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Aufsätze > Der Krossin
(von Richard Nordhausen, unter seinem Pseudonym Max Kempff erschienen im "Berliner Lokal-Anzeiger" 1901/02)
Das ist die echte, alte Spreewendei. Der Wernsdorfer Kanal, das erste
Stück des sehr nützlichen, landschaftlich aber auch sehr öden
Oder-Spree-Kanals, verbirgt mit seinen Böschungen und mageren Kiefern
lange Zeit neidisch ein liebliches Idyll.
Endlich verlassen wir ihn, mit jäher Wendung, unter kräftigem
Steuerdruck, und schon schwimmt das Boot auf dem grüngelben Krossin,
schon lacht Wernsdorf, das freundliche Fischernest, uns mit hübsch
rot und blau gestrichenen Häusern, grünen Gärtchen und weißem
Sande an. Ja, Sand - das ist neben Fischen das Hauptprodukt dieser Gegend.
Man braucht nur an Land zu gehen, ein paar Schritte nur, und überall
rieselt einem Streusand von erstaunlicher Güte entgegen. Als hätte
die Wüste Sahara hier ein Depot eröffnet. Der Sand wagt sich
bis an die Schwelle der Häuser und wer für sandbestreute Fußböden
schwärmt, Sandböden liebt und seine Briefe noch nach Urväterart,
das Löschblatt bieder verschmähend, trocknet, der lebt hinterwärts
von Wernsdorf im Paradiese. Das bischen Gartenland ist dem Sande, der es
aufdringlich umlauert, mühsam abgerungen worden, und die Felder bieten
unter sotanen Umständen wenig Ertrag. Da nun Sand als Naturerzeugnis
kein besonders bevorzugter und lohnender Exportartikel ist, ginge es den
Wernsdorfern ungebührlich schlecht, wenn ihre Fische nicht wären.
Aber die kommen reichlich, Gottlob. So viele Netze und Fischkästen,
so viel raffinierte Fangeinrichtungen wie bei Wernsdorf findet man selbst
in der Mark nicht oft . See und Ufer wimmeln davon, Und das Geschäft
nährt seinen Mann.
Grüngelb, gleich einem Alpensee, breitet sich der Krossin. Es ist
sonst das typische Bild brandenburgischer Flußbuchten: schilfgeschützte
Wiesen, Kiefernwald mit frischem Unterholz, überall der weite Blick
auf blitzende Wassermassen. Nur daß sie gewöhnlich die Farbe
des Himmels, am liebsten sein poetisches Frühlingsblau, widerspiegeln.
Der Krossin aber hat in dieser Beziehung Eigenart. Und wer ein bischen
Phantasie besitzt, dem fällt es leicht, seine klare Flut von einem
Kranz steiler Berge umrahmt zu sehen. Sonderlich, wenn Regenböen drüber
hinstürmen und rasendes Gewitter niederprasselt, wenn rundherum die
Donner brüllen und flackerndes Blitzgeleucht die Wasser phantastisch
erhellt. So trafen wirs an jenem Sonntag im vergangenen Jahre, dem Unheilstage,
an dem der Große Zug, des Krossins südliche Fortsetzung, sieben
arme Opfer forderte. Das Wetter hatte sich geraume Zeit vorher angekündigt.
Schon der ungewohnt stramme Ost, der die Ruderarbeit in den frühen
Vormittagsstunden nach Kräften erschwert hatte, mußte zur Vorsicht
mahnen. Dann ballte sich das Gewölk zusammen, ward dunkler und drohender
mit jeder Minute; überall am Horizonte sah man Strichregen prasseln,
und während über Gosen noch blauer Himmel lachte, wehte schon
warme Gewitterluft den See entlang. Dann sprang der Wind um, und nun entlud
sich die Wut des Wetters. In unsere derben Mäntel gehüllt, sahen
wir vom sicheren Ufer aus seinem leidenschaftlichen Toben zu, sahen, wie
es in Wolkenbrüchen auf die schäumende Flut stürzte, als
wollte es sich an sie klammern, sich in sie verbeißen, Und während
wir, des an uns niedertriefenden Regens und der uns ins Gesicht schlagenden,
abenteuerlich großen Schlossen kaum achtend, in das unerhört
prächtige Schauspiel starrten, spielte sich wenige Hundert Meter vor
uns, hinter grauen Gewitterschleiern, die Tragödie ab, die Tags darauf
Berlin in erklärlich Erregung versetzte. Eine Tragödie verruchten
Leichtsinns.
