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Rundschreiben zum 58jährigen Bestehen (im Jahre 1959)
Kurze Chronik des "Märkischen Rudervereins e.V.", jetzt Pichelswerder
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Liebe Kameradinnen, Kameraden und Freunde unseres Vereins!
Die bereits erschienene Jubiläums-Nummer
50 unserer Mitteilungen hat uns Veranlassung zu einem Rückblick auf
die seit der Nummer 1 vom Oktober 1953 verflossene Zeit gegebene einen
Rückblick, der uns Ältere, welche diese Zeit miterlebt und mitgestaltet
haben, mit Stolz erfüllt, und der unseren jungen Mitgliedern und den
wenig oder gar nicht über unsere Existenz und Ziele in Kenntnis befindlichen
Außenstehenden sie nahebringen möchte.
Zunächst bedarf es aber u.E. eines
kurzen Berichtes über die im Jahre 1901 erfolgte Gründung des
M.R., die Vorgeschichte dazu und seine Tätigkeit und Entwicklung bis
zum Kriegsende 1945.
Die Gründung verdanken wir der Sportbegeisterung
und dem Idealismus des
Schriftstellers, Redakteurs und
Dichtern Richard Nordhausen,
geboren am 31.1.1868 und verstorben am
24.9.1941.
Wie wir aus der anläßlich unseres
25jährigen Jubiläums im Jahre 1926 von ihm verfaßten Festschrift
entnehmen, war er schon vorher ein begeisterter Freund unserer - leider
uns zur Zeit verschlossenen - märkischen Heimat und Anhänger
der Wanderruderei, die er zunächst mit einigen Freunden mit Hilfe
zweier ihm gehörender Sportboote, den gedeckten Doppelzweiern "Deutscher
Michel" und den Einern "Joß Fritz" privat betrieb. In dieser Zeit
tauchte bei den Freunden der Gedanke auf, die damals in Berlin noch wenig
verbreitete Wanderruderei weiten Kreisen zugänglich zu machen und
zu diesem Zwecke einen neuen Ruderverein unter geringster Belastung der
Mitglieder zu gründen.
Richard Nordhausen unternahm und verstand
es, mit Hilfe seiner Beziehungen zur Presse durch eine Reihe im Sommer
1901 unter dem Pseudonym "Max Kempff" veröffentlichter zündender
Zeitungsaufsätze, in denen er die körperlichen und seelischen
Vorzüge den Wanderruderns und die Schönheit der märkischen
und angrenzenden Gewässer pries, das Interesse der Öffentlichkeit
zu wecken. Es gingen so zahlreiche Anfragen und Zuschriften von Interessenten
ein, daß er nach einigen Vorbereitungen zum 31. Oktober 1901 eine
öffentliche Versammlung einberufen konnte, in der die Gründung
des neuen Vereins unter dem seinen Zielen entsprechenden Namen "Märkischer
Ruderverein" beschlossen und er selbst zum 1. Vorsitzenden gewählt
wurde.
Dem Gründer schwebte keineswegs vor,
neben den bereits bestehenden Rudervereinen einen gleichartigen ins Leben
zu rufen, sondern vielmehr eine neuartige Sportbewegung auf breiter Grundlage
für die Allgemeinheit zu schaffen.
Von den sich um die Aufnahme Bewerbenden
konnten als erster Stamm zunächst nur 300 Herren ausgewählt werden,
die im folgenden Winter in einer primitiven Ruderkastenanlage in einer
Badeanstalt am Landwehrkanal - so gut es ging - ruderisch vorgebildet wurden.
Gleichzeitig wurden bin zum Frühjahr
1902 das den Älteren von uns noch in lieber Erinnerung befindliche
erste Bootshaus in Stralau am Rummelsburger See - einem idealen Übungsrevier
- erbaut und eine große Zahl Boote neu beschafft. Die Mittel dazu
waren großenteils vom 1. Vorsitzenden vorgeschossen worden.
Im Laufe der Jahre wurde das alte Bootshaus
bis auf 4 Bootshallen und der Bootspark bis auf 72 Vereinsboote einschließlich
den als Stammboot übernommenen "Deutschen Michel" erweitert sowie
ein großer Sitzungsraum mit Ökonomie und Nebenräumen geschaffen.
