Märkischer Ruderverein e.V. - Berlin
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Rundschreiben zum 58jährigen Bestehen (im Jahre 1959)

Kurze Chronik des "Märkischen Rudervereins e.V.",  jetzt Pichelswerder

Liebe Kameradinnen, Kameraden und Freunde unseres Vereins!

Die bereits erschienene Jubiläums-Nummer 50 unserer Mitteilungen hat uns Veranlassung zu einem Rückblick auf die seit der Nummer 1 vom Oktober 1953 verflossene Zeit gegebene einen Rückblick, der uns Ältere, welche diese Zeit miterlebt und mitgestaltet haben, mit Stolz erfüllt, und der unseren jungen Mitgliedern und den wenig oder gar nicht über unsere Existenz und Ziele in Kenntnis befindlichen Außenstehenden sie nahebringen möchte.

Zunächst bedarf es aber u.E. eines kurzen Berichtes über die im Jahre 1901 erfolgte Gründung des M.R., die Vorgeschichte dazu und seine Tätigkeit und Entwicklung bis zum Kriegsende 1945.

Die Gründung verdanken wir der Sportbegeisterung und dem Idealismus des

Schriftstellers, Redakteurs und Dichtern Richard Nordhausen, 
geboren am 31.1.1868 und verstorben am 24.9.1941.

Wie wir aus der anläßlich unseres 25jährigen Jubiläums im Jahre 1926 von ihm verfaßten Festschrift entnehmen, war er schon vorher ein begeisterter Freund unserer - leider uns zur Zeit verschlossenen - märkischen Heimat und Anhänger der Wanderruderei, die er zunächst mit einigen Freunden mit Hilfe zweier ihm gehörender Sportboote, den gedeckten Doppelzweiern "Deutscher Michel" und den Einern "Joß Fritz" privat betrieb. In dieser Zeit tauchte bei den Freunden der Gedanke auf, die damals in Berlin noch wenig verbreitete Wanderruderei weiten Kreisen zugänglich zu machen und zu diesem Zwecke einen neuen Ruderverein unter geringster Belastung der Mitglieder zu gründen.

Richard Nordhausen unternahm und verstand es, mit Hilfe seiner Beziehungen zur Presse durch eine Reihe im Sommer 1901 unter dem Pseudonym "Max Kempff" veröffentlichter zündender Zeitungsaufsätze, in denen er die körperlichen und seelischen Vorzüge den Wanderruderns und die Schönheit der märkischen und angrenzenden Gewässer pries, das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken. Es gingen so zahlreiche Anfragen und Zuschriften von Interessenten ein, daß er nach einigen Vorbereitungen zum 31. Oktober 1901 eine öffentliche Versammlung einberufen konnte, in der die Gründung des neuen Vereins unter dem seinen Zielen entsprechenden Namen "Märkischer Ruderverein" beschlossen und er selbst zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde.

Dem Gründer schwebte keineswegs vor, neben den bereits bestehenden Rudervereinen einen gleichartigen ins Leben zu rufen, sondern vielmehr eine neuartige Sportbewegung auf breiter Grundlage für die Allgemeinheit zu schaffen.

Von den sich um die Aufnahme Bewerbenden konnten als erster Stamm zunächst nur 300 Herren ausgewählt werden, die im folgenden Winter in einer primitiven Ruderkastenanlage in einer Badeanstalt am Landwehrkanal - so gut es ging - ruderisch vorgebildet wurden.

Gleichzeitig wurden bin zum Frühjahr 1902 das den Älteren von uns noch in lieber Erinnerung befindliche erste Bootshaus in Stralau am Rummelsburger See - einem idealen Übungsrevier - erbaut und eine große Zahl Boote neu beschafft. Die Mittel dazu waren großenteils vom 1. Vorsitzenden vorgeschossen worden.

Im Laufe der Jahre wurde das alte Bootshaus bis auf 4 Bootshallen und der Bootspark bis auf 72 Vereinsboote einschließlich den als Stammboot übernommenen "Deutschen Michel" erweitert sowie ein großer Sitzungsraum mit Ökonomie und Nebenräumen geschaffen.

