um so erstaunlicher, hatte Nordhausen in seinen Kriegsgedichten doch auch zur heroischen Bemeisterung der allgemeinen Hungersnot aufgerufen. Für ihn wurde Deutschland nicht von einer Übermacht militärisch besiegt, sondern es wurde in treuloser Art von der Heimat verraten, wurde ein Opfer seiner eigenen „Seelenlosigkeit", indem es sich nicht an die im Kaiserreich auch von Nordhausen propagierten Tugenden hielt. Es habe also nur die rechte Einstellung gefehlt, man hätte nur am „Geist von 1914" festhalten müssen, dann wäre der Sieg schon gekommen. Diese Fehleinschätzung erweitert Nordhausen dann noch mit der Idee, dass die kommenden Notzeiten Deutschland vor dem Abgleiten in den „Materialismus" retten könnten - ein Gedanke, den Nordhausen offenbar für tröstlich hielt, hatte ihn doch der „Materialismus" bereits vor dem Ersten Weltkrieg beunruhigt. Ob eine solche Gegenwartsanalyse bei der durch Inflation, ständige Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit geplagten Bevölkerungsmehrheit der Zwanzigerjahre auf Zustimmung gestoßen wäre, mag hier getrost bezweifelt werden.

Nordhausen beendet seine Rede mit einem Appell an die männlichen Mitglieder des MR, ihren staatsbürgerlichen Pflichten weiterhin zu genügen:

Daß sich jetzt alle wieder unter einer Fahne zusammenfinden werden, um am Wiederaufbau des MR mitzuhelfen, wie sie außerhalb des Vereins beim Wiederaufbau des Staates ihre Pflicht als deutsche Männer erfüllen werden.

MRb 17, Nr. 168, 18 Februar 1919, S. 2229

Trotz seiner Aufforderung zur Mitarbeit beim „Wiederaufbau des Staates" mitzuwirken, stand Nordhausen der Errichtung einer parlamentarischen Demokratie distanziert gegenüber. Er begriff die neue Zeit hauptsächlich als Verfall und parallelisierte sie mit der Zeit einer anderen großen Niederlage, nämlich mit der Preußens gegen Napoleon 1806/07, die mit den Siegen von 1813 bis 1815, deren Jubiläen vor dem Ersten Weltkrieg so großartig gefeiert worden waren, rückgängig gemacht werden konnte:

Von der gesunkenen Moral, ja der sittlichen Verwilderung bringt jeder Tag neue Beweise. ... Längst nicht mehr erfreut sich Deutschland der urwüchsigen Kraft, die es auch nach zerschmetternder Niederlage zu neuem, glorreichem Aufstieg befähigte. In der glänzenden Epoche des Geldmachens und des sogenannten Lebensgenusses, der breiten Schichten als das Höchste, einzig Erstrebenswerte schien, hat man sich wenig um das gesunde Blut gekümmert.

Liest man diese Zeilen genauer, so erkennt man, dass es die gleichen Ängste sind, die Nordhausen schon vor dem Krieg umgetrieben hatten: Verwilderung der Jugend, ein angeblich alles beherrschender Materialismus, ein angeblich ungezügelter Individualismus und dazu der nun tatsächlich eingetretene Verlust der deutschen Großmachtstellung. Seit der Antike sind das feste Bestandteile konservativer Wahrnehmung, in noch keiner Zeit hat die Jugend auf dergleichen Vorhaltungen und Ermahnungen verzichten müssen. Auch beklagt Nordhausen wieder die angeblich einseitige Ausbildung der Jugend, die die Situation, die nach Nordhausen einer „Katastrophe" glich, noch verschlimmert hätte, und sprach sich wie vor dem Weltkrieg für ein verstärktes Ansehen der körperlichen Ertüchtigung gegenüber der theoretischen Ausbildung aus:

Unglücklicherweise wirkte von der entgegengesetzten, dem Materialismus feindlichen Seite her eine an sich unschätzbare deutsche Tugend mit, die Katastrophe zu beschleunigen. Hier führte das Streben nach geistiger Vervollkommnung dazu, die Leiber bewußt zu vernachlässigen, unsere Jugend in die Stadt zu bannen ...

MRb 23, Nr. 206, 3. November 1925, S. 2424

Nordhausen kontrastierte hier die intellektuelle Ausbildung, die er als „das Streben nach geistiger Vervollkommnung" nennt, mit dem „Materialismus". Damit sprach er auf das in Deutschland weithin vorhandene Selbstbild der Deutschen als „Volk der Dichter und Denker" an, das angeblich, in idealistischem Streben („deutscher Idealismus") oder hochfliegenden Träumen verhaftet, vergäße, sich um die materiellen Seiten der Existenz in ausreichendem Maße zu kümmern. Der positive Aspekt eines solchen Selbstbildes war die Möglichkeit einer Selbstaufwertung; „Idealisten" standen in einem allgemeinen Ruf besonderer Reinheit und Unschuld, weshalb übrigens auch die Propaganda der NSDAP den „Führer" Adolf Hitler und seine Anhänger gerne als Idealisten darstellte, die hoch über alle Versuchungen erhaben wären. Auch Nordhausen wird sich in seiner Verurteilung des „Materialismus" eher als ein solcher Idealist begriffen haben.

Mit seinen Einstellungen blieb Nordhausen wie die meisten anderen Ruderfunktionäre auch bei seiner alten Linie aus der Zeit des Kaiserreichs, den Sport als Erziehungsprozess zu begreifen, der die Formung nationalistischer, autoritär orientierter Staatsbürger zum Ziel hatte, Auffassungen, die zu einer Demokratie nicht passen wollen. Aber im Gegensatz zur Zeit vor 1919 wollte er nicht mehr so viel Aufhebens davon machen und mehr im Stillen wirken. In vereinzelten Beiträgen jedoch, wie etwa in dem 1927 im „Wassersport" unter dem Titel „Der deutsche Sportgedanke und der Gedanke im deutschen Sport" erschienenen Leitartikel, vergaß er seine Diskretion jedoch und beschrieb seine Ideen ausführlich:

Am besten, daß das Geistige im Sport den meisten unbewußt, unterbewußt bleibt. Gerade bei den Berufenen, den geborenen Führern, erstarkt es nur in der Stille und trägt nur dann Früchte. ... Unser Sport bedarf deutscher Persönlichkeiten, nicht der allein auf ihre eigene Persönlichkeit eingestellten.