Damals gab en auf den Gewässern außer
den Ruderern und Seglern nur vereinzelte Paddler und keine Massen motorisierter
Wasserfahrzeuge. Daher fielen bei dem berichteten Umfang an Menschen- und
Bootsmaterial die "Märker", deren Mitgliedszahl ständig zunahm,
durch ihr geschlossenen Auftreten auf, was die älteren Rudervereine
nicht immer mit Wohlgefallen wahrnahmen.
Im M.R. wurden gemeinsame Sonntags-Fahrtenziele
festgesetzt an denen jede Mannschaft erscheinen mußte. An jedem Freitagabend
fanden in Bootshaus Sitzungen statt,, in denen u.a. die Mannschaften zusammengesetzt
und die Boote belegt wurden. Wer rudern wollte, mußte unbedingt in
diesen Sitzungen anwesend sein. Sonntags mußten alle belegten Boote
bis 8 Uhr die Stege verlassen haben. Gemächlichkeit und Bummelei waren
undenkbar. Natürlich konnte ein solcher Betrieb nur durch Aufteilung
der Mitglieder in Unterabteilungen und strenge .Disziplin beherrscht werden,
deren Verletzung manch einen zum Abschied zwang. Auch gab es bereits einen
Pflichtarbeitsdienst zur Unterstützung der Bootsüberholung.
Richard Nordhausen war bei allem Weitblick
und organisatorischem Geschick kein bequemer Vorsitzender. Heute würde
man seine Stellung vielleicht mit einer Diktatur vergleichen. Es kam daher
über die Vereinsarbeit wiederholt zu Differenzen mit Gruppen den allmählich
auf über 750 Mitglieder (per 30.6.1906 bis 754) angewachsenen Vereins,
die zu Massenaustritten und Gründungen neuer bzw. Stärkungen
schon bestehender Rudervereine durch die Ausgetretenen führten.
Doch der "Große", wie Richard Nordhausen
von seinen treuen Mitarbeitern und seinen Anhängern genannt wurdet
ließ sich durch solche Rückschläge in seiner Überzeugung,
den M.R. als reinen Wanderruderverein zu erhalten, nicht beirren. Zur Messung
der Kräfte wurden lediglich jeden Herbst von dazu ausgewählten
Mannschaften Dauerruder- Wettkämpfe über Strecken bis zu 20 km
veranstaltet. Diese Konzession brachte nicht immer Segen für den Verein,
da wiederholt die Sieger im Kraftgefühl und die Unterlegenen aus Mißmut
dem Verein den Rücken , kehrten und sich zumeist reinen Rennrudervereinen
zuwandten.,
Damals gab es noch keine vom Deutschen
Ruderverband oder den einzelnen Regattaverbänden organisierte Wanderfahrten.
Märker unternahmen, ganz auf sich selbst gestellt, weitgehende Fahrten
in bisher noch kaum von Ruderern erreichte Gegenden. Besonders die Mannschaft
des "Deutschen Michels" erregte mit Ihren Fahrten nach Rügen, Kopenhagen,
den Masurischen Seen und auf der Donau usw. Aufsehen. Unser dabei beteiligter
"Urmärker" Richard Mickley erreichte im Jahre 1906 die Rekordzahl
von 6037 Fahrtenkilometern..
Zur Erleichterung weitergehender Fahrten
wurden 7 gedeckte Doppelzweier beschafft und als Stützpunkte bereits
1903 das damalige Havel-Zweigbootshaus Pichelswerder *, auf dessen
Gelände sich unser jetzigen Heim befindet und 1905 das Dahme-Zweigbootshaus
in Zernsdorf bei Königs Wusterhausen errichtet. Letzteren wurde später
nach Kablow und 1920 endgültig nach Neue-Mühle bei Königs
Wusterhausen auf eigenen Grund und Boden verlegt. Eine 1920 in Werder a.d.
Havel errichtete Zweigabteilung, die in den ernten Jahren eine große
Blüte erreichte und das Ziel vieler Fahrten der Stammabteilung bildete,
wurde kurz vor Ausbruch den 2. Weltkriegen aufgegeben.
