|
MR-Home > Geschichte > 10 Jahre
 | |
Beitrag im "Märkischen Ruderboten" zum 10jährigen Bestehen (im Jahre 1911)
Zehn Jahre märkische Ruderei
Märkischer Ruderbote Nr. 101, 22. September 1911, S. 1492 ff.
|
Die Gründung
I.
An einem jener stillen Sonntage vor elf Jahren,
wo in der Löcknitz nie mehr als zwei bis drei Boote lagen und der
Zeuthener See an Einsamkeit ohnegleichen war, tauchte in uns Ruderern vom
Deutschen Michel der Gedanke auf, auch anderen jungen Männern die
Freuden zu verschaffen, die uns das frohe Leben auf dem Wasser Sonntag
für Sonntag spendete. Damals galt die Ruderei noch für einen
äußerst kostspieligen Sport. Wer ihm huldigte - meist als Trockenskuller
- gab sich ein feierliches Ansehen, erzählte unaufhörlich von
Sektbowlen, Krebsessen, Borchardt-Frühstücken und tat so, als
gehöre zu den ersten Erfordernissen zum Eintritt in einen Ruderverein
ein Jahresverdienst von 36 000 Mark. Daß man ganz anständig
mit verhältnismäßig wenigem Geld auskommen konnte, das
gaben nur die zu, die nicht zu protzen brauchten, weil es ihnen an irdischen
Gütern nicht mangelte. Wir sagten uns damals, daß es recht gut
möglich sein müsse, mit geringem Monatsbeitrag einen Ruderverein
aufzubauen und zu erhalten - einen großen Ruderverein, der seinen
Mitgliedern wirklich genügend viele Boote und ausreichende Rudergelegenheit
bieten könne. Selbstverständlich erkannten wir sofort die Notwendigkeit,
ihn ausschließlich für die Wanderruderei zu gründen; der
Rennbetrieb - in dem wir ohnehin nicht das A und O aller Ruderkunst erblicken
wollten - schied für uns aus, weil er unnötig die Verwaltung
verteuert und naturgemäß die Tourenfahrer hinter die Rennfahrer
zurückschiebt. Uns lag ausschließlich daran, Hunderte von frischen
jungen Männern in die so gut wie unbekannten märkischen Gewässer
hinauszuführen; einen gesunden, herrlichen Sportzweig, der für
Berlin geradezu bestimmt schien, in der deutschen Reichshauptstadt volkstümlich
zu machen. In wie hohem Maße das gelungen ist, weiß jeder Sachverständige.
Der Märkische Ruderverein hat weit über die immerhin eng gezogene
Vereinsgrenze hinaus die Wander-Ruderei groß gemacht. Nicht allein,
daß in nahezu allen anderen Vereinen ehemalige Märker tonangebend
für die Wander-Ruderei geworden sind - was sie bei uns gelernt hatten,
trugen sie, Apostel des Wanderruder-Gedankens weiter - nein, auch die Berliner
Bevölkerung in ihrer Masse begann sich nach langem Zögern für
das sportgemäße Rudern zu erwärmen. Bisher hatte sie sich
damit begnügt, Jahr für Jahr einmal in Grünau zuzugaffen
und dann Tags darauf Riemen und Skulls wieder völlig zu vergessen.
Jetzt faßte alle Welt Mut und stieg selber ins Boot. Jetzt begannen
Spree und Havel sich zu bevölkern; jetzt scheute man vor den Schwierigkeiten
und Kosten nicht mehr zurück. Berlin ist eine wirkliche Rudererstadt
geworden. Wir haben mit unserer Arbeit den Bann gebrochen - diesen Ruhm
kann uns niemand rauben.
II.
Ganz systematisch wurde ans Werk gegangen.