Individualismus war in dieser Auffassung vom Sport nicht gefragt, die „deutsche Persönlichkeit" sollte sich wie je dem großen Ziel unterordnen und in der Organisation aufgehen, ein Gedanke, dem wir bereits im Zusammenhang mit den „Ideen von 1914" begegnet sind:

Einmal im Verein, hat sich der Sportjünger auch schon dem großen Gemeinschaftsdenken unterworfen. Ganz von selbst fügt er, der zunächst doch nur für sein eigenes Wohl sorgen wollte, sich dem geltenden Gesetz; wächst ganz von selbst in Kameradschaftlichkeit und Treue zur Flagge hinein. Dem notwendigen Zwang, sich einzuordnen, gehorcht jeder gern, weil die Vorteile klar auf der Hand liegen. Und ohne daß er es merkt, wird der Einzelgänger zum Mitstrebenden erzogen. ... Der Begriff deutscher Sportsehre dämmert auf, des deutschen Gentlemantums mit seinem Leitsatz: Alle für einen, einer für alle!

WS 45, Nr. 5, 3.2.1927, S. 61-62

Mit der Wendung von „Kameradschaftlichkeit" und „Treue zur Flagge" wird wiederum ein militärischer Ton angeschlagen, wie bereits vor und während des Kriegs.

Auch im MRb legte Nordhausen seine Positionen wiederholt dar, dort unter dem Titel „Deutscher Geist im Sport". Wiederum verband er Ordnungsvorstellungen auf der politischen Ebene mit seiner Auffassung vom Vereinsleben, in dem er, wie später das NS-Regime, die Anpassung an die herrschende Ordnung, Leistungsbereitschaft und Disziplin betonte:

Erster Zweck des Sportes ist die Erziehung zum Gemeinschaftswillen ... So gesellt sich der körperlichen Hochzüchtung die sittliche Entwicklung. Der Sportsfreund erkennt, daß Freiheit nicht zügellose Willkür, sondern schöne Gebundenheit in dem großen Ganzen ist, daß durch freiwillige Neben- und Unterordnung, die besonders jeder Gemeinschaftssport, vor allem unsere Ruderei, fordert, der Weg zur Führerschaft geht.

MRb 24, Nr. 215, 22. Dezember 1926, S. 2476 und
MRb 25, Nr. 220, 29. August 1927, S. 2455

Wenn Nordhausen hier von Führerschaft spricht, ist nur die im Verein gemeint. Genauso wie vor dem Krieg bevorzugte Nordhausen also einen autoritäreren Führungsstil. Genauso wie vor dem Krieg begriff er den Sport weiterhin als modellhaftes Handeln, als „hohe, von nationalen und sittlichen Ideen getragene Arbeit, der alle Stände und Volksschichten sich hingebungsvoll weihen", ein Satz, in dem die Ideologie einer „Volksgemeinschaft" aufklingt, wie Nordhausen sie bereits vor dem Ersten Weltkrieg gewünscht hatte.

Nordhausen ließ in seinen Veröffentlichungen erkennen, dass er sich für die Gesamtgesellschaft ähnlich autoritäre Lösungen vorstellen konnte. Enttäuscht von den neuen politischen Zuständen und unter dem Eindruck der Krise am Ende der Weimarer Republik begann er schließlich, wie viele Angehörige des Großbürgertums, sehnsüchtig auf die politischen Verhältnisse in Italien zu schauen, wo mittlerweile Mussolini zum Diktator avanciert war und die italienische Gesellschaft einer autoritären Ordnung unterworfen hatte. Die faschistische Diktatur erschien manchem als der Königsweg aus allen politischen Querelen.

So setzte Nordhausen das Geschehen in den Vereinen und Verbänden mit der politischen Situation gleich. Wie aus einem Artikel im „Wassersport" hervorgeht, wünschte er im Juni 1933 dem vom damals gerade errichteten NS-Regime eingesetzten „Reichssportkommissar" (später „Reichssportführer"), dem SA-Gruppenführer Hans von Tschammer und Osten, viel Erfolg bei seiner künftigen Arbeit, indem er auf das Beispiel Mussolinis hinwies, der schon Jahre zuvor alle Sportorganisationen in einer faschistischen Einheitsorganisation zusammengefasst hatte:

Mussolini, dessen kräftiges Zupacken gerade im neuen Deutschland Verständnis findet, hat es in vieler Beziehung doch leichter als wir. ... Wie in der Arbeit haben wir uns im Spiel überorganisiert. Herr v. Tschammer und Osten hat es mit einem Gewirr sehr ausgetüftelter alter Formen zu tun, üppiger Verwurzelungen und Verästelungen, die es zu vereinfachen gilt. Sein Zugriff wird schmerzen ... unsere Sportbürokratie sieht sich jäh entthront.

Nordhausen begrüßte den „schmerzlichen Zugriff" des NS-Sportkommissars - die „Gleichschaltung" der Sportorganisationen also, deren Konsequenzen er allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht überblickte, weil er sich durch eine Vereinheitlichung der Verbandslandschaft in Deutschland nach italienischem Vorbild eine Effektivierung wie auch eine Ausweitung der Vereinsarbeit versprach. Hatte das faschistische Italien bei den Olympischen Spielen von Los Angeles 1932 doch spektakuläre Erfolge erzielt, gerade auch im ruderischen Bereich. Die durch Zwangsmaßnahmen des Regimes durchgeführte stufenweise Vereinheitlichung der Sportverbände in einem reichsweiten, politisch gleichgeschalteten Dachverband betrachtete Nordhausen daher

wie alle fortschrittlich Gesinnten ... als erlösenden Schritt zu neuen Höhen des deutschen Sports. Wir haben daneben die selbstverständliche Pflicht, das Äußerste zu tun, um dem Reichssportkommissar so viele Steine wie denkbar aus dem Wege zu räumen. Es liegen nämlich genug darauf.

Wie viele Angehörige der alten gesellschaftlichen Elite glaubte er, dass die Nazis trotz aller Umgestaltung die Hilfe der erfahrenen Funktionsträger brauchten. So setzte er den Artikel fort:

Dabei bedarf der Reichskommissar ihrer Intelligenz (der der alten Sportfunktionäre), wenn er die mächtige Wandlung einigermaßen reibunglsos durchsetzen will. Hoffen wir, daß alle Beteiligten des jungen Frühlingsgeistes einen Hauch verspüren und um der großen Sache willen selbstlos das große Werk fördern!

Auffällig ist hier die positive Bewertung der Installierung des neuen Regimes und seiner Träger (sprachlich etwas eigenwillig: „Beteiligte des jungen Frühlingsgeistes"), die „die mächtige Wandlung", also die Errichtung einer vom Regime beaufsichtigten Einheitsorganisation, durchsetzen sollen, und zwar „reibungslos". In diesem Zusammenhang begrüßte Nordhausen ausdrücklich auch die Einführung des „Führerprinzips" in Vereinen und Verbänden und fordert die „richtige Anwendung des Führerprinzips, das die Auswahl der Mitarbeiter in die Hände einer Autorität legt und von Wahlzufälligkeiten unabhängig macht":

Statt des Stimmzettels nun gewissenhafte Auslese durch den erfahrenen Mann an der Spitze! Kronprinzen können nicht aus der Urne hervorgehen, sie müssen herangezogen und erzogen werden.

