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Wie die Berliner Wanderruderei groß geworden ist
Und wie der "Berliner Lokal-Anzeiger" dabei mithalf
(von Richard Nordhausen erschienen im "Berliner Lokal-Anzeiger" am 14. November 1926)
Von jeher hat sich der Berliner gern eine Wasserratte nennen lassen.-
der Stralauer Fischzug, Kahnfahrten auf dem Neuen See waren Lieblingsbelustigungen
unserer Väter und Mütter, als sie noch im Bratenrock und Flügelkleid
dahergingen, die Chroniken erzählen uns, daß der weiland kurfürstliche
Hof sich immer besonders gern zu Schiff nach den Charlottenburger Gestaden
begeben habe. Und tatsächlich war die - leider im allgemeinen recht
platonische - Neigung des Berliners zum Wasser instinktiv berechtigt. Um
keine Großstadt der Welt liegt so reiches Fluß- und Seenrevier
ausgebreitet, nirgends ermöglichen sich so köstliche, abwechslungs-
und freudenreiche Ruder- und Segelfahrten ins Weite. Trotz alledem aber
hat die Meinung, daß Wasser keine Balken habe, bei uns auffällig
lange vorgehalten. Längst bestanden in Deutschland nicht nur an der
Wasserkante, sondern auch im Südwesten rührige Rudervereine,
ehe sich der Berliner Unternehmungsgeist an eine gleiche Tat heranwagte.
Obgleich dann allmählich mit der wachsenden Sportwelle auch der Reichshauptstädter
die Herrlichkeit der von ihm bisher zu gering geachteten Schätze erkannte,
kam der Rudersport hierzulande nur mühsam vorwärts. Im großen
Ganzen führte er ein Dornröschenleben, das höchstens einmal
im Jahre, anläßlich der Grünauer Regatta, unterbrochen
wurde. Eine besondere propagandistische Wirkung übte indessen auch
diese Regatta nicht aus; es genügte der Masse, dabei gewesen und bei
dieser Gelegenheit den Kaiser gesehen zu haben.
So stand es eigentlich noch um die Jahrhundertwende. Je nach Gemütsart
und Temperament freute sich das Berliner Kind an den für damaligen
Geschmack reichlich ausgezogenen Ruderern oder nahm Aergernis an ihnen,
bestaunte auch wohl die schmalen Auslegerboote, die schwimmenden Särge,
wie man sie nannte, und war im Geheimen von der Spleenigkeit der Insassen
überzeugt. Welche Wonnen aber den Wanderruderern blühten, in
welchem Maße sie die verborgenen landschaftlichen Schätze der
sehr zu unrecht verlästerten Mark Brandenburg entdeckten und genossen;
welche Wundertage ihnen draußen in blau-goldenen und grünen
Einsamkeiten beschert waren, davon ahnte die Menge nichts. Rudern galt
für einen ebenso "exklusiven" wie teuren Sport. Nur Leute mit sehr
geschwollenem Portemonnaie, so hieß es, konnten sich an dem kostspieligen
Klubleben beteiligen. Die Folge war, daß man sich in Berlin von 1890
bis 1900, in der Zeit allgemein erwachenden Wohlstandes, zwar aufs Rad
schwang und die zumeist nicht gerade hinreißenden Chausseen der Provinz
abklapperte, dem Wasser dagegen weiter ängstlich fernblieb. So blieb,
trotz Theodor Fontane, die Mark in ihrer lieblichsten und ergreifendsten
Anmut, in ihrer Gewässerpracht, unbekanntes Gebiet für das nach
Goethe so verwegene Volk an der Spree.