Damals gab en auf den Gewässern außer den Ruderern und Seglern nur vereinzelte Paddler und keine Massen motorisierter Wasserfahrzeuge. Daher fielen bei dem berichteten Umfang an Menschen- und Bootsmaterial die "Märker", deren Mitgliedszahl ständig zunahm, durch ihr geschlossenen Auftreten auf, was die älteren Rudervereine nicht immer mit Wohlgefallen wahrnahmen.

Im M.R. wurden gemeinsame Sonntags-Fahrtenziele festgesetzt an denen jede Mannschaft erscheinen mußte. An jedem Freitagabend fanden in Bootshaus Sitzungen statt,, in denen u.a. die Mannschaften zusammengesetzt und die Boote belegt wurden. Wer rudern wollte, mußte unbedingt in diesen Sitzungen anwesend sein. Sonntags mußten alle belegten Boote bis 8 Uhr die Stege verlassen haben. Gemächlichkeit und Bummelei waren undenkbar. Natürlich konnte ein solcher Betrieb nur durch Aufteilung der Mitglieder in Unterabteilungen und strenge .Disziplin beherrscht werden, deren Verletzung manch einen zum Abschied zwang. Auch gab es bereits einen Pflichtarbeitsdienst zur Unterstützung der Bootsüberholung.

Richard Nordhausen war bei allem Weitblick und organisatorischem Geschick kein bequemer Vorsitzender. Heute würde man seine Stellung vielleicht mit einer Diktatur vergleichen. Es kam daher über die Vereinsarbeit wiederholt zu Differenzen mit Gruppen den allmählich auf über 750 Mitglieder (per 30.6.1906 bis 754) angewachsenen Vereins, die zu Massenaustritten und Gründungen neuer bzw. Stärkungen schon bestehender Rudervereine durch die Ausgetretenen führten.

Doch der "Große", wie Richard Nordhausen von seinen treuen Mitarbeitern und seinen Anhängern genannt wurdet ließ sich durch solche Rückschläge in seiner Überzeugung, den M.R. als reinen Wanderruderverein zu erhalten, nicht beirren. Zur Messung der Kräfte wurden lediglich jeden Herbst von dazu ausgewählten Mannschaften Dauerruder- Wettkämpfe über Strecken bis zu 20 km veranstaltet. Diese Konzession brachte nicht immer Segen für den Verein, da wiederholt die Sieger im Kraftgefühl und die Unterlegenen aus Mißmut dem Verein den Rücken , kehrten und sich zumeist reinen Rennrudervereinen zuwandten.,

Damals gab es noch keine vom Deutschen Ruderverband oder den einzelnen Regattaverbänden organisierte Wanderfahrten. Märker unternahmen, ganz auf sich selbst gestellt, weitgehende Fahrten in bisher noch kaum von Ruderern erreichte Gegenden. Besonders die Mannschaft des "Deutschen Michels" erregte mit Ihren Fahrten nach Rügen, Kopenhagen, den Masurischen Seen und auf der Donau usw. Aufsehen. Unser dabei beteiligter "Urmärker" Richard Mickley erreichte im Jahre 1906 die Rekordzahl von 6037 Fahrtenkilometern..

Zur Erleichterung weitergehender Fahrten wurden 7 gedeckte Doppelzweier beschafft und als Stützpunkte bereits 1903 das damalige Havel-Zweigbootshaus Pichelswerder *, auf dessen Gelände sich unser jetzigen Heim befindet und 1905 das Dahme-Zweigbootshaus in Zernsdorf bei Königs Wusterhausen errichtet. Letzteren wurde später nach Kablow und 1920 endgültig nach Neue-Mühle bei Königs Wusterhausen auf eigenen Grund und Boden verlegt. Eine 1920 in Werder a.d. Havel errichtete Zweigabteilung, die in den ernten Jahren eine große Blüte erreichte und das Ziel vieler Fahrten der Stammabteilung bildete, wurde kurz vor Ausbruch den 2. Weltkriegen aufgegeben.