WS 51, Nr. 23, 8.6.1933, S. 400

Dass das NS-Regime bereits in seinen ersten Monaten äußerst brutal vorgegangen war und keinerlei Respekt vor alten, verwurzelten Organisationen und verdienten Funktionären, Politikern, Journalisten usw. gezeigt hatte, in keinem Bereich der Gesellschaft, dass zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere zehntausend Gegner des NS in Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert waren, spielt in Nordhausens Betrachtungen keine Rolle, denn er begriff sich nicht als Gegner der neuen Ordnung, sondern eher als ein Kritiker, der einigen, auch für die neuen Machthaber unverzichtbaren Sachverstand mitbrachte. Er sah sich selbst als einen der Führer an, die mit verstärkter Autorität von neuem Einfluss auf das Vereins- und Verbandsleben nehmen könnten. Aber auch das sollte sich als Fehleinschätzung erweisen.

Ab 1933: Die Umgestaltung des Rudersports und der Abgang Nordhausens

Nur einen Monat später meldete sich Nordhausen unter der Überschrift „Der neue Sport und die Ruderei" erneut im „Wassersport" zu Wort und bekräftigte seine bereits im Kaiserreich verfolgten Ziele einer ideologisch ausgerichteten Nationalerziehung durch den Sport:

Der Sport gewinnt im neuen Deutschland einen neuen Sinn. Er soll die führenden Männer in ihrem Bestreben unterstützen, kraftvolle Jugend heranzubilden, die sich wieder der Natur verbunden fühlt, die Heimat kennen und lieben lernt, Kameradschaftlichkeit, Gemeinschaftsgeist, Fahnentreue im Kleinen wie im Großen übt. ... Beim nationalen Sport geht es nur darum, der Gesamtheit zu nutzen."

WS 51, 1933, Nr. 29, 20.7.1933, S. 616

Im gleichen Artikel begrüßte er den neu eingeführten zwangsweisen „Geländesport", der es den Vereinen zur Vorschrift machte, in Zukunft auch Übungseinheiten abzuhalten, die ausschließlich der militärischen Ertüchtigung dienten, wie etwa Weit- und Zielwürfe mit Holzkeulen, die auf den Wurf von Handgranaten vorbereiten sollten, oder Gepäckmärsche, deren militärischer Nutzen sofort einleuchtet. Nordhausen wollte das neue Übungsprogramm als Möglichkeit begreifen.

Der neue Sport und die Ruderei

... die unbeobachtete Freiheit von Wald und Feld und Wasser unserem Nachwuchs wieder zu erobern. Hier unlösbare Verbindungen herzustellen, das ist die eigentliche Aufgabe des Geländesports. ...

Er versuchte, den Geländesport zu einer neuen Form von Breiten- und Mannschaftssport umzudeuten und vertrat die Ansicht, Geländesport sei für die Wanderrudervereine, die den Bedürfnissen der neuen Zeit ohnehin schon immer weit entgegen gekommen seien, eigentlich nicht notwendig:

Jetzt geht es darum, in unermüdlicher, alles erfassender Breitenarbeit jeden Volksgenossen zu seiner persönlichen Höchstleistung anzufeuern, ihn zu einem Tüchtigen im Mannschaftskampfe zu machen. Wie nahe steht wieder der Rudersport von jeher solchen Bestrebungen! Wahrlich, mit uns zieht die neue Zeit, weil wir die alte rechtzeitig gut begriffen und gewissenhaft angewandt haben!

Mit dieser Äußerung ordnete Nordhausen sich selber in die Vorgeschichte des neuen Regimes ein und akzentuierte eine angeblich schon immer vorhandene ideologische Affinität mit den Zielen des jungen NS-Regimes. Aber neben dem Rudern könne es der Jugend ja nicht schaden, „nicht nur ausschließlich vom Boot her die deutsche Landschaft kennen zu lernen und ihre Geschicklichkeit nicht nur im Boot zu erproben". Er stellte den so genannten Geländesport lieber in den Zusammenhang seiner völkisch angehauchten Interpretation der deutschen Jugendbewegung, vor allem der Wandervögel, und verharmlost den Sinn der neuen Übungen bis zur Unkenntlichkeit:

Geländesport entspringt dem Wandern, diesem urdeutschen, keiner anderen Nation so unausrottbar eingewurzeltem Triebe ...

Dass es sich beim neu verordneten „Geländesport" in Wirklichkeit um vormilitärische Ausbildung handelt, versuchte Nordhausen zu übersehen und erklärte im gleichen Artikel statt dessen sogar:

Die neue Auffassung vom Sport gestattet jedem von uns, nach seiner Fasson selig zu werden.

WS 51, Nr. 29, 20.7.1933, S. 616

Aber das war nur ein frommer Wunsch, wie sich dem weiteren Verlauf der Ereignisse leicht entnehmen lässt. Aber auch die vorausgegangenen Ereignisse in den Sportverbänden, über die im „Wassersport" ausführlich berichtet wurde, wären schon geeignet gewesen, Nordhausens Hoffnungen zu zerstreuen.

Bereits am 20. April 1933 wurde in einem Leitartikel im „Wassersport" - unterbrochen durch eine Anzeige mit einem „Glückwunsch des Deutschen Ruderverbandes an des Reiches tatenfrohen Kanzler", dem „großen Führer der nationalen Erhebung" - erklärt, Ziel sei jetzt die „restlose Einfügung auch der großen Sportbewegung in den Dienst des Volksganzen an der Nation", woraus sich ihre „Durchdringung mit dem Wehrgedanken" ableitete (WS 51, Nr. 16, 20.4.1933 S. 226-227). In der erwähnten Anzeige versicherte der Präsident des Ruderverbandes Pauli, bald schon „Führer der Fachschaft Rudern im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen", seit fünfzig Jahren habe der Ruderverband an der „Erziehung deutscher Jugend zu nationalem Fühlen, Denken und Handeln" gearbeitet.

Am 11. Mai 1933 war von einer Ausschusssitzung des Ruderverbands ausgerechnet in Potsdam („Das muss symbolisch gewertet werden."; WS 51, Nr. 19, Leitartikel) zu lesen. Dort wurde der Ausschluss überwiegend jüdischer Vereine aus dem Verband behandelt, die sich automatisch „aus der Behandlung der Einzelmitglieder nichtarischer Abstammung" ergab. Daraufhin traten einige Vereine aus dem Wassersportverband aus, wie am 1. Juni 1933 im „Wassersport" vermeldet wurde.