Durch die Gründung und Tätigkeit
des M.R. wuchs im Laufe der Jahre allgemein das Interesse am Wanderrudern
und Wasserwandern und seine bahnbrechende Aufgabe trat allmählich
in den Hintergrund, was auch im Absinken der Mitgliederzahl zum Ausdruck
kam. So erklärt es sich, daß im Jahre 1914, vor Ausbruch des
1. Weltkrieges, zahlreiche Berliner Vereine die Wanderruderei pflegten.
Viele ehemalige Märker befanden sich in ihren Reiben.
In den vorangegangenen Jahren hatte Richard
Nordhausen noch gegen vielfache Widerstände dem M.R. eine Damen-Abteilung
im Jahre 1908 angegliedert, die aber infolge des Beitritts des M.R. zum
Deutschen Ruderverband am 1.5.1913 in den selbständigen "Berliner
Ruderverein Frigga" umgewandelt werden mußte. Ferner hatte Richard
Nordhausen im Frühjahr 1914 den Jugendruderverein "Jung Frithjof"
ins Leben gerufen. Beide Vereine waren mit dem M.R. zu einer Arbeitsgemeinschaft
verbunden und erleichterten ihm das Durchkommen durch die Jahre des 1.
Weltkriegen 1914-1918, dem 33 liebe Kameraden zum Opfer fielen.
1919 trat der M.R. dem Wanderruder-Verband
"Mark Brandenburg" bei und beteiligte sich in der Folge an den von diesem
veranstalteten Dauerrudern. Auch eine sogenannte "Renngruppe" wurde zu
diesem Zweck gebildet, die auch Erfolge erzielte, letzten Endes dem M.R.,
wie schon früher geschehen keine Vorteile brachte und später
einging. Dagegen beteiligten sich unsere Mannschaften unter Führung
von Richard Nordhausen und anderen Vorstandskameraden an vielen vom Deutschen
Ruderverband veranstalteten Gemeinschaftsfahrten" u.a. der Mosel-Rheinfahrt
1921 von Trier nach Köln, der Masurenfahrt 1923, der Donaufahrt von
Ingolstadt nach Wien 1924 und der Mainfahrt von Würzburg nach Frankfurt
am Main 1926 und anderen mehr.
Es wurde die Notzeit der "Währungsinflation"
überstanden, die im November 1923 Ihr Ende nahm. Nachdem man nun ab
1924 mit einer stabilen Währung rechnen konnte, wuchs der Plan zur
Fortsetzung des 1914 kurz vor Kriegsbeginn mit Grundsteinlegung begonnenen
Bauen des neuen Bootshauses in Baumschulenweg am Plänterwald. Infolge
notwendiger Aufgabe des alten Pachtgrundstücks in Stralau mußte
rasch gehandelt werden, obwohl das ursprünglich aus den Beiträgen
angesammelte Baukapital dem Kriege und der Inflation zum Opfer gefallen
war. Unter großen finanziellen Opfern der Vorstands- und anderer
Mitglieder war der Bau im großen und ganzen bis 1926 fertig. Die
endgültige Gestalt erhielt er bis 1929. Beim Abrudern dieses Jahres
erfolgte die offizielle - allerdings nur interne - Einweihung.
Leider haben die der Allgemeinheit der
Mitglieder zwecks Finanzierung des Baues auferlegten Belastungen in Form
von Bauzuschüssen und Stammanteilen den M.R. eine Reihe wertvoller,
aber weniger ideal gesinnter Mitglieder gekostet, die dann in anderen Vereinen
später zum Teil bedeutende Rollen gespielt haben.
Das neue Bootshaus lag an der Spree nahe
der Mündung der Britzer Abzweigung des Teltow-Kanals, zwischen den
Bootshäusern des Ruder-Clubs Berolina und des Treptower Ruder-Clubs.