Durch die Gründung und Tätigkeit des M.R. wuchs im Laufe der Jahre allgemein das Interesse am Wanderrudern und Wasserwandern und seine bahnbrechende Aufgabe trat allmählich in den Hintergrund, was auch im Absinken der Mitgliederzahl zum Ausdruck kam. So erklärt es sich, daß im Jahre 1914, vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, zahlreiche Berliner Vereine die Wanderruderei pflegten. Viele ehemalige Märker befanden sich in ihren Reiben.

In den vorangegangenen Jahren hatte Richard Nordhausen noch gegen vielfache Widerstände dem M.R. eine Damen-Abteilung im Jahre 1908 angegliedert, die aber infolge des Beitritts des M.R. zum Deutschen Ruderverband am 1.5.1913 in den selbständigen "Berliner Ruderverein Frigga" umgewandelt werden mußte. Ferner hatte Richard Nordhausen im Frühjahr 1914 den Jugendruderverein "Jung Frithjof" ins Leben gerufen. Beide Vereine waren mit dem M.R. zu einer Arbeitsgemeinschaft verbunden und erleichterten ihm das Durchkommen durch die Jahre des 1. Weltkriegen 1914-1918, dem 33 liebe Kameraden zum Opfer fielen.

1919 trat der M.R. dem Wanderruder-Verband "Mark Brandenburg" bei und beteiligte sich in der Folge an den von diesem veranstalteten Dauerrudern. Auch eine sogenannte "Renngruppe" wurde zu diesem Zweck gebildet, die auch Erfolge erzielte, letzten Endes dem M.R., wie schon früher geschehen keine Vorteile brachte und später einging. Dagegen beteiligten sich unsere Mannschaften unter Führung von Richard Nordhausen und anderen Vorstandskameraden an vielen vom Deutschen Ruderverband veranstalteten Gemeinschaftsfahrten" u.a. der Mosel-Rheinfahrt 1921 von Trier nach Köln, der Masurenfahrt 1923, der Donaufahrt von Ingolstadt nach Wien 1924 und der Mainfahrt von Würzburg nach Frankfurt am Main 1926 und anderen mehr.

Es wurde die Notzeit der "Währungsinflation" überstanden, die im November 1923 Ihr Ende nahm. Nachdem man nun ab 1924 mit einer stabilen Währung rechnen konnte, wuchs der Plan zur Fortsetzung des 1914 kurz vor Kriegsbeginn mit Grundsteinlegung begonnenen Bauen des neuen Bootshauses in Baumschulenweg am Plänterwald. Infolge notwendiger Aufgabe des alten Pachtgrundstücks in Stralau mußte rasch gehandelt werden, obwohl das ursprünglich aus den Beiträgen angesammelte Baukapital dem Kriege und der Inflation zum Opfer gefallen war. Unter großen finanziellen Opfern der Vorstands- und anderer Mitglieder war der Bau im großen und ganzen bis 1926 fertig. Die endgültige Gestalt erhielt er bis 1929. Beim Abrudern dieses Jahres erfolgte die offizielle - allerdings nur interne - Einweihung.

Leider haben die der Allgemeinheit der Mitglieder zwecks Finanzierung des Baues auferlegten Belastungen in Form von Bauzuschüssen und Stammanteilen den M.R. eine Reihe wertvoller, aber weniger ideal gesinnter Mitglieder gekostet, die dann in anderen Vereinen später zum Teil bedeutende Rollen gespielt haben.