Aus offiziellen Verlautbarungen des Ruderverbands war zu entnehmen, dass auch die Arbeitersportvereine aufgelöst wurden und ihr Vermögen als beschlagnahmt galt. Ihre als „Marxisten" titulierten Angehörigen erhielten ein Vereinsverbot bis zum 1. September 1933 und sollten nach ihrem eventuellen Eintritt in die erlaubten Rudervereine mit besonderer Sorgfalt beobachtet werden. Mehrere Reden des „Reichssportführers" wurden abgedruckt, in denen er die sportpolitischen Ziele des neuen Regimes umriss.

Ab Juni 1933 erfolgte in mehreren Zwischenschritten die Gleichschaltung der Spitzenverbände des deutschen Sports und ihre Zusammenfassung in einer Dachorganisation. Schüler- und Jugendabteilungen der Vereine mussten bis zum 15. Juli 1933 durch den Verband dem Reichsjugendführer gemeldet werden, bald schon wurden Abkommen geschlossen, die die Zusammenarbeit zwischen Hitlerjugend und Sportvereinen regeln sollten. Die Ruderer nahmen in eigenen Vereinsformationen am Aufmarsch zum 1. Mai 1933 teil. Zum Gedächtnis an den Tod Schlageters wurden die Vereine aufgefordert, am 28. Mai an ihren Bootshäusern die Hakenkreuzfahne zu hissen, „gleichberechtigt mit der schwarz-weiß-roten Fahne", die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik war abgeschafft. In den Vereinen wurde das „Führerprinzip" eingeführt, wobei zwar ausdrücklich festgestellt wurde, dass der „Führer" nicht in jedem Fall ein Nationalsozialist sein müsse - aber das Klima in den Vereinen hatte sich spürbar verändert, die „Gefolgschaft" der neuen „Führer" war nicht in jedem Fall zufrieden.

In seinem Leitartikel im „Wassersport" vom 19. Oktober 1933 unter dem Titel „Die Stimme der Gefolgschaft" ließ Nordhausen sich anmerken, dass er den uneingeschränkten Optimismus, den er noch zu Beginn des NS-Regimes bezüglich einer von den Hindernissen interner Auseinandersetzungen durch die Einführung des „Führerprinzips" befreiten Arbeit der Sportverbände und -vereine hegte, nach nur wenigen Monaten nationalsozialistischer Machtausübung gründlich verloren hatte. In diesem Artikel forderte er dazu auf, „den Führergedanken ... nicht buchstabengläubig zu überspannen". Zwar begrüßte er immer noch die Beseitigung der „Parlamentsspielerei in Verein und Verband" mit ihrem angeblich „inhaltsleerem Redequalm", zwar diffamierte er immer noch das System der parlamentarischen Demokratie und bezeichnete die demokratischen Einrichtungen der Weimarer Republik als „Schwatzkammern der liberalistischen Zeit, zu denen einst alles Volk mit verzückter Bewunderung aufschaute", zwar äußerte er immer noch seine Übereinstimmung mit der NS-Herrschaft. Er versuchte sogar, den neuen Machthabern durch das demonstrative Äußern von NS-konformen Ansichten entgegenzukommen; schlug vor, dass die Sportvereine gewissermaßen ideologisch mit den übermächtigen Parteiorganisationen konkurrieren sollten:

Heute erblicken wir in unserem Verein nicht nur eine Burg kameradschaftlicher Treue, eine nach außen hin scharf abgegrenzte Freundeskumpanei, sondern jeder rechte Ruderbund soll zugleich ein Hort vaterländischer Gesinnung, Pflegestätte deutschen Geistes sein. Neben den SA- und SS-Formationen behaupten wir uns nur, wenn die Jugend den Sturmwind nationaler Begeisterung oder doch wenigstens die unverkennbare Kraft nationalen Wollens auch durch unsere Bootshallen wehen fühlt.

Aber gleichzeitig bemerkte Nordhausen auch, dass die NS-Sportführung im Grunde nur wenig Interesse an der Zusammenarbeit mit den aus älteren Zeiten verbliebenen bürgerlichen Sportfunktionären hatte, selbst wenn diese stramm nationalistisch orientiert waren. Trotz der demonstrativen Betonung der inhaltlichen Übereinstimmung mit dem neuen Regime war er mit den tatsächlich eingekehrten Zuständen in Vereinen und Verbänden nicht mehr zufrieden, weil er erkennen musste, dass das Führerprinzip oft genug dazu benutzt wurde, um die Wünsche der Vereinsmitglieder zur Seite zu schieben und alle Fragen nur noch autoritär zu entscheiden, ohne - wie Nordhausen es nahezu flehentlich wünschte - „die Stimme der Gefolgschaft" zu hören. Nordhausen plädierte nun sogar offen für die Beibehaltung der Vereinsversammlungen, so als hätte er niemals gegen „Schwatzkammern der liberalistischen Zeit" polemisiert. Dabei beschrieb er deutlich genug, unter welchem Druck die Sportvereine seit der Installierung des NS-Regimes geraten waren:

Schier ängstlich haben wir uns in den letzten Monaten vor Versammlungen des Rudervolks gehütet. „Es hat ja doch keinen Zweck mehr." Dabei verlangt die neue Zeit das Gegenteil. Dabei hätten wir allen Anlaß, uns so oft wie möglich zusammenzusetzen und unsere Führer über die herrschende Stimmung, über die Notwendigkeiten, wie sie uns Geführten vorschweben, sehr eindeutig zu unterrichten.

So weit war es also gekommen: Nordhausen, der es seit Gründung des MR gewohnt war, seine Vorstellung im Verein durchzusetzen, spürte unter den neuen politischen Verhältnissen seine Machtlosigkeit und forderte nun:

In unseren Mitgliederversammlungen muß ein neuer Geist einziehen. Aber sie müssen bleiben. Wir bedürfen ihrer in Zukunft vielleicht dringender als bisher. Will der Führer sein Amt in rechter Weise verwalten, sich vor Irrwegen und verhängnisvollen Fehlern hüten, ... , dann muß er nahe Verbindungen mit seinen Kameraden halten.

