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Aufsätze > Die kleine Umfahrt
(von Richard Nordhausen, unter seinem Pseudonym Max Kempff erschienen im "Berliner Lokal-Anzeiger" 1901/02)
Was sich in einem Doppelzweier alles verstauen läßt, und
was er in unerschöpflicher Geduld alles an Bord nimmt, das ist schwer
zu singen und zu sagen. Wollte man die Nahrungsmittel, die Getränke
und Gerätschaften, die schützenden Mäntel und den unterschiedlichen
Krimskrams, der bei einer Tagesfahrt mitgeschleppt wird, säuberlich
auf genauer Liste verzeichnen, so ergäb's einen Folianten, den jeder
Walzer-Verleger mit innigen Lustgefühlen betrachten würde. Nansen
und Prinz Ludwig Amadeus von Savoyen, die sich so vortrefflich auf gewissenhafte
Verproviantierung ihrer Nord- und Südpol-Schiffe verstehen, haben
wahrscheinlich in grauer Vorzeit bei uns mitgerudert; anders wäre
der Ursprung ihres Talentes nicht erklärlich. Man muß Moritz
sehen, wenn er in der Morgenfrühe zum Bootshaus gekeucht kommt, mit
einem gewaltigen Tornister aus den Freiheitskriegen beladen: keusch verhüllte
Wurstungetüme lugen an allen Ecken und Enden hervor, während
die Tiefe andere köstliche Leckerbissen fleischlicher Natur in fast
unbändiger Fülle birgt. Stammte der Tornister nicht aus den Freiheitskriegen,
wo noch ein solides Stück Arbeit geliefert wurde, so wären unterm
Druck dieser Viktualienmassen seine Nähte längst geplatzt. Auch
Max zählt keineswegs zu den Vegetariern. Immerhin hat er eine unwiderstehliche
Neigung zu jungem Gemüse, die ihm seine Frau Mutter Sonnabends kocht,
in wohlverschlossenen Konservengläsern, mitunter auch in Milchkannen
verpackt, und die ihm dann, auf dem Spirituskocher erwärmt, ein festliches
Sonntagsmahl bieten. Was den Steuermann anbelangt, so vertraut er blindlings
der überlegenen Weisheit Lenchens: Lenchen ist seine verlobte Braut,
und liebend versieht sie ihn mit Schleckereien, die regelmäßig
den geschwollenen Neid der übrigen Mannschaft erwecken. Ganz besonders
in Hinblick auf die Quantität. Der Steuermann pflegt sich auch strebend
um den Biervorrat zu bemühen, ohne den ein Mittagsbrot im Ufergras
schlecht denkbar ist, und da er bei jeder Abfahrt schlechtes Wetter prophezeit,
auch ein drei- bis vierstündiges Mittagsschläfchen im Grünen
der schönsten Arbeit vorzieht, so vergißt er der wärmenden
Decken und Mäntel nicht.
Die schon in ihren Vorbereitungen so lustigen Lagerfahrten werden
bedauerlicherweise von den großen Berliner Ruderklubs nicht so mit
rechtem Nachdruck betrieben. Erst der Märkische Ruderverein hat hier
Wandel geschaffen. Man scheute früher die Unbequemlichkeiten, den
umständlichen Apparat, den sie erfordern, und zog es vor, nach der
Ankunft am Ziel den Gastwirt für des Leibes Nahrung und Notdurft sorgen
zu lassen. Ja, wenn ich nicht irrig bin, sehen manche von Jenen, die sich
aus einigermaßen dunklen Gründen für Wasseraristokraten
halten, mit etlicher Verachtung auf die fröhlichen Gesellen herab,
denen es an Waldes und Flusses Rand so ungebührlich gut schmeckt.