Das neue Bootshaus lag an der Spree nahe der Mündung der Britzer Abzweigung des Teltow-Kanals, zwischen den Bootshäusern des Ruder-Clubs Berolina und des Treptower Ruder-Clubs. Sein stolzer, in Eisenbetonkonstruktion ausgeführter Bau mit den 4 Bootshallen, der darüber gelagerten breiten Veranda und dem großen, über 400 Personen fassenden, mit 8 hoben Fenstern versehenen Festsaal war weithin sichtbar, bis er in der Bombennacht den 29. Dezember 1943 mit allen darin lagernden Vereins- und Privatbooten ein Opfer des totalen Kriegen wurde. In der Vernichtung war ihm am 16. Dezember das Zweigbootshaus Pichelswerder vorausgegangen. Erhalten blieb einstweilen nur der Idyllisch am Krimnicksee gelegene Stützpunkt Neue-Mühle mit einem Vereins-Doppelzweier und einigen Privatbooten, der aber im April 1945 von den vorrückenden Sowjettruppen vorübergehend besetzt, für militärische Zwecke ausgeräumte endgültig im Februar 1947 enteignet und später abgerissen wurde. Das wertvolle Grundstück dient jetzt dem Sportbetrieb eines VEB, welcher dort ein massives, mehrstöckiges viel Raum beanspruchenden Bootshaus aufgeführt hat, wodurch das Grundstück seine ursprüngliche landschaftliche Schönheit weitgehend eingebüßt haben soll.

Den Vorwand für die Enteignung bot die Tatsache, daß der M.R. in Zuge der nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus erfolgten zwangsweisen Eingliederung aller Sportvereine in den Deutschen, später N.S. Reichsbund für Leibensübungen von den Siegermächten ebenfalls als "Naziorganisation" angesehen wurde und sein Eigentum der Beschlagnahme durch die sowjetische Besatzungsmacht verfiel.

Damit hatte der M.R. zunächst seine Tätigkeitsgrundlage verloren und die Mitglieder waren durch die Zustände nach dem Zusammenbruch nahezu ohne Zusammenhang. Aber der alte Märkergeist war nicht tot. Es dauerte nicht lange, bis sich ab 1946 erst wenige, dann immer mehr der alten Mitglieder zu regelmäßigen Zusammenkünften, zuerst in Baumschulenweg, später in Treptow zusammenfanden. Natürlich wurde in erster Linie an die Wiederbelebung den nunmehr heimat- und besitzlosen Vereine gedacht. Da kam uns, nachdem die Vereinssperre aufgehoben und durch das Vereinsgesetz von 1950 die Tätigkeit von Sportvereinen ohne besondere Lizensierung durch die Besatzungsmächte zugelassen war, ein glücklicher Umstand zu Hilfe.

Das dem Wasserbau-Fiskus gehörende Pachtgrundstück in Pichelswerder war nach der Zerstörung des alten Bootshauses durch ehemalige Mitglieder abgeräumt und dann zwecks Erhaltung für den Verein auf eigene Rechnung bis 1951 gepachtet worden. Der Senat von Berlin wünschte nun, daß das Gelände wieder wassersportlich genutzt und zu diesem Zwecke der Verein neu gegründet würde. Die Gelegenheit dazu bot eine Zusammenkunft der noch vorhandenen Mitglieder der Baumschulenweger Gruppe mit den Kameraden von Pichelswerder anläßlich der ersten Nachkriegs-Weihnachtsfeier am 29.12.1951 in Neukölln, die gleichzeitig der Erinnerung an das 50jährige Bestehen den alten Märkischen Rudervereins diente. Die Wiedersehensfreude war ungemein groß und in der Begeisterung der Stunde wurde - ungeachtet der Ungunst der Zeit und der wirtschaftlichen Schwierigkeiten fast aller Beteiligten noch am gleichen Tage ein Ausschuß gewählte der die Vorbereitungen zur Wiedergründung des Vereins, u.a. auch die Grundstücksverhandlungen zu erledigen hatte.

Am 9, Februar 1952 war es endlich so weit. Anhand von Einladungen, die man an alle in mühevoller Arbeit ermittelten Anschriftenversandt hatte, hatten sich insgesamt 47 Ehemalige im Restaurant Schultheiß am S-Bhf. Sonnenallee eingefunden.