Da die Mannschaften vom Deutschen Michel und Joß Fritz, zwei Privatbooten,
die dem Ersten Vorsitzenden unseres M. R. gehörten, seit lange schon
beisammen und gut eingefahren waren; da wir das Lagerleben mit allen Schikanen
schon geraume Zeit betrieben, durften wir uns wohl zumuten, einer größeren
Zahl von Kameraden als ruderische Wegweiser zu dienen. Richard Nordhausen
wählte für die beschlossene Propaganda den Weg des Zeitungsaufsatzes.
Und so begannen dann im Sommer 1901 jene Lokalanzeiger-Artikel zu erscheinen,
die den Berlinern eine ganz neue Art wirklichen, stählenden Sonntagsvergnügens
zeigten, vielen wohl sogar eine ganz neue Welt entrollten. Der Erfolg der
"Märkische Ruderei" betitelten Serie war von Anfang an groß.
Immer wieder gingen dem Verfasser, der unter dem Pseudonym Max Kempff schrieb,
begeisterte Briefe und dringende Bitten zu, die Gründung eines neuen,
großen Rudervereins selbst in die Hand zu nehmen. Doch wir warteten
zunächst ab und beschränkten uns darauf, in immer neuen Arbeiten
die herb-anmutvollen Reize der märkischen Wasserlandschaft und die
großen gesundheitlichen Vorzüge der Wander-Ruderei zu schildern.
Erst im letzten Aufsatz erklang der Werberuf: Freiwillige vor! Und in einer
ausgedehnten Folge von längeren und kurzen Sportnotizen, die die Zeitung
freundlich veröffentlichte, wurde er Tag für Tag wiederholt.
Der Erfolg überstieg alle Erwartungen. An die 1600 oder 1700 Zuschriften
liefen binnen einer Woche ein, und es war eine herzerfreuende Fülle
wirklich mannhafter, schöner Briefe darunter. Wir konnten bedachtsam
wählen. Zunächst suchten wir etwa fünfzig Adressen heraus,
deren Träger uns besonders sympathisch schienen: Herren reiferen Alters
in angesehener Stellung, junge Leute, die sich begeistert in den Dienst
der Sache stellen wollten. Eine erste Versammlung ward nach dem Tucherbräu
in der Friedrichstraße einberufen. Wer sich des Abends noch erinnert,
tut's mit froher Seele. Nicht ein einziger von den Geladenen war ausgeblieben,
und obwohl wir uns alle fremd waren, herrschte vom ersten Augenblick an
der Ton ehrlicher Kameradschaft. An jenem Abend ward die Gründung
des Vereins beschlossen; bis auf sechs oder sieben Herren, die stark verheiratet
waren und erst noch einmal Muttern fragen wollten, erklärten alle
Anwesenden durch Namensunterschrift ihren Beitritt. Die allgemeine Stimmung
war, daß es rasch und leicht vorwärts gehen werde, daß
es vorwärts gehen müsse. "Im Frühling sitzen wir schon alle
im Boot!" hieß es. Daß einstweilen weder Boot noch ein Bootshaus
vorhanden waren; daß uns kein Mensch einen Pfennig Geld geben würde,
wir also das ganz Unternehmen aus eigener Kraft zu schaffen hatten, daran
dachten in der Begeisterung der Stunde nur wenige.
III.
Bis zum Tage der geplanten großen Versammlung,
dem 31. Oktober 1901, liefen noch unaufhörlich Anmeldungen und Anfragen
ein. Tag für Tag flogen uns hundert, hundertfünfzig und mehr
Briefe ins Haus. Wir hatten deshalb einen der größten Säle
im Berliner Westen gewählt, die sogenannten Victoria-Säle in
der Leipzigerstraße, an deren Stelle jetzt der Wertheim-Bau steht.