Sein stolzer, in Eisenbetonkonstruktion ausgeführter Bau mit den 4
Bootshallen, der darüber gelagerten breiten Veranda und dem großen,
über 400 Personen fassenden, mit 8 hoben Fenstern versehenen Festsaal
war weithin sichtbar, bis er in der Bombennacht den 29. Dezember 1943 mit
allen darin lagernden Vereins- und Privatbooten ein Opfer des totalen Kriegen
wurde. In der Vernichtung war ihm am 16. Dezember das Zweigbootshaus Pichelswerder
vorausgegangen. Erhalten blieb einstweilen nur der Idyllisch am Krimnicksee
gelegene Stützpunkt Neue-Mühle mit einem Vereins-Doppelzweier
und einigen Privatbooten, der aber im April 1945 von den vorrückenden
Sowjettruppen vorübergehend besetzt, für militärische Zwecke
ausgeräumte endgültig im Februar 1947 enteignet und später
abgerissen wurde. Das wertvolle Grundstück dient jetzt dem Sportbetrieb
eines VEB, welcher dort ein massives, mehrstöckiges viel Raum beanspruchenden
Bootshaus aufgeführt hat, wodurch das Grundstück seine ursprüngliche
landschaftliche Schönheit weitgehend eingebüßt haben soll.
Den Vorwand für die Enteignung bot
die Tatsache, daß der M.R. in Zuge der nach der Machtergreifung des
Nationalsozialismus erfolgten zwangsweisen Eingliederung aller Sportvereine
in den Deutschen, später N.S. Reichsbund für Leibensübungen
von den Siegermächten ebenfalls als "Naziorganisation" angesehen wurde
und sein Eigentum der Beschlagnahme durch die sowjetische Besatzungsmacht
verfiel.
Damit hatte der M.R. zunächst seine
Tätigkeitsgrundlage verloren und die Mitglieder waren durch die Zustände
nach dem Zusammenbruch nahezu ohne Zusammenhang. Aber der alte Märkergeist
war nicht tot. Es dauerte nicht lange, bis sich ab 1946 erst wenige, dann
immer mehr der alten Mitglieder zu regelmäßigen Zusammenkünften,
zuerst in Baumschulenweg, später in Treptow zusammenfanden. Natürlich
wurde in erster Linie an die Wiederbelebung den nunmehr heimat- und besitzlosen
Vereine gedacht. Da kam uns, nachdem die Vereinssperre aufgehoben und durch
das Vereinsgesetz von 1950 die Tätigkeit von Sportvereinen ohne besondere
Lizensierung durch die Besatzungsmächte zugelassen war, ein glücklicher
Umstand zu Hilfe.
Das dem Wasserbau-Fiskus gehörende
Pachtgrundstück in Pichelswerder war nach der Zerstörung des
alten Bootshauses durch ehemalige Mitglieder abgeräumt und dann zwecks
Erhaltung für den Verein auf eigene Rechnung bis 1951 gepachtet worden.
Der Senat von Berlin wünschte nun, daß das Gelände wieder
wassersportlich genutzt und zu diesem Zwecke der Verein neu gegründet
würde. Die Gelegenheit dazu bot eine Zusammenkunft der noch vorhandenen
Mitglieder der Baumschulenweger Gruppe mit den Kameraden von Pichelswerder
anläßlich der ersten Nachkriegs-Weihnachtsfeier am 29.12.1951
in Neukölln, die gleichzeitig der Erinnerung an das 50jährige
Bestehen den alten Märkischen Rudervereins diente. Die Wiedersehensfreude
war ungemein groß und in der Begeisterung der Stunde wurde - ungeachtet
der Ungunst der Zeit und der wirtschaftlichen Schwierigkeiten fast aller
Beteiligten noch am gleichen Tage ein Ausschuß gewählte der
die Vorbereitungen zur Wiedergründung des Vereins, u.a. auch die Grundstücksverhandlungen
zu erledigen hatte.
Am 9, Februar 1952 war es endlich so weit.
Anhand von Einladungen, die man an alle in mühevoller Arbeit ermittelten
Anschriftenversandt hatte, hatten sich insgesamt 47 Ehemalige im Restaurant
Schultheiß am S-Bhf. Sonnenallee eingefunden.