Nun kann man Wochentags durchaus ein verwöhntes Menschenkind sein
und gerade deshalb auch Sonntags die Restaurantkost fürchten. Wenigstens
die Restaurantkost in manchen Gegenden unserer Umgegend. Oder man kann,
nach den sechs Tagen der häuslichen Fleischtöpfe besonderes Gefallen
an solch einer keck und rasch improvisierten bei aller Einfachheit vortrefflichen
Mahlzeit finden. Wie dem immer sei: Max und Moritz benutzten jeden halbswegs
regenfreien Sonntag zum Abkochen, der Steuermann aber hält es für
seine Pflicht, sich durch die schmackhaften und großen Portionen,
die Lenchen ihm mitgiebt, dauernd an sie erinnern zu lassen und sich würdig
auf die stillen Freuden des Ehestandes vorzubereiten.
Ein Anfänger rudert heute auf dem Bugsitz, während Moritz
sich dem Steuermann gesellt hat und mit Argusaugen die Form des Neulings
prüft. Noch hapert es hier und da mit dem Plattdrehen, der Einsatz
der Skulls ins Wasser läßt zu wünschen übrig und dies
vor allem, "Nummer Eins arbeitet zu sehr aus den Armen." Es ist gut, daß
Moritz aufpaßt, denn der Steuermann hat einen seiner müden oder
gedankenreichen Tage. Er dämmert vor sich hin, und auf dem Seddin
ist das möglich. Da kommt es auf eine Abweichung vom Kurse nicht wesentlich
an. Nur den Segelbooten darf man nicht allzu nahe kommen, und Moritz darf
nichts merken, der gegen Versteuerungen sehr empfindlich ist. Aber den
beschäftigt heut ganz und gar Nummer Eins. "Halten Sie doch den Kopf
gerade", sagt er eben, "es sieht ja aus, als spielten Sie Fangball damit
und würfen ihn sich von einem Ufer zum andern zu." Der Neuling neigt
ergeben den gescholtenen Kopf auf die Brust, was ihm wieder die Mahnung
einträgt, ruhig der Außenwelt ins Gesicht zu schauen. "Denn
Sie werden doch hoffentlich nicht steckbrieflich verfolgt?"
Die Ufer verengern sich, der Wald verschwindet, Wiesen treten
heran, und die Fahrstraße wird seichter. Jetzt hält der Steuermann
es für geboten, seinen Träumen Valet zu sagen. Das Boot fährt
in den Gosener Graben ein, dessen launische Windungen und Krümmungen
hohe Aufmerksamkeit erfordern, und der zuweilen nur eben für beide
Skulls Platz läßt. Anfangs allerdings, da geht es noch zur Not.
Zwar wimmelt das Wasser von saftigem Kraut, und grün dehnt sich das
träge Rinnsal. Die breit ausladenden Aestchen und Zweiglein der Pflanzen
durchziehen es kreuz und quer; fast könnte man glauben, in das erste
Entwickelungsstadium eines Torfstiches geraten zu sein. Doch wenn die Skulls
auch bei jedem Schlage von üppigem Grün umrankt werden --man
kommt zur Not noch vorwärts. Hinter der Brücke, wenn wir die
ganz entzückend an der Waldgrenze gelegene Unterförsterei Fahlenberg
passiert haben, wird es anders. Ruderer und Steuermann müssen jetzt
gut Acht geben. In Schlangenlinien schleicht der Graben durchs Wiesengelände,
und so niedrig ist dabei, jetzt zur Hochsommerzeit, der Wasserstand, daß
man bequem neben dem Boot einhergehen kann, nur Schuhe und Strümpfe
auszuziehen braucht. Die Tricots werden dabei nicht naß. Immer dichter
ballt sich das Kraut zusammen; hier und da ist es fast unentwirrbar verfilzt
und hemmt gewaltig den Lauf des Fahrzeuges. Niemals darf auch nur eine
Minute lang zu kräftigem Schlage eingesetzt werden. Um nicht aufzulaufen,
schiebt sich der Zweier ganz langsam, matt und müde, durchs Gestrüpp.