Auf halb neun Uhr war die Versammlung angesagt; von acht Uhr an strömten
bereits die Menschen in langem Zug heran. Es wurden nur schriftlich Eingeladene
zugelassen - aber um halb neun, als ich (übrigens schwer erkältet,
denn wir hatten am Sonntag vorher eine Ruderfahrt im dicksten, niederträchtigsten
Nebel machen müssen, der uns bei Grünau über eine Stunde
lang schmählich im Kreis herumführte!) also um halb neun Uhr,
als ich eintraf, war der große Raum bereits gesteckt voll. Hunderte
erhielten keinen Zutritt mehr. Natürlich hatten sich neben wirklichen
Interessenten auch Marodeure und Hyänen des Schlachtfeldes genug eingefunden,
Leute, die die günstige Gelegenheit benutzen wollten, für ihre
eigenen Vereinchen Mitglieder zu kapern. Von ähnlichen Herren haben
wir uns ja oft genug belästigen lassen müssen; für geborene
Schmarotzer ist es immer leichter, sich die Arbeit anderer zunutze zu machen,
als selber zu arbeiten. Im Saale wurde dann auch ganz ungeniert "gekeilt",
bis einigen Teilnehmern der dreiste Unfug zu stark wurde, so daß
sie mir Mitteilung machten und ich den Parasiten einige Anstandslehren
erteilen konnte. Gleich darauf wurde die Versammlung unter lautloser Stille
eröffnet. Es waren, gering gerechnet, etwa 1200 bis 1300 Besucher
anwesend; Sitzplätze gab es längst nicht mehr, die Herren standen
in Scharen an den Wänden herum und füllten den Vorraum zum Erdrücken.
Meine Erkältung zwang mich, mit meiner Stimmkraft sehr hauszuhalten,
und ich sprach einleitend höchstens vier Minuten lang. Zwei bis drei
Anwesende stellten Fragen betreffs der Ausführbarkeit der Vereinsgründung,
die ich glatt beantworten konnte, weil ich mir meinen Plan vollkommen zurechtgelegt
hatte und weil ich entschlossen war, persönliche materielle Opfer
für meine Ideen zu bringen. Man merkte, wie im Saal die Begeisterung
wuchs. Vorgebrachte Bedenken, Zweifel an der Möglichkeit, solch einen
"Riesenverein" aus dem Boden zu stampfen, wurden als störend empfunden,
und ein Herr forderte - es war kaum neun Uhr geworden - dazu auf, "jetzt
endlich zu arbeiten." - "Wer mitmachen will," rief er, "der melde sich
vorn am Vorstandstisch!" Und alsbald hub ein Sturm auf unsere Plätze
an. Jeder Namensunterschrift mußten gleich sechs Mark beigefügt
werden - wir wußten in der Eile gar nicht, wo wir die erforderlichen
Kassierer hernehmen sollten. Jedenfalls hatten sich innerhalb dreier Viertelstunden
rund dreihundert Mitglieder angemeldet. Damit war der neue Verein gleich
in der Stunde seiner Geburt zu dem an "aktiven" Mitgliedern stärksten
deutschen Ruderverein geworden. Es wurde zunächst eine Finanz-Kommission
gewählt. Da neben den Beigetretenen auch noch die Unentschlossenen
und Neugierigen im Saale geblieben waren, vor denen ich mein Programm nicht
entrollen mochte, schlossen wir die Versammlung ziemlich frühzeitig.
Nur zwei oder drei Dutzend ganz Begeisterte blieben noch zurück. Bei
einem Schoppen Bier versprachen wir uns gute Kameradschaft und erörterten
unseres jungen Vereins Zukunftsaussichten. Es war ein durchschlagender
Erfolg! Als ich später allein nach Hause fuhr, drei große Säcke
mit Gold, Silber und Banknoten in der Aktenmappe und den Rocktaschen, da
war mir schwer Beladenem ordentlich bange davor, in der (zu jener Zeit
ganz stillen und verkehrslosen) Pallasstraße unter die Räuber
zu fallen. Sie hätten reiche Ernte gehalten.
IV.
Auf den nächsten Freitag, den 7. November
1901, hatten wir die Mitglieder zur ersten Hauptversammlung nach dem Vereinshause
(Wilhelmstraße) geladen. Sie erschienen wieder in hellen Haufen.