Nach Eröffnung der Versammlung gab
Kamerad Selke einen kurzen Bericht über das Vorangegangene, der Ausschuß
legte einen Satzungsentwurf vor. 41 der Erschienenen erklärten ihren
Beitritt zum neuen Verein, billigten die Satzung und wählten als ersten
Vorstand die Kameraden
Rudolf Selke zum Vorsitzenden
Kurt Spuhr zum Schriftführer und
Pritz Marx zum Schatzmeister.
Aus grundlegenden Erwägungen wurde der
neue Verein nicht als Fortführung des alten M.R., sondern als Neugründung
unter dem Namen "Märkischer Adler Wassersportverein" errichtet. De
jure war er ein neuer Verein, de facto bestand er aber aus den ehemaligen
Mitgliedern des alten M.R., dessen Tradition und Ziele zu erhalten und
fort zuführen er sich zur Aufgabe stellte. Die Erfüllung schien
allerdings zunächst wenig aussichtsreich zu sein. Hätte der Verein
sich zu einer Eröffnungsbilanz aufgeschwungen, so hätte sie auf
der Aktiv- und Passivseite mit Null abgeschlossen.
Allerdings war eine stille, aber unschätzbare
Reserve vorhanden, und zwar das nunmehr vom neuen Verein übernommene
Pachtgrundstück am Pichelssee in Pichelswerder, auf den noch einige
von den ehemaligen jetzt dem neuen Verein beigetretenen Mitgliedern benutzte
Wochenendlauben vorhanden waren, deren Verbleiben auf dem Grundstück
bis zu einem etwaigen Wiederaufbau den Bootshauses vereinbart wurde.
Einer bei der Weihnachtsfeier am 27.12.1953
veröffentlichten kurzen "Chronik" zufolge begann der Verein mangels
jeglichen Sportgerätes seine Tätigkeit als "Spar-, Wander- und
Geselligkeits-Verein". Die Beiträge waren äußerst gering,
so daß vorerst keine Schätze angesammelt werden konnten. Trotzdem
wurden im Juni und Juli 1952 die ersten Boote und zwar die Doppelzweier
Dahme und Dubrow unter Verauslagung des Kaufpreisen durch einige Kameraden
beschafft. Da sie sich in äußerst reparaturbedürftigen
Zustande befanden konnten sie nach schwieriger Instandsetzung durch die
Kameraden erst zum Anrudern 1953 getauft und in Dienst gestellt werden.
Da der Vergin anfangs nur unter freiem
Himmel tagen konnte, bestand der erste Fortschritt in der Errichtung eines
auf 4 Pfählen ruhenden Bretterdaches, welches 3 von einer Kameradin
gestiftete vierteilige Umkleideschränke beschützte. Sie umschlossen
einen offenen kleinen Raum, der zum Umkleiden und Regenschutz diente und
bald den Kosenamen "Negerkraal" erhielt. Daneben war im Freien eine provisorische
Kaffeeküche (aus einem alten Küchenschrank mit Überdach)
und eine Art Laubentoilette aufgestellt worden. Diese 3 Einrichtungen stellten
damals den Gipfel des Komforts dar. Die beiden Boote lagerten im Freien,
bis im September 1952 ein glücklicher Zufall uns das erste Bootshaus
in Form eines geliehenen viermastigen Armeezeltes beschertet das uns bis
Juli 1955 als Bootsunterkunft, Gesellschaftsraum und Ferienheim diente.