Nach Eröffnung der Versammlung gab Kamerad Selke einen kurzen Bericht über das Vorangegangene, der Ausschuß legte einen Satzungsentwurf vor. 41 der Erschienenen erklärten ihren Beitritt zum neuen Verein, billigten die Satzung und wählten als ersten Vorstand die Kameraden 

Rudolf Selke zum Vorsitzenden
Kurt Spuhr zum Schriftführer und 
Pritz Marx zum Schatzmeister.

Aus grundlegenden Erwägungen wurde der neue Verein nicht als Fortführung des alten M.R., sondern als Neugründung unter dem Namen "Märkischer Adler Wassersportverein" errichtet. De jure war er ein neuer Verein, de facto bestand er aber aus den ehemaligen Mitgliedern des alten M.R., dessen Tradition und Ziele zu erhalten und fort zuführen er sich zur Aufgabe stellte. Die Erfüllung schien allerdings zunächst wenig aussichtsreich zu sein. Hätte der Verein sich zu einer Eröffnungsbilanz aufgeschwungen, so hätte sie auf der Aktiv- und Passivseite mit Null abgeschlossen.

Allerdings war eine stille, aber unschätzbare Reserve vorhanden, und zwar das nunmehr vom neuen Verein übernommene Pachtgrundstück am Pichelssee in Pichelswerder, auf den noch einige von den ehemaligen jetzt dem neuen Verein beigetretenen Mitgliedern benutzte Wochenendlauben vorhanden waren, deren Verbleiben auf dem Grundstück bis zu einem etwaigen Wiederaufbau den Bootshauses vereinbart wurde.

Einer bei der Weihnachtsfeier am 27.12.1953 veröffentlichten kurzen "Chronik" zufolge begann der Verein mangels jeglichen Sportgerätes seine Tätigkeit als "Spar-, Wander- und Geselligkeits-Verein". Die Beiträge waren äußerst gering, so daß vorerst keine Schätze angesammelt werden konnten. Trotzdem wurden im Juni und Juli 1952 die ersten Boote und zwar die Doppelzweier Dahme und Dubrow unter Verauslagung des Kaufpreisen durch einige Kameraden beschafft. Da sie sich in äußerst reparaturbedürftigen Zustande befanden konnten sie nach schwieriger Instandsetzung durch die Kameraden erst zum Anrudern 1953 getauft und in Dienst gestellt werden.

Da der Vergin anfangs nur unter freiem Himmel tagen konnte, bestand der erste Fortschritt in der Errichtung eines auf 4 Pfählen ruhenden Bretterdaches, welches 3 von einer Kameradin gestiftete vierteilige Umkleideschränke beschützte. Sie umschlossen einen offenen kleinen Raum, der zum Umkleiden und Regenschutz diente und bald den Kosenamen "Negerkraal" erhielt. Daneben war im Freien eine provisorische Kaffeeküche (aus einem alten Küchenschrank mit Überdach) und eine Art Laubentoilette aufgestellt worden. Diese 3 Einrichtungen stellten damals den Gipfel des Komforts dar. Die beiden Boote lagerten im Freien, bis im September 1952 ein glücklicher Zufall uns das erste Bootshaus in Form eines geliehenen viermastigen Armeezeltes beschertet das uns bis Juli 1955 als Bootsunterkunft, Gesellschaftsraum und Ferienheim diente.