Die von mir entworfene Verfassung wurde einstimmig, fast ohne Erörterung,
angenommen, ebenso Ruderordnung, Bootshausordnung usw. Auch die Wahl des
Vorstandes ging rasch vonstatten; neben alten Ruderern wurden auch erklärte
"Grünhörner" mit Aemtern bedacht. Unsere darauffolgenden Zusammenkünfte
hat wohl jeder in ewigem Gedächtnis, dem das Glück zuteil ward,
sie besuchen zu dürfen. Niemals wieder habe ich so fröhliche,
erwartungsfröhliche Stimmung gesehen. Wir tagten erst in der Hopfenblüte,
dann in der Wilhelmshalle, Unter den Linden - überall waren die Räume
für diesen Massenandrang zu eng, aber überall begnügten
sich die Kameraden mit einem Minimum an Platz und saßen gedrängt
wie die Heringe - wer zu spät kam, mußte stehen. Um acht Uhr
war der Saal immer schon gefüllt; kluge Männer, die sich einen
Stuhl sichern wollten, kamen eben sehr frühzeitig. Es wurde fleißig
beraten: erst über die Anschaffung der Boote. Wir bestellten bei Heidtmann
in Hamburg, Lürssen in Bremen und J. Schulz & Co., Berlin, je
zehn bis sechzehn Boote - da wir aus bestimmten Gründen die bekannten
Berliner Werften umgingen, erzählten sich liebe Menschen noch im März
1902, als schon alle 36 Boote fix und fertig waren, wir würden in
diesem Jahre nicht zum Rudern kommen, weil wir "keine Kähne hätten
bauen lassen". Hier sei gleich bemerkt, daß unser vornehmster Geschäftsgrundsatz,
alle Lieferungen stets bar zu bezahlen, von Anfang an eingehalten wurde;
J. Schulz & Co. erhielten sogar laufenden Vorschuß, Heidtmann
und Lürssen empfingen ihr Geld an demselben Tage, wo sie die Boote
zur Bahn brachten. -
Die Errichtung des Bootshauses beanspruchte
neben der Bootsbeschaffung unser Hauptinteresse. Eine Firma Peschlow veranschlagte
den schlichten Holzbau auf rund 15 000 Mark, und da ich das Geld dem Verein
vorstrecken mußte, meinte ich, nicht höher gehen und es beim
Holzbau bewenden lassen zu sollen. Wir hätten indessen für 10
000 Mark mehr einen hübschen Fachwerkbau hinstellen können, und
es tut mir nachträglich leid, daß ich damals nicht ein bißchen
wagehalsiger gewesen bin. Peschlow nahm die Arbeit sofort in Angriff und
hielt sein Versprechen, sie am 1. April 1902 schlüsselfertig abzuliefern.
Nachträglich - etliche Jahre später - wurde dem Peschlow-Bau
noch die vierte Halle (nächst Gebhardt) und der Vorbau mit dem Dachgeschoß
(nach der Straße) angefügt. Es war also, wie man sich leicht
vorstellen kann, mit dem Raum anfangs etwas knapp bestellt. Einen Versammlungssaal
besaßen wir überhaupt nicht. Doch von diesen fidelen Leiden
sprechen wir noch. Trotz des elenden Sommers, den wir (wenigstens Freitags
abends) unter einem Zelt verbringen mußten, störte uns nichts
die gute Laune. Es war ein herrliches Jahr....
Doch zurück zu den Wintersitzungen.
Sie wurden ferner durch technische Vorträge, Schilderungen von Ruderfahrten
und märkischen Landschaften und schließlich durch übermütige
Fidelitas ausgefüllt. Lieder waren rasch bei der Hand, - sie stammten
von einem Kommers, den wir in der Bockbrauerei veranstaltet hatten - humoristische
Talente fanden sich in Fülle, und so verlief ein Vereinsabend angeregt,
lohnend und lustig wie der andere. Damals fehlte kaum jemals ein Märker;
damals brannte in uns allen heiliger Feuereifer, damals war eben deshalb
der Sieg, das glorreiche Aufblühen des M. R., gewiß.
|