Schon damals war ein Wiederaufbau den zerstörten
Bootshauses Pichelswerder in vergrößerter, massiver Weise geplant,
der aber nach Überwindung zahlloser Hindernisse erst im Sommer 1955
zustande kam. Um die Durchführung des Bauvorhabens erwarb sich unser
Kamerad Fritz Eckstädt große Verdienste. Ursprünglich im
Untergeschoß als zweigeteilte Bootshalle mit einen darüber liegenden
Gesellschaftsraum beabsichtigt, wofür uns auch ein mäßiges
Totodarlehen gewährt wurde, konnte der in eigener Regie geplante Bau
im Frühjahr 1954 noch nicht in Angriff genommen werden. Behördliche
Schwierigkeiten Schafften erst im Herbst Klarheit über die Lage. Durch
die uns aufgezwungene Wahl einen Bauunternehmens und die dadurch und durch
Kontensteigerungen entstandene Bauverteuerung mußte schmerzlicherweise
auf den Aufbau verzichtet und die eine Hallenhälfte für Aufenthaltszwecke
usw. vorgesehen werden. Die vorhandenen Mittel reichten knapp für
den reinen Rohbau. Alles, was inzwischen hinzugekommen ist, die Betonierung
des Gesamtfußbodens, die Bootsträger, die Beleuchtungsanlage,
die Skull-Aufhängevorrichtung, der Zaun nach der Landseite mit massivem
doppelflügeligem Einfahrtstor, der neue Zaun an der Nordseite, der
Schuppen mit Kochküche, Geschirrkammer, Werkzeug- und Liegestuhlunterbringung,
die baupolizeilich geforderte vorschriftsmäßige Toilettenanlage,
die gärtnerische Ausgestaltung des Grundstücke, als letztes der
durch Unterteilung der einen Bootshalle errichtete Clubraum und vieles
andere ist meist unter Aufwendung geringster Materialkosten von Mitgliedern
in freiwilliger Arbeitsleistung geschaffen worden. Schon 1953 war in mehrmonatiger
mühevoller Arbeit das zum Wasser abfallende und in Morast übergehende
Ufer durch ein aus Feldsteinen und Beton errichtetes Bollwerk befestigt
worden, das erst die Anlage der beiden rechts und links vom ebenfalls selbst
gefertigten Schwimmsteg befindlichen, mit Bänken vergebenen Aussichtsterrassen
ermöglichte. 1953 wurde der dritte Doppelzweier, die "Havel" erworben
und wurde bald zu einem begehrten Boot, das besondere für schweren
Wasser geeignet ist.
Der Bootshausbau hätte beinahe eine
Krise den Vereine verursacht. Die Kameraden denen wir die Erhaltung des
Geländes verdankten, mußten leider ihre Sommerlauben entfernen,
da nach dem Bauplan keine Möglichkeit zum Verbleib bestand und der
früher nur für die kleine Zweigabteilung vorgesehene Platz jetzt
infolge der Spaltung Berlins den gesamten Verein aufnehmen mußte.
Da diese, übrigens meist langjährigen lieben Mitglieder nicht
auf die Annehmlichkeit des Laubenbesitzes verzichten wollten, siedelten
sie sich anderweitig um und kehrten zu unserem großen Bedauern dem
Verein den Rücken.
Der bereite im Jahre 1903 dem M.R. beigetretene
langjährig Betreuer des früheren Zweigbootshauses Pichelswerder,
unser jetziges Ehrenmitglied Kamerad Karl Dührkoop, konnte kürzlich
seinen 81. Geburtstag begehen.
Unsere weiteren Ehrenmitglieder sind die
Kameraden Robert Ammann und Carl Diemke, die beide zu dem Mitgründern
des M.R. gehören und lange Jahre Vorstandsämter bekleideten.
Letzterer hatte u.a. die Bauleitung den Baumschulenweger Bootshauses. Unser
jetziger Ehrenvorsitzender, der in Westdeutschland lebende, kürzlich
80 Jahre alt gewordene Erich Flügel, trat im April 1906 in den M.R.
ein. Es dauerte nicht lange, bis man von seinem kaufmännischen Wissen
Gebrauch und ihn zum Schatzmeister machte, der er bin 1934 verblieb. Als
in diesem Jahre der von der politischen Lage enttäuschte Richard Nordhausen
sein Amt als 1. Vorsitzender niederlegte, übernahm Erich Flügel
sein mit schweren Opfern verbundenes Erbe, das er bis zum Kriegsende treu
verwaltete.
Richard Nordhausen hat als Schriftsteller
und Dichter zahlreiche Werke hinterlassen, uns aber das einmalige Märkerideal
und eine Fülle von Ruder-, Freundschafts- und Heimatliedern, die in
unserem alten Vereinsliederbuch zusammengefaßt sind. Daß ihr
Wert in der ganzen deutschen Ruderwelt anerkannt und geschätzt wird,
gebt aus der Tatsache hervor, daß 16 der schönsten in dem vom
Deutschen Ruderverband herausgegebenen Verbandsliederbuch Aufnahme gefunden
haben.