Dieser Appell verhallte ungehört. Wie viele ältere bürgerliche Funktionäre wurde auch Richard Nordhausen vom NS-Regime an die Seite gedrängt, was dann auch bald zu seinem Rückzug aus der Vereins- und Verbandsarbeit führte. Das mag ihn um so härter getroffen haben, hatte er doch Zeit seines Lebens politische Ansichten im Rahmen des Sports in die Praxis umsetzen helfen, die seiner Erwartung nach auf Grund ihrer nationalistischen, militaristischen und sozialpolitischen Inhalte auch seitens der NSDAP hätten Anerkennung und Gefallen finden müssen. Wie viele seiner Zeitgenossen begrüßte Nordhausen den Amtsantritt der Hitlerregierung zunächst als nationalen Aufbruch und unterschätzte dabei das radikale und brutale Element des beginnenden Nationalsozialismus, der sich zu Beginn seiner Herrschaft noch ganz im Sinne der alten Eliten als nationale Erneuerungsbewegung, die vorgeblich an alte Traditionen anknüpfen wollte, zu präsentieren wusste. Nordhausen war auf Grund seines teilweise auch militanten Nationalismus, der noch in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurzelte, und auf Grund seiner autoritär geprägten Ordnungsvorstellungen anfällig für die Verheißungen des neuen Regimes. Es waren die Sehnsüchte nach nationaler Machtentfaltung und nach individueller Stärke, die Nordhausens Engagement für den Sport politisch bestimmten, und genau diese Sehnsüchte waren es auch, die ihn blind für die Gefahren der neuen Ordnung gemacht hatten. Den verbrecherischen Charakter der NS-Politik, der sich bereits während der Zeit der Weimarer Republik erkennen ließ, ignorierte er, weil er seine Hoffnungen nach 1933 zunächst auf einen nationalen Aufschwung unter NS-Führung setzte. Nordhausens politische Orientierung ist ein Beispiel dafür, dass der Nationalismus, den wir heute eher konservativen oder rechten Politikvorstellungen zurechnen würden, im Wilhelminismus und danach in der Weimarer Republik bis weit ins liberale Spektrum hinein eine beherrschende Rolle gespielt hat, wobei sich der Nationalismus der Liberalen im Gegensatz zu dem der Konservativen mit auch aus heutiger Perspektive noch als fortschrittlich erscheinenden Modernisierungsideen verbinden konnte, allerdings auch mit problematischen. Somit kann Richard Nordhausen als ein typischer Vertreter derjenigen Teile des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert begriffen werden, die aus Frustration über die politischen Realitäten des Wilhelminismus und der Weimarer Republik den Wunsch nach nationaler Stärke und Einheit schließlich über jeglichen demokratischen Alltag setzten, der allen Beteiligten stets zunächst gegenseitige Achtung, dann Geduld, dazu mühsames Verhandeln auch mit unliebsamen Partnern und zuletzt auch oft unbequeme Kompromisse und auch das Verkraften von Enttäuschungen abverlangt.

Ausblick 1933-1945

Mit der Gleichschaltung der Vereins- und Verbandslandschaft ab 1933 und dem Rückzug seines Gründers 1934 verliert sich die Spur des MR als die eines herausgehobenen, politisch deutlich profilierten Vereins. Wie alle anderen Vereine auch wurde der MR in die Herrschaftspolitik des neuen Regimes eingebunden, deren Auswirkungen, die zu einer kompletten Umgestaltung des Sportlebens und die weit gehende Politisierung der Sportöffentlichkeit innerhalb der drei Jahre von Anfang 1933 bis zum Ende des Jahres 1935 führten, an dieser Stelle in Form eines Ausblicks auf die weitere Entwicklung kurz skizziert werden sollen. Dazu betrachten wir wiederum das offizielle Organ des Deutschen Ruderverbands, den „Wassersport", um zu untersuchen, wie die Politisierung des Sports öffentlich dargestellt wurde. Einige der herausragenden Maßnahmen des NS-Herrschaftsapparates sind schon im vorigen Kapitel erwähnt worden, werden hier aber im Zusammenhang noch einmal wiederholt:

Eine aktive NS-Sportpolitik begann erst mit der Ernennung des „Reichssportkommissars", später „Reichssportführers" Hans von Tschammer und Osten am 28. April 1933. Zu seinen ersten Maßnahmen zählte die bereits erwähnte Zerschlagung aller dem Regime missliebigen Vereine, vor allem die des Arbeitersports, und die Einziehung aller ihrer Vermögenswerte. Nach einer Sperre von einigen Monaten war es den noch bestehenden Vereinen erlaubt, Angehörige der verbotenen Vereine in ihren Reihen aufzunehmen, jedoch nur als Einzelmitglieder und nicht etwa in Form geschlossener Mannschaften, was die etwaige Bildung oppositioneller Gruppen im Vereinssport erschweren sollte (WS 51, 1933, S. 326, 909, 965). Wurden diese Anordnungen im Laufe der Zeit auch etwas gelockert, so zeigte sich doch darin der Wille zur politischen Überwachung und Disziplinierung der Bevölkerung, der im Sportleben genauso seinen Niederschlag fand wie in der übrigen Gesellschaft.

In die gleiche Richtung weisen auch mehrere Erlasse von Tschammers, der 1934 befahl, dass Personen, „die aus der SA bzw. der Partei ausgeschlossen worden sind ... auch aus den ... Vereinen entfernt werden müssen" (WS 52, 1934, S. 181). Ergänzend dazu wurde wenige Wochen später angeordnet, „daß umgekehrt die Vereine verpflichtet sind, der zuständigen Parteistelle Meldung zu machen, wenn sie ein Parteimitglied, SA- oder SS-Mann usw. aus dem Verein ausgeschlossen haben" (WS 52, 1934, S. 294). Das band die Vereine unmittelbar in die Überwachungs- und Disziplinierungsabsichten des neuen Regimes ein. Auch die Schaffung eines obligatorischen Berufsverbands für alle Turn-, Sport- und Gymnastiklehrer (WS 51, 1933, S. 369) entsprang der gleichen Absicht, genauso wie das Verbot von allen Vereinen außerhalb der offiziellen und gleichgeschalteten Verbände.

Innerhalb der Vereine wurde das „Führerprinzip" eingeführt, das die Oberhäupter der einzelnen Vereine mit dem Privileg ausstattete, alle Posten mit Kandidaten ihrer Wahl zu besetzen. Die „Führer" konnten zwar von den Vereinen selbst bestellt werden und mussten nicht unbedingt der NSDAP angehören, wie der „Reichssportführer" ausdrücklich feststellte, bedurften aber doch seiner Bestätigung, was missliebige Kandidaten von vornherein ausschaltete (WS 51, 1933, S. 733, 852). Der „Reichssportführer" konnte nach seinem Belieben ohnehin jederzeit in die Interna der Vereine und Verbände eingreifen, was er schließlich am deutlichsten mit der Einführung einer verbindlichen Einheitssatzung für alle Vereine tat (WS 51, 1933, S. 961, WS 53, 1935, S. 70-71).