Hier Wandel geschaffen zu haben, ist ein unleugbares Verdienst des "Berliner
Lokal-Anzeigers". Im Sommer und Herbst 1901 erschien aus der Feder von
Max Kempff* eine Reihe von Aufsätzen, die den Berlinern
die Vorzüge der Wanderruderei in lebhaften Farben, mit Liebe und Laune,
schilderten. Einigermaßen erstaunt vernahm Berlin, daß nicht
nur Potsdam, das im Glanz seiner Havel prunkende, den Bädekerstern
verdiente, sondern daß auch im Südosten der Stadt noch stolzere
und liebenswürdigere Grazie thronte. Wer sich an der Oberbaumbrücke
ins Boot setzte, konnte 36 Kilometer stromaufwärts fahren, ohne auf
eine Schleuse zu stoßen und dann weitere dreißig, vierzig Kilometer
auf waldumstandener, verschwiegener Flut zurücklegen. Gelüstete
es den Ruderer nach anderen Reizen und Abenteuern, so stand ihm der Wunderweg
über die Havel bis nach Werder, Brandenburg usw. offen. Ebenso leicht
konnten von Berlin aus die Mecklenburgischen Seen erreicht werden, die
gute Kenner von jeher zu den schönsten des Vaterlandes gerechnet haben...
Max Kempffs Artikel weckten erst die Neugier, dann das tätige Interesse
Berlins, und als er im Oktober desselben Jahres im "Berliner Lokalanzeiger"
zur Gründung eines großen Wanderrudervereins aufforderte, der
es jedermann ermöglichen sollte, für ein Geringes ungeahnte Wasserwanderfreuden
durchzukosten, da meldeten sich Tausende und Abertausende. Mit einem Schlage
war die Berliner Wanderruderei da, die bisher, trotz wackerer Einzelleistungen,
ein kümmerliches Dasein geführt hatte.
Vierzig, fünfzig funkelnagelneue Boote lockten zu kürzeren
und weiteren Fahrten ins Gebreit, und da an den ausgedehnten Flußufern
noch überall reichlich Platz war, - in mancher Sonnabendnacht kampierte
außer uns niemand am Müggelsee - so entwickelte sich rasch ein
Sonntagsleben in märkischer Wassernatur, wie es bislang noch niemand
gesehen hatte. Die falsche Auffassung von der Kostspieligkeit des Ruderns
war zerstört. Männiglich nahm sich sein Mittagbrot auf die Reise
mit; der reichlich vorhandene Bootsraum gestattete nicht nur die Unterbringung
alles erforderlichen Kochgeschirrs, sondern auch wohltemperierter Getränke,
Zelte, Mäntel und Decken für die Nacht konnten bequem verstaut
werden. Amerikas berühmtes camping out war nun endlich in die Mark
verpflanzt worden.
Zu den vorhandenen Rudervereinen einen neuen zu gründen, darum
allein hätte sich der Aufwand nun freilich nicht gelohnt. Aber tatsächlich
wuchs sich der Märkische Ruderverein rasch zu einer umfassenden Ruderbewegung
aus. Ueberwog im Anfang auf allen Wassern der Umgebung die Adlerfahne,
so reckten und streckten sich bald auch die anderen Klubs; Wanderruderei
wurde bei ihnen gleichfalls Trumpf. Nach einigem Hin und Her, das ja jeder
Neuordnung vorangeht, erkannten die führenden Leute, daß Wanderrudern
und Rennrudern in Wahrheit gar keine Gegensätze darstellten, daß
eines vielmehr das andere ergänzte. Die Stehereigenschaften des erprobten
Wanderruderers, seine Zähigkeit und Geistesgegenwart, vor allem seine
Eingespieltheit mit der Gesamtmannschaft, waren ausgezeichnetes Baumaterial
für Rennerfolge. Wer sich für eine Kanone hielt und ein Regattaheld
sein wollte, genoß im Wanderruderverein die denkbar beste Vorbildung.
Hunderte von Koryphäen, die später in Grünau, Frankfurt
am Main und Hamburg geglänzt haben, wären ohne die Gigs der Wanderruderer
überhaupt nie zur Ruderei gekommen.