Nun zurück zum Jahre 1954. In diesen
Jahre konnte unser Verein, nachdem die bei seiner Wiedergründung vorhandenen
rechtlichen Bedenken gegenstandslos geworden waren, den alten traditionsreichen
Namen "Märkischer Ruderverein" wieder annehmen und so auch äußerlich
das Weiterbestehen der "Märker" zum Ausdruck bringen.
Durch Mitgliederzuwachs reichten unsere
3 Doppelzweier trotz schichtweiser Belegung für einen angemessenen
Ruderbetrieb bald nicht mehr aus. Jedoch mußten erst die Bauverbindlichkeiten
abgetragen werden, bis wir uns 1956 zur Anschaffung des ersten neuen Doppelvierern,
den "Erich Sonnenthal" entschließen konnten. Er trägt den Namen
des alten treuen, im Jahre 1946 verstorbenen Kameraden, der uns durch ein
Vermächtnis den Wiederaufbau unseres jetzigen Bootshauses mit ermöglicht
hat.
Ein weiterer Doppelvierer, die "Oberspree"
konnte in gebrauchtem Zustande 1957 erworben und nach eingehender Überholung
im Mai 1958 in Dienst gestellt werden. Gleichzeitig wurde ein dritter Doppelvierer
in Auftrag gegeben und am 24. August 1958 im Rahmen einer Gedenk-Feierstunde
auf den Namen unseres Begründers "Richard Nordhausen", und zwar durch
seinen Freund und Mitgründer Robert Ammann getauft.
Daß wir uns auch weiter um Vergrößerung
unseres Bootsparkes bemühen, ist selbstverständlich. Es liegt
dies im besonderen Interesse unserer Jugendabteilung, die bereits Ende
1952, also noch in unserer Zeltzeit errichtet wurde und sich seitdem in
jedem Jahr an den Winterruder-Wettbewerben des Berliner Regatta-Vereins
neben unseren Stamm-Mitgliedern beteiligte. Was dies damals bei dem Fehlen
jeglichen Komforts bei Abfahrt und Rückkehr bedeutete, kann der Außenstehende
kaum ermessen. Trotzdem wurden gerade in diesen Jahren beachtliche und
durch Ehrenurkunden ausgezeichnete Leistungen erzielt.
Aber auch unsere gesellschaftlichen Veranstaltungen
konnten sich sehen lassen, z.B. die Gründungsfeiern in der Lichtburg
am Bahnhof Gesundbrunnen, die Weihnachtsfeiern und unsere Sommerfeste im
Bootshaus und -gelände, bei denen wir kaum der Gäste Herr werden
konnten. Immer mehr erhalten wir Freundschaftsbesuche anderer Rudervereine,
die wir selbstverständlich erwidern, ebenso haben wir bei Jubiläen
von Rudervereinen, an denen wir teilnahmen, unsere Freundschaftsflagge
überreicht.
Unsere bereits erwähnte neueste Errungenschaft
unser mit moderner Heizanlage versehene Clubraum, ist jetzt endgültig
fertiggestellt und wird viel zum kameradschaftlichen Gemeinschaftsleben
beitragen.
So können wir auf die seit unserer
Wiedergründung vergangenen 7 Jahre mit Befriedigung zurückschauen
und - falls das Gedächtnis aussetzt - die vorangegangenen 49 Nummern
unserer Mitteilungen nachblättern, in denen alle Vorgänge getreulich
Verzeichnet worden sind.
Mögen die nächsten 50 Nummern
in gleichem Maße Fortschritte und Erfolge auf allen sportlichen Gebieten,
ermöglicht durch weitere treue Kameradschaft und Zusammenarbeit, berichten
können.
Dies wünscht, besondere im Hinblick
auf unser in 2 Jahren bevorstehendes 60jähriges Jubiläum
* Das Zweigbootshaus erhielt im
Sommer 1914 durch eine erhebliche Erweiterung und Verschönerung seine
endgültige Gestalt (bis zur Vernichtung am 16.12.1943).
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