Auch der Verbandslandschaft wurde die Aufmerksamkeit der NS-Sportführung zuteil: In mehreren, teilweise misslungenen Zwischenschritten wie die versuchte Schaffung eines „NS-Wassersportverbands" oder eines „Reichsführerrings" wurden alle noch erlaubten Turn- und Sportvereine in einem Einheitsverband zusammengefasst, der zunächst den Namen „Deutscher Reichsbund für Leibesübungen" führte, dann „Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen" hieß (WS 51, 1933, S. 320, 691, 724, 759-760). Im Zuge dieser Gleichschaltung wurde trotz seiner nationalistischen Haltung nach den Arbeitersportvereinen und -verbänden auch der Dachverband des bürgerlichen Sports, der von 1917 bis 1933 bestehende „Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen" aufgelöst, wobei Hermann Pauli, der Vorsitzende des Deutschen Ruderverbands, sich neben Edmund Neuendorff, dem „Führer" der Deutschen Turnerschaft, und Felix Linnemann, dem Präsidenten des Deutschen Fußballbunds, als besonders willfährig gegenüber den sportpolitischen Bestrebungen der NS-Führung erwies (WS 51, 1933, S. 226, 293, 326, 369 und 897). Tatsächlich blieb Pauli dann auch „Führer" der deutschen Ruderschaft.

Seine NS-konforme Haltung bezeugte Pauli in zahlreichen im „Wassersport" veröffentlichten Artikeln. Damit stand er keineswegs allein, auch existierten eindeutige politisierende Tendenzen bereits vorher: Hatten sich der Deutsche Ruderverband und der „Wassersport" im Jahr 1923 mit einer Artikelserie und einer Geldspende am so genannten „Ruhrkampf" beteiligt, nachdem französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzt hatten, um Deutschland zur schnelleren Bezahlung der Reparationsforderungen zu zwingen, so wurden ab 1926 die schrittweisen Räumungen der Besatzungszonen an Rhein und Ruhr in ausführlichen Leitartikeln und mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Seitdem Hindenburg, der alte kaiserliche Feldmarschall, 1925 zum Reichspräsidenten gewählt worden war, hatte es immer wieder patriotische Kundgebungen im „Wassersport" gegeben, die ganz auf der Linie des wilhelminischen Patriotismus lagen und Hindenburg wie zu Zeiten des Ersten Weltkriegs als eine Retter- und Vaterfigur feierten, eine Tendenz, die sich in der schließlichen Krisen- und Auflösungsphase der Weimarer Republik ab 1930 dann noch verstärkte. Der Vorgänger Hindenburgs als Reichspräsident hingegen, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, hatte während seiner Amtszeit (1919-1925) nur am Rande Erwähnung im „Wassersport" gefunden und galt in den Augen der Redaktion und der Verbandsführung offenbar nicht als nationales Vorbild. Vor dieser politischen Orientierung verwundert es dann nicht, dass nach einer anfänglichen Phase des Abwartens und der ungeklärten Verhältnisse der neue Reichskanzler Hitler im „Wassersport" bald schon als „Volkskanzler" gefeiert wurde und in einem ausgesprochenen Personenkult peu à peu Hindenburg als Inkarnation einer Retterfigur ablöste (Leitartikel vom 21.12.1933, 1.2. und 19.8.1934). Neben anderen Autoren zeichnete sich besonders Pauli, u. a. in seinen zahlreichen Neujahrsbotschaften an die Leser des „Wassersports", mit seiner Neuinterpretation des Sports unter den Vorzeichen des NS aus, mit seiner Verteidigung der nationalistischen Linie des Verbands, des „Führerprinzips", und des „Gelände-", also Wehrsports, mit seiner Beteiligung an der Auflösung des DRAfL, mit seinen zahlreichen politischen Bekenntnisartikeln oder seinen hitlerfreundlichen Wahlaufrufen zu den manipulierten Volksabstimmungen von 1933 und 1934. Der Sinn des Sports in NS-Deutschland und die Gleichschaltung der Verbände wurde im „Wassersport" breit erläutert (Leitartikel vom 4.5., 11.5., 1.6., 15.6., 27.7., 10.8., 31.8., 7.9., und 22.11.1933, vom 4.1., 8.2., und 3.5.1934, vom 3.1., 13.6. und 31.10.1935, vom 8.4. und 30.9.1937, vom 17.2., 21.7. und 4.8.1938). In Artikeln des „Wassersports" wurden auch immer wieder ausdrücklich konkrete politische Maßnahmen des Regimes gefeiert, der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und die damit verbundene unter undemokratischen Bedingungen durchgeführte „Volksabstimmung" (Leitartikel 26.10., 2.11. und 9.11.1933) ebenso wie die Wiederaufrüstung und die Einführung des Wehrsports (Leitartikel vom 20.4. und 6.7.1933), die Wiedereingliederung des Saargebiets (Leitartikel 10.1. und 7.2.1935) ebenso wie der „Anschluss" Österreichs mit der damit verbundenen Bestätigung Hitlers per manipuliertem Plebiszit (7.4., und 28.4.1938), die Übernahme des Reichspräsidentenamtes durch Hitler nach dem Tod Hindenburgs (Leitartikel 16.8.1934) genauso wie die - auf Grund der Konkurrenz um das Mitgliederpotential tatsächlich nicht unproblematische - Zusammenarbeit der zahlreichen NS-Organisationen mit dem NS-Sportverband (Leitartikel vom 25.1. und 25.10.1934: „Rudersport, SA und Hitlerjugend! Im Gleichschritt - marsch!"). In der Wirklichkeit verloren die Sportvereine während des NS-Regimes in großem Maße Mitglieder an die verschiedenen Gliederungen der Partei wie SA, SS, und an die NS-Organisationen DAF (Deutsche Arbeitsfront) und KdF (Kraft durch Freude) und auch an die HJ und den BDM (Bund Deutscher Mädel), was mit der Jugendpolitik des Regimes zusammenhing, von der noch zu sprechen sein wird.