Schon damals war ein Wiederaufbau den zerstörten Bootshauses Pichelswerder in vergrößerter, massiver Weise geplant, der aber nach Überwindung zahlloser Hindernisse erst im Sommer 1955 zustande kam. Um die Durchführung des Bauvorhabens erwarb sich unser Kamerad Fritz Eckstädt große Verdienste. Ursprünglich im Untergeschoß als zweigeteilte Bootshalle mit einen darüber liegenden Gesellschaftsraum beabsichtigt, wofür uns auch ein mäßiges Totodarlehen gewährt wurde, konnte der in eigener Regie geplante Bau im Frühjahr 1954 noch nicht in Angriff genommen werden. Behördliche Schwierigkeiten Schafften erst im Herbst Klarheit über die Lage. Durch die uns aufgezwungene Wahl einen Bauunternehmens und die dadurch und durch Kontensteigerungen entstandene Bauverteuerung mußte schmerzlicherweise auf den Aufbau verzichtet und die eine Hallenhälfte für Aufenthaltszwecke usw. vorgesehen werden. Die vorhandenen Mittel reichten knapp für den reinen Rohbau. Alles, was inzwischen hinzugekommen ist, die Betonierung des Gesamtfußbodens, die Bootsträger, die Beleuchtungsanlage, die Skull-Aufhängevorrichtung, der Zaun nach der Landseite mit massivem doppelflügeligem Einfahrtstor, der neue Zaun an der Nordseite, der Schuppen mit Kochküche, Geschirrkammer, Werkzeug- und Liegestuhlunterbringung, die baupolizeilich geforderte vorschriftsmäßige Toilettenanlage, die gärtnerische Ausgestaltung des Grundstücke, als letztes der durch Unterteilung der einen Bootshalle errichtete Clubraum und vieles andere ist meist unter Aufwendung geringster Materialkosten von Mitgliedern in freiwilliger Arbeitsleistung geschaffen worden. Schon 1953 war in mehrmonatiger mühevoller Arbeit das zum Wasser abfallende und in Morast übergehende Ufer durch ein aus Feldsteinen und Beton errichtetes Bollwerk befestigt worden, das erst die Anlage der beiden rechts und links vom ebenfalls selbst gefertigten Schwimmsteg befindlichen, mit Bänken vergebenen Aussichtsterrassen ermöglichte. 1953 wurde der dritte Doppelzweier, die "Havel" erworben und wurde bald zu einem begehrten Boot, das besondere für schweren Wasser geeignet ist.

Der Bootshausbau hätte beinahe eine Krise den Vereine verursacht. Die Kameraden denen wir die Erhaltung des Geländes verdankten, mußten leider ihre Sommerlauben entfernen, da nach dem Bauplan keine Möglichkeit zum Verbleib bestand und der früher nur für die kleine Zweigabteilung vorgesehene Platz jetzt infolge der Spaltung Berlins den gesamten Verein aufnehmen mußte. Da diese, übrigens meist langjährigen lieben Mitglieder nicht auf die Annehmlichkeit des Laubenbesitzes verzichten wollten, siedelten sie sich anderweitig um und kehrten zu unserem großen Bedauern dem Verein den Rücken.

Der bereite im Jahre 1903 dem M.R. beigetretene langjährig Betreuer des früheren Zweigbootshauses Pichelswerder, unser jetziges Ehrenmitglied Kamerad Karl Dührkoop, konnte kürzlich seinen 81. Geburtstag begehen.

Unsere weiteren Ehrenmitglieder sind die Kameraden Robert Ammann und Carl Diemke, die beide zu dem Mitgründern des M.R. gehören und lange Jahre Vorstandsämter bekleideten. Letzterer hatte u.a. die Bauleitung den Baumschulenweger Bootshauses. Unser jetziger Ehrenvorsitzender, der in Westdeutschland lebende, kürzlich 80 Jahre alt gewordene Erich Flügel, trat im April 1906 in den M.R. ein. Es dauerte nicht lange, bis man von seinem kaufmännischen Wissen Gebrauch und ihn zum Schatzmeister machte, der er bin 1934 verblieb. Als in diesem Jahre der von der politischen Lage enttäuschte Richard Nordhausen sein Amt als 1. Vorsitzender niederlegte, übernahm Erich Flügel sein mit schweren Opfern verbundenes Erbe, das er bis zum Kriegsende treu verwaltete.

Richard Nordhausen hat als Schriftsteller und Dichter zahlreiche Werke hinterlassen, uns aber das einmalige Märkerideal und eine Fülle von Ruder-, Freundschafts- und Heimatliedern, die in unserem alten Vereinsliederbuch zusammengefaßt sind. Daß ihr Wert in der ganzen deutschen Ruderwelt anerkannt und geschätzt wird, gebt aus der Tatsache hervor, daß 16 der schönsten in dem vom Deutschen Ruderverband herausgegebenen Verbandsliederbuch Aufnahme gefunden haben.

