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Aufsätze > Intermezzo
(von Richard Nordhausen, unter seinem Pseudonym Max Kempff erschienen im "Berliner Lokal-Anzeiger" 1901/02)
Die Romanschreiber der Biedermeierzeit ließen ihre Helden gern
in der Postkutsche beschauliche und weise Unterhaltungen führen. Seitdem
die Lokomotive erfunden worden ist, dies erste und vollkommenste Automobil,
sind die Fahrdialoge einigermaßen aus der Mode gekommen. Fühlt
ein moderner Dichter sich veranlaßt, ausschweifende Gespräche
über allerlei Welträtsel und Ewigkeitsprobleme in den Gang der
Handlung einzuschieben, so wählt er als Schauplatz dafür lauschige
Boudoirs im Sezessionsstil oder gletscherumstarrte Alpen-Schutzhütten.
Die Postkutsche hat ausgedient.
Indessen hier und da feiert sie als sogenannter Stellwagen eine
fröhliche Auferstehung. Im grünen Gebirge, das noch keine Eisenbahn
durchrattert, erleichtert der Stellwagen dem Wanderer das Fortkommen auf
den nicht immer reizvollen Chausseen, und während die Beine ruhen,
arbeiten die Gedanken um so lebhafter. Und man tauscht sie gern gegen die
der Nachbarn aus, immer vorausgesetzt, daß man gerade welche bei
sich hat, Gedanken und Nachbarn. Wir fuhren von Cortina d'Ampezzo nach
Schluderbach zurück, und freundlich gaben uns Tofana, Monte Cristallo
mit seinen erhabenen Zinnen und blauleuchtenden Eisfeldern das Geleit.
Jemand meinte begeistert, es gäbe keinen Sport, der auch nur annähernd
so stolz und vornehm und gesund wie die Bergsteigerei wäre. Da lächelte
aber der stattliche Graukopf an meiner Seite.
"Haben Sie einmal im Vierer gerudert?"
Da war also ein Sportskollege auf der weißen Landstraße
zwischen Cortina und Schluderbach! Und wir saßen im Stellwagen, der
ernsthafte Männergespräche just so begünstigt wie der abendliche
Stammtisch. Unser Graukopf begann auch sogleich, breit ausladend, von seiner
Rudervergangenheit zu erzählen und den Grünlingen rundum die
besonderen Vorzüge des Wasserlebens anzupreisen. "Ganz neue Muskeln
bekommen Sie, sag' ich Ihnen, Muskeln, die Sie früher nie bemerkt
haben. Am Oberarm, im Rücken, an den Beinen. Kurz, ein anderer Mensch
wird aus Ihnen. Sie fühlen sich körperlich wie neugeboren. Allerlei
Beschwerden und Gebrechen verschwinden, die mit der üblen Stubenhockerei
zusammenhängen und die ein den Organismus einseitig in Anspruch nehmender
Sport nicht entfernen kann. Tiefer, gesunder Schlaf, reger Appetit sind
die ersten Folgen -"
"Und erfreulicher Durst" warf ich ein.
Er nickte bedächtig. "Sämtliche Leibesfunktionen werden
geregelt, der ganze Kerl wohlthätig revolutioniert. Der Umstand, daß
die Ruderei sozusagen jeden Nerv und jeden Muskel in Anspruch nimmt, das
ist ihr Bedeutsames, Unerreichtes. Das macht ihr kein anderer Sport nach.
Sie glauben nicht, wie ich in dem Bergnest, wohin ich seit zehn oder elf
Jahren versetzt worden bin, dies geliebte Vergnügen entbehre. Nur
im Traum kann ich's noch ausüben - und wahrhaftig, das sind immer
Träume, die mich dann den ganzen Tag über erquicken."
Ich fragte ihn, auf welchem Wasser er früher gelegen habe.
Auf der Drau. Die Strömung dort war allerdings so reißend,
daß man im Vierer bestenfalls vier Kilometer stündlich gemacht
habe. Aber dann die Rückfahrt! Wozu bei der Bergfahrt fünf Stunden
gebraucht wurden, dazu bedurfte es thalwärts keiner drei Viertelstunden.