Damit wäre die Umgestaltung der Sportlandschaft durch das neue Regime während der Jahre 1933, 1934 und 1935 im Wesentlichen umrissen. Viele Sportler zeigten sich davon kaum berührt und trieben auch unter den neuen politischen Umständen weiter ihren gewohnten und geliebten Sport. In vielen Erzählungen von Zeitzeugen ist jedenfalls davon die Rede, dass in den Vereinen „nur Sport" getrieben wurde, man habe sich eben um Politik nicht gekümmert. Daher wenden wir den Blick nun noch auf Maßnahmen des Regimes, die den Alltag der Mitglieder in den Jahren nach 1935 prägten und die in Erinnerungen an den Vereinsalltag oft übersehen oder nur gering bewertet werden:

Kaum Erwähnung im „Wassersport" fand beispielsweise eine der zentralen Maßnahmen der NS-Herrschaft: die Vertreibung der jüdischen Mitbürger aus dem öffentlichen Leben. Aus einigen verstreuten Meldungen geht zwar hervor, dass jüdische Angehörige der Rudervereine durch die Einführung eines sog. „Arierparagraphen" von der Mitgliedschaft in ihren Vereinen ausgeschlossen wurden, aber das geschah ohne viel Aufhebens, in eher beiläufiger Grausamkeit; vielleicht sogar mit einigen internen Disharmonien im Verband, wie der Austritt einiger Vereine, vielleicht auch der Rücktritt des Verbandsvorstandsmitglieds Oscar Cordes vermuten lässt (WS 51, 1933, S. 290-291, 373, 914). Andere Verbände, wie etwa die Deutsche Turnerschaft unter Edmund Neuendorff, sind dabei geräuschvoller vorgegangen als der Ruderverband. Eine gewisse Zeit lang war den jüdischen Turnern und Sportlern noch der Sport in eigenen Vereinen und Verbänden gestattet; der Wettkampfbetrieb mit den Vereinen der „arischen" Restgesellschaft wurde erst als unerwünscht gekennzeichnet, dann eingeschränkt und schließlich verboten. Wahrscheinlich verhinderte nur die Tatsache, dass die deutsche Sportwelt im Vorfeld der Olympischen Spiele von 1936 unter der kritischen Beobachtung wenigstens eines Teils der Weltöffentlichkeit stand, die schnellere und rigorosere Beseitigung des jüdischen Sports, die erst im Gefolge des 9. November 1938 erfolgte.

Das Geschehen in den Vereinen wurde dem üblichen Festkalender des NS-Regimes unterworfen; Parteiaktivisten sorgten, genau wie in früheren Jahren Richard Nordhausen, für Festlichkeiten mit politischem Hintergrund oder veröffentlichten politische Artikel in Vereins- und Verbandsorganen. Im „Wassersport" sind eine Reihe Beispiele hierfür zu finden; eine Welle von Festen in Vereinen, die die „nationale Revolution" von 1933 feierten, zahlreiche Bootstaufen, bei denen Namen wie „Adolf Hitler" oder „Hermann Göring" verliehen wurden, zahlreiche Feierstunden an NS-Gedenktagen wurden abgehalten. Das Anrudern der Vereine wurde vereinheitlicht und jedes Jahr als das NS-Großereignis „Tag des deutschen Rudersports" zeitgleich über Rundfunk in ganz Deutschland unter Verwendung von Parolen wie „Ein Schlag - ein Wille - ein Ziel" inszeniert. „Volkssporttage" und Sammlungen des Winterhilfswerks wurden in den Vereinen abgehalten. Anfänglich gab es sogar Versuche, mit der Einführung von so genannten „Dietabenden" Schulungen mit völkischen Inhalten zum obligatorischen Bestandteil des Vereinslebens zu machen. Da diese „Dietabende" zu unbeliebt blieben, wurden sie nach weniger als zwei Jahren wieder abgeschafft (Nordhausen war mit seinem Vortragsprogramm, das mit geselligen Veranstaltungen gekoppelt war, erfolgreicher). Leserbriefe erläuterten immer wieder den Sinn des Wehrsports, der jedoch im Laufe der Jahre aus den Vereinen immer mehr verschwand und innerhalb der NS-Organisationen betrieben wurde. Das heißt aber nicht, dass die Welt der Vereine wieder frei von Anspielungen auf künftige Kriege gewesen wäre. Viele Vereine hielten jährliche Feiern zum so genannten „Heldengedenktag" ab; immer wieder wurde an den entsprechenden Jahrestagen an Ereignisse aus dem Ersten Weltkrieg erinnert; nach der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht wurden viele Vereinsmitglieder Soldat. Besonders trat, wie in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, in der Jugendpolitik des Regimes die Wehrertüchtigung wieder in den Vordergrund. Entsprechend dieser ideologischen Ausrichtung wurde die Vorbereitung wie auch die Durchführung der Olympischen Spiele von 1936 zur nationalen Aufgabe stilisiert, deren erfolgreiche Absolvierung den Wert und die Überlegenheit des neuen Deutschland beweisen sollte. Da die Veranstaltung aus deutscher Sicht überaus erfolgreich verlief, wurde ausführlich über sie berichtet. Die gesteigerte Leistungsfähigkeit wurde in Schlagzeilen wie „Der Reichsbund - Stoßtrupp des Leistungsprinzips" gefeiert (WS 54, 1936, S. 1106). Einiger Raum wurde auch der Friedensrhetorik gewidmet, die ein olympisches Fest erfordert. Doch wie wenig Interesse das Regime an wirklichen, unkontrollierten, friedlichen Begegnungen zwischen Deutschen und Ausländern tatsächlich hatte, mag man an dem Verbot ermessen, das schließlich den Wanderruderern sogar private Fahrten ins Ausland untersagte, da Deutschland nur von geordneten Mannschaften im Ausland repräsentiert werden sollte, womit die Kontrolle des Regimes sogar auf das Urlaubsleben ausgedehnt wurde. 1938 wurde dann in Anklang an eine militaristische Propagandaphrase aus dem Kaiserreich („das Volk in Waffen") ein „Volk in Leibesübungen" als Zielvorstellung proklamiert (WS 56, 1938, S. 34).