Gleich heute möge ausdrücklich bemerkt werden, daß der
Wassersport, zumal die Ruderei, der abgemeinen Annahme entgegen, weit weniger
Gefahren birgt, als die meisten anderen sportlichen Vergnügungen.
Kunstgerechten Betrieb natürlich vorausgesetzt. Niemals in den langen
Jahren, die uns auf Spree, Dahme und Havel gesehen haben, ist unserer Mannschaft
etwas ernstlich Unangenehmes zugestoßen. Gewiß, wir haben die
Gefahr nicht gesucht, aber wir sind ihr auch nicht hasenherzig aus dem
Wege gegangen. Ich erinnere mich einer Reihe herbstlicher Segelfahrten
in gedecktem Zweier, wo das leichte Boot wie ein Wasservogel über
die gischtgekrönte Fläche dahinschoß. Fock, Gros und Besan
vom Vollwind geschwellt, und immer wieder ist mir das Glucksen und Rauschen
des Wassers am Kiel, das leise Zischen des Vorderstevens, der die Flut
durchschneidet, köstliche Musik. Zuweilen überrumpelt einen das
Wetter mitten auf dem See, und man hat dann, wie auf der Müggel, gegen
sich kreuzende Wellen zu kämpfen, die das Boot seitwärts und
hinten anspringen und Waschwasser genug hineinschleudern. Indes geniert
der Anfänger überhaupt nie eine solche Situation, wenigstens
da nicht, wo verständige Aufsicht vorhanden ist. Und der Unerfahrene
rudert immer nur in Gesellschaft erprobter Wasserratten. Mit ihnen zusammen
ist es eine Lust, dem Sturm und Gewitter den überlegenen Meister zu
zeigen. Mut und Entschlossenheit, unbeugsame Kraft und kühle Geistesgegenwart
--jede Mannestugend kommt da zur Blüte. "Michel, horch, der Seewind
pfeift!" Die Hände fest an der Leine, lenkt der Steuermann das Boot
durch die kochende Flut, immer bemüht, möglich wenig vom Ziel
abzuschweifen und durch die Wellen glatt zu schneiden. Der Schlagmann giebt
sein Bestes her, und der Bugmann müht sich, ihn zu übertreffen:
mit der Wucht und der unfehlbaren Sicherheit einer rasch arbeitenden Maschine
fliegt das kleine Fahrzeug dahin. Selbst bei schwerstem Wetter kann ein
gedeckter Doppelzweier, in dem gut erzogene Mannschaft sitzt, nicht kentern.
Das bischen Naßwerden aber nimmt man lachend in Kauf, und das frohe
Bewußtsein, durch eigene Kraft Sieger im harten Kampfe geblieben
zu sein, ist köstlicher Lohn solch schwieriger und anstrengender Fahrt.
Doch, wohl verstanden, man geht nie mit der Absicht aufs Wasser, derartige
Heldenstücke zu vollbringen. Kein verständiger Ruderer kreuzt
bei starkem Westwind die Müggel. Hat ihn das Wetter unterwegs überrascht,
zieht Gewittersturm herauf, so meidet er auf jeden Fall die verrufenen
Stellen, das Rahnsdorfer, das Wolziger Gemünde, gewisse Böenecken
zum Beispiel, und läuft lieber auf Land. Bei den Seglern nimmt mans's
leider mit alledem nicht so genau. Da ziehen übermütig Totenkisten
mit vollem Zeug ins Wetter hinaus, da überfrachtet man die Fahrzeuge
mit Bekannten beiderlei Geschlechtes, die, sobald Gefahr im Verzuge ist,
an allen Ecken und Enden hindern; da nimmt man in gewissenloser Dummheit
arme Würmer von acht Wochen mit aufs Wasser, sperrt Frauen und Kinder
just dann in die Kajüte ein, wenn die schlichteste Ueberlegung das
Gegenteil anordnen sollte. Die Neigung gewisser Segler zu Schnaps und anderen
sorgenstillenden Getränken, die beim Rudersport während der Tour
einfach ausgeschlossen und unmöglich ist, diese unheilvolle Neigung
hat gleichfalls manches Unglück verschuldet. Man ist des trockenen
Tons auf Segelbooten gemeinhin allzu bald satt. Besonderen Tadel verdient
noch die üble Gepflogenheit, bei strammem Wind die Leine festzulegen.