Nun zurück zum Jahre 1954. In diesen Jahre konnte unser Verein, nachdem die bei seiner Wiedergründung vorhandenen rechtlichen Bedenken gegenstandslos geworden waren, den alten traditionsreichen Namen "Märkischer Ruderverein" wieder annehmen und so auch äußerlich das Weiterbestehen der "Märker" zum Ausdruck bringen.

Durch Mitgliederzuwachs reichten unsere 3 Doppelzweier trotz schichtweiser Belegung für einen angemessenen Ruderbetrieb bald nicht mehr aus. Jedoch mußten erst die Bauverbindlichkeiten abgetragen werden, bis wir uns 1956 zur Anschaffung des ersten neuen Doppelvierern, den "Erich Sonnenthal" entschließen konnten. Er trägt den Namen des alten treuen, im Jahre 1946 verstorbenen Kameraden, der uns durch ein Vermächtnis den Wiederaufbau unseres jetzigen Bootshauses mit ermöglicht hat.

Ein weiterer Doppelvierer, die "Oberspree" konnte in gebrauchtem Zustande 1957 erworben und nach eingehender Überholung im Mai 1958 in Dienst gestellt werden. Gleichzeitig wurde ein dritter Doppelvierer in Auftrag gegeben und am 24. August 1958 im Rahmen einer Gedenk-Feierstunde auf den Namen unseres Begründers "Richard Nordhausen", und zwar durch seinen Freund und Mitgründer Robert Ammann getauft.

Daß wir uns auch weiter um Vergrößerung unseres Bootsparkes bemühen, ist selbstverständlich. Es liegt dies im besonderen Interesse unserer Jugendabteilung, die bereits Ende 1952, also noch in unserer Zeltzeit errichtet wurde und sich seitdem in jedem Jahr an den Winterruder-Wettbewerben des Berliner Regatta-Vereins neben unseren Stamm-Mitgliedern beteiligte. Was dies damals bei dem Fehlen jeglichen Komforts bei Abfahrt und Rückkehr bedeutete, kann der Außenstehende kaum ermessen. Trotzdem wurden gerade in diesen Jahren beachtliche und durch Ehrenurkunden ausgezeichnete Leistungen erzielt.

Aber auch unsere gesellschaftlichen Veranstaltungen konnten sich sehen lassen, z.B. die Gründungsfeiern in der Lichtburg am Bahnhof Gesundbrunnen, die Weihnachtsfeiern und unsere Sommerfeste im Bootshaus und -gelände, bei denen wir kaum der Gäste Herr werden konnten. Immer mehr erhalten wir Freundschaftsbesuche anderer Rudervereine, die wir selbstverständlich erwidern, ebenso haben wir bei Jubiläen von Rudervereinen, an denen wir teilnahmen, unsere Freundschaftsflagge überreicht.

Unsere bereits erwähnte neueste Errungenschaft unser mit moderner Heizanlage versehene Clubraum, ist jetzt endgültig fertiggestellt und wird viel zum kameradschaftlichen Gemeinschaftsleben beitragen.

So können wir auf die seit unserer Wiedergründung vergangenen 7 Jahre mit Befriedigung zurückschauen und - falls das Gedächtnis aussetzt - die vorangegangenen 49 Nummern unserer Mitteilungen nachblättern, in denen alle Vorgänge getreulich Verzeichnet worden sind.

Mögen die nächsten 50 Nummern in gleichem Maße Fortschritte und Erfolge auf allen sportlichen Gebieten, ermöglicht durch weitere treue Kameradschaft und Zusammenarbeit, berichten können.

Dies wünscht, besondere im Hinblick auf unser in 2 Jahren bevorstehendes 60jähriges Jubiläum

die Schriftleitung.

* Das Zweigbootshaus erhielt im Sommer 1914 durch eine erhebliche Erweiterung und Verschönerung seine endgültige Gestalt (bis zur Vernichtung am 16.12.1943).

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