Seit 1933 hatte es die HJ unter dem „Reichsjugendführer" Baldur v. Schirach schrittweise verstanden, ihre Ansprüche auf die Jugendlichen auch gegenüber den Jugendabteilungen der Sportvereine durchzusetzen. Gab es zunächst noch mehr oder weniger freiwillige Formen der Zusammenarbeit zwischen Vereinen und HJ, so verloren die Vereine nach der Proklamation der HJ zur Staatsjugend 1936 die Hoheit über ihre Kinder- und Jugendabteilungen, die in die HJ eingegliedert wurden. Zwar war es bis 1939 noch geduldet, dass viele Jugendliche ihr Training weiterhin in den Vereinen absolvieren konnten, wobei die Jugendtrainer jedoch der HJ beitreten mussten. Dieses Verfahren lief auf eine teilweise faktische Befreiung vom HJ-Dienst hinaus, wenn der Vereinstrainer seine Aufgabe rein sportlich verstand; allerdings konnten überzeugte Anhänger des Regimes dadurch auch die Jugendarbeit innerhalb der Vereine politisieren. Schließlich durften nur noch Jugendliche, die auch Angehörige der HJ waren, in den Vereinen trainieren. Zwar stieg auch im Dienstplan der HJ die Bedeutung des Sports, es wurden sogar regelgerechte Wettkampfveranstaltungen und sogar reichsweite Meisterschaften durchgeführt, aber das Ziel der HJ war es nicht, aus der Jugend gute Sportsleute zu formen. Die Erziehung der HJ zielte auf die Verpflanzung von NS-Idealen in der Jugend ab; Anpassung an das herrschende Regime, euphemistisch als „Treue" umschrieben, und Kriegsbereitschaft standen an erster Stelle. Dass einer solchen Jugendpolitik so wenig Widerstand entgegengesetzt wurde, lag nicht nur daran, dass der NS-Staat keinen Widerspruch geduldet hätte, sondern auch daran, dass bereits früheren Generationen von Jugendlichen eine ähnliche Erziehung widerfahren war; die Erziehung der Jugend zum Krieg konnte, wie oben schon gezeigt, mittlerweile auf eine gewisse Tradition zurückblicken. Schon in den Jahren 1933 und 1934 wurden eigene Jugendseiten im „Wassersport" eingerichtet, die 1934 zu einer eigenen Zeitschrift, „Jugend im Boot" ausgebaut wurde, eine ausgesprochenr Propagandazeitschrift, in der sportliche Inhalte keine ausreichend große Rolle spielten. Vielmehr wurde die Geschichte des deutschen Ruderns aus einer ausgesprochen nationalistischen Sicht geschildert, zahlreiche Beiträge priesen die deutsche kaiserliche, aber auch die NS-Marine, Berichte über die Flotte sollten den Militärdienst attraktiv erscheinen lassen. Ein Eindruck von der Programmatik dieser Zeitschrift lässt sich am besten durch die Lektüre einiger Überschriften vermitteln: „Jugend im Boot - Hitlerjugend", „Unser Dank an Hindenburg", „Wie wir den Horst-Wessel-Vierer gewannen", „Erziehung zur Kameradschaft beim Rudern", „Die Jugend an die Front!" oder „Euer Leben gehört Eurem Volke" sind typische Beispiele für offene NS-Propaganda. Die vorletzte dieser Überschriften stammt aus dem Jahr 1934 (Jugend im Boot 2, 1934, S. 83) und sollte den Jugendlichen den Dienst in der HJ besonders schmackhaft machen, die letzte von 1935 (Jugend im Boot 3, 1935, S. 73) sollte die Jugendlichen vor den Gefahren des Ertrinkungstodes beim Rudern und Paddeln hinweisen, denn „Euer Leben gehört dem Volke" - und dieses „Volkseigentum" durfte nach Ansicht des Autors genau deshalb nicht verloren gehen. Ein pensionierter kaiserlicher Admiral setzte im Juniheft 1935 den Jugendlichen „Deutschlands Recht auf Seegeltung" auseinander, das angesichts der Rüstungsüberlegenheit der anderen Mächte nicht ohne eine deutsche Aufrüstung durchzusetzen sei. Zu anderen Gelegenheiten erfuhren die Jugendlichen von den Heldentaten der kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg und der Ausrüstung einer neuen Kriegsmarine.

Neben der Kriegserziehung wurden überraschenderweise auch offizielle Kontakte mit Jugendlichen anderer Nationen gepflegt, die immer wieder zu Fahrten oder Rennen nach Deutschland eingeladen wurden. 1938, so stand im „Wassersport" (WS 56, 1938, S. 6) zu lesen, sollte sogar ein „Jahr der Verständigung" werden - aber genau in diesem Jahr begann das Regime damit, die Grenzen Europas zu verändern, 1938 noch unter der bloßen Androhung von Krieg. Im darauf folgenden Jahr, nur 25 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, brach das Regime dann einen zweiten vom Zaun, der der Welt Zerstörung und Verbrechen in ungeahntem Maße brachte.

Während des neuen Krieges las man im „Wassersport" genau die gleichen Dinge wie im letzten Krieg: Meldungen über den Kriegseinsatz der Vereins- und Verbandsmitglieder, über Siege, über eroberte Gebiete, über Armeesport, über Sportler, die sich als Kriegshelden erwiesen hatten, über Beförderungen und Ordensverleihungen, über den im Kriegsverlauf immer spärlicher werdenden Sportbetrieb in der Heimat, der in manchen Disziplinen immerhin noch bis 1944 aufrechterhalten blieb. Auch die üblichen Höhepunkte des NS-Jahres wurden beibehalten; „Heldengedenktag", Anrudern, „Volkssporttage". Die 25. Wiederkehr der Gründung des Jugendruderverbands im Ersten Weltkrieg 1915 wurde in einem Leitartikel des „Wassersports" gefeiert, was um so leichter fiel, da wiederum von der Jugend der Einsatz in einem Kriege erwartet wurde:

Wieder sind wir im Kriege. Diesmal haben wir eine andere Parole. Sie heißt „weitermachen". Wir warten - zum Unterschied gegen damals - nicht auf neue Dinge, sondern wir rudern im Rahmen des Möglichen trotz Krieg und trotz Einziehung unserer aktiven Mitglieder weiter. Wir tun es, um mit möglichst wenig Aufenthalt nach dem Kriege wieder da anfangen zu können, wo wir am 1. September 1939 aufgehört haben. Wieder stützten wir uns dabei auf die Jugend. Aber unter anderen Vorzeichen als vor 25 Jahren. An diese Gründerzeit wollen wir uns noch einmal erinnern. Wir haben als deutsche Ruderer Anlaß, stolz auf das zu sein, was damals aus innerem Erleben des Weltkrieges für die deutsche Jugend geschaffen wurde und was sich bis heute als richtig erwiesen hat.

WS 58, 1940, S. 443

Die Niederlage sollte gründlicher ausfallen als im Ersten Weltkrieg, die deutschen Ruderer konnten nicht dort weitermachen, wo sie am 1. September 1939 aufgehört hatten, zum Glück, möchte ich hinzufügen.

Heute ist der organisierte Sport weit davon entfernt, zur Vorbereitung der Jugend für eventuelle Kriege beitragen zu wollen, und auch der Stolz auf diese Traditionslinie dürfte gebrochen sein - immerhin scheint das militaristische Engagement des Ruderverbands vor 1945 vergessen, genauso wie seine früheren politischen Affinitäten zu nationalistischer Politik nach innen und außen. „Weitermachen" konnte nach dem Krieg keine Parole mehr sein, nicht nach der grausamen Bilanz des Nationalsozialismus. Im Nachkriegsdeutschland setzte sich der Sport deutlich von seiner alten politischen Orientierung ab und kam ohne nationale Machtphantasien und - jedenfalls im Westen - ohne militärische Jugendertüchtigung aus. Die Wiederbegründung des organisierten Sports nach dem Krieg jedoch ist eine andere spannende Geschichte, die hier nicht mehr erzählt werden kann.

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© 1996-2002 Märkischer Ruderverein e.V. - Berlin [2002/09/26]