Oft genügt da ein Ruck, eine rasch aufspringende Böe, um das
schwankende Fahrzeug zum Kentern zu bringen. Glücklicherweise giebt
es aber grade bei uns besonnene Segler genug, die, wie mein alter Freund
in Hankels Ablage, die Vorsicht lieber zu weit treiben, als sie zu vernachlässigen.
Der ließ, sobald er Unrat witterte, kurz entschlossen das Zeug fallen
und sich dann vom Winde treiben. Ihm ist nie ein Malheur passiert. Der
guten Einwirkung solcher Elemente gelingt es vielleicht im Laufe der Jahre,
die Unnüchternen und Drauflos-Protzen zur Vernunft zu bringen. Unfälle
werden dann nur noch bei Segelregatten zu verzeichnen sein, wo der heiße
Eifer, den Sieg an sich zu reißen, die bedächtige Ruhe naturgemäß
in den Hintergrund schiebt, wo dann aber auch immer Retter und Helfer in
Scharen parat stehen....
In majestätischer Pracht, wie es gekommen war, zog das Gewitter
davon. Schwarz blinkend, von keinem Lufthauch bewegt, lag die Fläche
des Zeuthener Sees da; von dem finstern Schwarz des Himmels ging nur hier
und dort ein graues Wölklein los und machte die unheimliche Großartigkeit
der Bilder noch wirkungsvoller. Alles war von schwerem, bläulichem
Wasserdampf umsponnen: die schmucken Villen und niedrigen Bauernhäuser,
Wirtschaften und Fischerbuden am Ufer, die Schmöckwitzer Zugbrücke,
deren lustige Silhouette heute gar trübselig drein schaute; weiter
hinten die Müggelberge. Dann und wann schwänzelte noch ein Blitz
durchs Gewölk, und ferner Donner grollte wie ein Raubtier, das halb
hungrig vom Raubzug in seine Höhle zurückgekehrt war. Wo Berlin
lag, zeigten sich die blauschwarzen Regenstriche, und hinter uns .... hinter
uns welche unbändige, unbegreifliche, funkelnde Herrlichkeit! Auf
dem schieren Sande der Hügel vom Wilhelmsblick liegt heller, goldener
Sonnenglanz. Der Sand flammt auf, wie von innerem Feuer durchglüht,
er gleißt und prunkt wie der Nibelungen Hort, und über den Höhen,
zu ihren Füßen, zu beiden Seiten glotzt die blauschwarze, gespenstische
Wolkenfinsternis, die tote, dunkle Wasserfläche. Das ist ein so wilder,
gewaltiger Effekt, daß unsere Rudersleute für eine Minute die
Skulls sinken lassen und wie verzaubert in das Wunder starren. Rasch verblaßt
und versinkt dann die Vision. Wieder streicht schwüler Gewitterwind
übers Wasser - "eins drauf!" hallt das Kommando. Wir wollen Schmöckwitz
erreichen, ehe der neue Guß niederrauscht. Es ist fünf Uhr Nachmittags,
Nachmittags im Juli, aber in den Schmöckwitzer Tanzsälen brennen
die Lampen, und wenn die bunten Mädchenblumen sekundenlang in der
Thür erscheinen, um die vom Walzer erhitzten Gesichter zu kühlen,
dann kommt uns die spukhafte Dunkelheit der frühen Gewitternacht mit
ihren malerischen Wirkungen noch einmal deutlich zum Bewußtsein.
Sieben Tote dort drunten in den grauen Fluten des Großen Zugs, sieben
stille Menschen, die heute Morgen noch fröhlich waren wie diese, denen
junges Glück aus blauen und braunen Augen sprüht, und die alle
Lust des Lebens jauchzend auskosten. Am farbigen Abglanz haben wir das
Leben. - Komm, Mädel, tanzen wir eins 'rum! sagt unser Jüngster
zu der Blonden. Er zitiert Lenau, den großen Schwermutsvollen, ohne
es zu wissen. Auch ein Symbol!...llerndes, geflügeltes Gewürm
schwirrt durch die wasserdampfgetränkte Luft. Nun wundert es Dich
nicht mehr, wenn Du zuletzt in ein Rinnsal gelangst, das vor zehntausend
und mehr Jahren ein Fluß, so breit wie heute die Havel, war. Zu beiden
Seiten ragen die alten Ufer, jetzt mit Kienen und Unterholz bestanden,
auf; ganz deutlich erkennt man das majestätische alte Bett. Schauer
der Vorwelt wehen Dich an, nun die warme Nacht herniedersinkt und die Träume
erwachen ...
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