Wiederholt braucht der Steuermann bei jähen Wendungen die Hilfe der
Ruderer, um lenken zu können. So geht es an den prächtigen Wiesen
hin, deren schwarzes Erdreich die Vertorfung anzeigt, manchmal durch kleine,
tümpelartige Erweiterungen, die Schilfränder tragen und auf denen
sich Mummeln und Wasserlilien zu Hunderten schaukeln. Ein schwüler,
leicht betäubender Duft von Heu und stark aromatischen Pflanzen, die
in der hellen Mittagssonne ihr Parfüm verschwenderisch verausgaben,
schwebt beständig über dem Boot. Man muß, um den berauschenden
Zauber dieser Fahrt auszukosten, in fauler Ruhe hinten am Bug liegen und
die Arbeit anderen überlassen können. Da gleitet der Blick durch
die blühende, bunte Herrlichkeit des Wiesenlandes, das sich grenzenlos
in die Bläue hinein auszudehnen scheint. Wundersame, wohlriechende,
farbenprangende Einsamkeit. Die Ufer mit ihrer fetten Erde tragen in jeder
Jahreszeit andern Blumenschmuck; wenn die ersten Vergißmeinnicht
erscheinen, versäumt der Steuermann niemals, einen gewaltigen Buschen
davon für Lenchen zusammenzuraffen. Heute streicht er haarscharf an
schlanken Wasserlilien vorbei, die wie aus feinem Porzellan gearbeitet,
unbeweglich auf der trüben Flur stehen. Moritz muß sie mit geschicktem
Griff abreißen und zu einem Strauße binden. Nur schade, daß
die bewußte junge Dame abends verwelkte Schönheiten sieht. Wasserlilien
sollte man da prunken lassen, wo "ein lieblicher Gedanke ihr Haupt hin
und her wiegt"; sie erfreuen dann Hunderte mit ihrer Anmut, während
die gepflückten sofort zu Grunde gehen.
Eine goldene Wolke von seltsam süßen und wilden Düften,
seltene Pflanzen, die man sonst blos noch im Spreewald findet; Blätter,
breit und fabelhaft, und die Empfindung, daß man ein uraltes Gebiet
durchstreife, einem Graben, darauf der Einbaum schwamm, den der Wendenjüngling
zur Liebsten ruderte, auf dem der praktische Wendenvater Hechte angelte;
eine Wiese, in deren Gestalt und Wachstum sich nichts geändert hat
seit tausend Jahren - alles das leiht dieser Fahrt melancholisch-süßen
Reiz...
Nun ist der Dämeritzsee erreicht. Aus seinen Baumkronen lugt
Erkner hervor, die freundliche Hauptstadt des grünen Wald- und Seengebietes,
das sich nach Rüdersorf hinauf erstreckt und auf einsamen Pfaden dem
überraschten Wanderer unaufhörlich neue Bilder märkischer
Schönheit vor Augen rückt. Heute wenden wir dem gastlichen Orte
den Rücken. Es ist auch für uns Ruderer das Eingangsthor von
lange nicht genügend gewürdigten landschaftlichen Wundern, aber
der heiße Tag ladet zum Bade. Und recht con amore in der kühlen
Flut herumplätschern, schwimmen und tauchen, mit den Genossen erbitterte
Wasserschlachten ausfechten und nachher im sonnenheißen, von der
Sonne gebleichten Sande ein zweites, erquickliches Luftbad nehmen - das
ist nur an der Müggel möglich. So lassen wir Hessenwinkel, die
groß geplante Villenkolonie, die leider nicht recht emporkommt, steuerbords
liegen und schießen mit der starken Strömung hurtig den Rahnsdorfer
Graben hinunter, zu dem sich die Spree zwischen dem Dämeritz und der
Müggel verengt. Wenn wir Abends ins Bootshaus zurückgekehrt sind,
rotbraun gebrannt, an Leib und Seele wunderbar erfrischt, dann trägt
der Steuermann stolz ins Fahrtenbuch ein: Bei 24 Grad im Schatten die kleine
Umfahrt gemacht. Als ob auf dem Wasser die Temperatur jemals etwas zu bedeuten
hätte!
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