Im Jahre 1901 waren die Mitgliedzahlen der Berliner Ruderklubs noch
verhältnismäßig gering und standen hinter denen des Reiches
wesentlich zurück. Von da an aber begann der große Aufstieg.
Gewiß, er wäre auch ohne die vom "Berliner Lokal-Anzeiger" geleistete
propagandistische Arbeit gekommen, hätte dann aber viel später
eingesetzt und nicht entfernt so reiche Frucht getragen. Wenn heute in
Berlin mindestens zehntausend organisierte Ruderer leben, ganz abgesehen
von den zehntausend sogenannten wilden, dann darf sich unser Blatt rühmen,
den entscheidenden Anstoß zu der stolzen Entwicklung gegeben zu haben.
Im Laufe der Zeit ist das allgemein dankbar anerkannt worden, das dümmliche
Gerede von der Proletarisierung des Rudersports verstummt. Ja, immer lebhafter
wird der Wunsch, daß recht bald ein neuer Bahnbrecher erscheinen
und wiederum Massen aufs Wasser führen möge. Denn wenn auch heute
jeder junge Berliner und jede junge Berlinerein weiß, daß selbst
der schmalste Geldbeutel die Teilnahme an den Genüssen der Wanderruderei
ermöglicht, so drängt sich der Strom der Sportlustigen doch auffällig
in andere Gefilde. Und das ist schade für beide Teile, die Berliner
Jugend und die sportliche Ruderei. Zwar hat es oft den Anschein, als seien
Spree und Havel bereits überfüllt, ein so dichtes Gedränge
rudernden, paddelnden, segelnden, motorbootfahrenden Volks tummelt sich
auf ihnen. Aber jenseits von Königswusterhausen, hinter Neue Mühle,
dehnen sich noch schier endlose, wundervoll von Wald und Wiesen umsäumte
Wasserflächen und auch um Potsdam herum gibt es der stillen Winkel
noch genug. Es wird Aufgabe der Berliner Wanderrudervereine sein, nicht
stille zu stehen, nicht wieder auf ein Wunder zu warten, sondern sich beizeiten
überall da Stützpunkte zu schaffen, wo in höchstens fünf
bis zehn Jahren mindestens so reges Sportsleben herrschen wird, wie jetzt
in der näheren Umgebung Berlins. Alle Anzeichen dafür sind vorhanden.
Kluge Geschäftsleute errichten draußen an jedem günstig
gelegenen Platze Unterkunftshäuser für Boote und Ruderer, wodurch
sie selbstverständlich den Vereinen, den Pionieren und Trägern
der Ruderei, wertvolle Kräfte entziehen.
Dem "Berliner Lokal-Anzeiger" soll es unvergessen bleiben, daß
er sich nicht nur für die Männer eingesetzt hat, als er der Berliner
Wanderuderei zu ihrer heutigen Blüte verhalf. Das Mädchen- und
Jugendrudern fand bei ihm ebenfalls freundwillige, verständnisvolle
Unterstützung, und so heftiger Widerstand auch einsetzte, als er für
sie seine Stimme erhob - der Gedanke ist rasch siegreich durchgedrungen.
Statt weiter über Säuglingsrudern zu witzeln, wie es eine zeitlang
eintönige Mode war, haben sich alle irgendwie in Betracht kommenden
Berliner Rudervereine jetzt Jugendabteilungen zugelegt, von denen ihnen
erwünschter, guter Nachwuchs sproßt. Ein großer Jugendruderverband
besteht, der vom Deutschen Ruder-Verbande amtlich geschützt wird,
und es besteht ein zahlreiche Vereine umfassender Damen-Ruder-Verband.
Die Berliner Ruderei ist, wenn man das in ihrem Falle kühne Bild
gebrauchen darf, in den Sattel gesetzt worden. Zeige sie nun, daß
sie reiten gelernt hat!
* Pseudonym v. Richard Nordhausen (Anmerkung der Redaktion).
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