Die Riemen platt auf der grüngelben Flut, so schoß das Boot
zwischen den prächtigen Ufern dahin. Freilich, der Steuermann hatte
alle Ursache, scharf aufzupassen; sonderlich die Brückenpfeiler und
die jähen Krümmungen des Flusses, bei denen es ohne wilde Winkel
und Rücksteuerung nicht abging, verlangten feste Hand und scharfes
Auge von ihm.
"Wie die Dinge lagen, fanden sich bei uns selbstverständlich
immer nur verhältnismäßig wenige Ruderfreunde," fuhr der
Nachbar fort. "Den meisten waren diese Touren doch zu anstrengend und gefahrvoll.
Ueber achtzig Mitglieder hat es unser Club nie gebracht."
Ich meinte, das wäre schon eine ganz hübsche Ziffer.
"Lächerlich!" Er wurde ordentlich unwirsch. "Die ganze Jugend
der Stadt, die noch nicht völlig gealterten Männer dazu sollten
Sonntags im Boote sitzen! Es giebt keinen zuverlässigeren Lebensverlängerer,
keine bessere Heilmethode für alle möglichen Leiden als die Ruderei.
Und ich bin überzeugt, in Reichsdeutschland, wo Sie die wunderbaren,
breiten Flachlandströme haben, zählen Ihre Sportskollegen nach
Hunderttausenden."
Der Graukopf hatte wohl Grund zu solchen Schätzungen. In
Klagenfurt, der lieblichen Hauptstadt Kärntens, mit seinen 20 000
Einwohnern, bestehen drei Rudervereine, deren größter über
zweihundert Mitglieder besitzt. Wäre in Berlin, wo die Verhältnisse
doch ungleich günstiger liegen, besonders für die Wanderruderei,
wäre in Berlin auch nur dasselbe Interesse am Wassersport rege, so
brächte die Zwei-Millionenstadt sicherlich Sonntag für Sonntag
an die 40 000 Ruderer auf die Beine. Statt dessen aber betreiben etwa 2500
Mann unsern Edelsport, und auch davon steigt weitaus der größere
Teil nur hin und wieder, mit wochenlangen Unterbrechungen, ins Boot. Das
sind beschämende Ziffern. Der alte Drau-Ruderer vermochte sich nicht
mit ihnen abzufinden.
"Eine Schande!" rief er. "Wahrhaftig, eine Schande! Ich kenne
doch Berlin, ich weiß doch, wie Sie vor allen anderen Städten
gesegnet sind mit wunderbaren Wasserflächen; wie, wenn irgendwo, bei
Ihnen alle Vorbedingungen für die Blüte der Sportruderei gegeben
sind. Und nun kommen Sie mir mit einer solchen jämmerlichen Statistik!"
Ich erwiderte ein bischen bedrückt, daß es an Gründen
und Entschuldigungen für die Fernbleibenden nicht fehle. Einmal, und
das sei die Hauptsache, stehe die Ruderei im Rufe, viel Geld zu kosten,
durchaus ein Vergnügen für Wohlhabende zu sein. In den Berliner
Ruderklubs, die einen geachteten Namen haben und wegen ihrer tüchtigen
Leistungen bekannt seien, erhebe man sehr hohe Eintrittsgebühren und
Monatsbeiträge, ganz abgesehen von den außergewöhnlichen
Umlagen und Geldopfern, die bei allen möglichen Gelegenheiten verlangt
werden. Man arbeitet eben mit zu gewaltigen Kosten. Vornehmlich die Beteiligung
an den Regatten verschlingt große Summen und belastet die Gesamtheit
wie den Einzelnen schwer.
"Niemansd wird etwas gegen die Regatten haben," entgegnete der
von der Drau. "Aber sie dürfen doch die Hauptsache, die Wanderruderei,
nicht hemmen oder gar völlig unmöglich machen."
"Weil nun die bestehenden Vereine in pekuniärer Beziehung
beträchtliche Anforderungen an ihre Mitglieder stellen, so überkommt
die Herren sehr bald ein gewisses stolzes Bewußtsein der Exklusivität,"
erklärte ich weiter. "Sie halten sich für besser als Hinz und
Kunz, die auch für ihr Leben gern rudern möchten, bei denen es
aber mit dem kleinen Geld dann und wann hapert. Und so wachsen denn die
Gegensätze. Es giebt da Bestimmungen und Gepflogenheiten, die aus
sozialer Verständnislosigkeit hervorgegangen sind, immerhin den herrschenden
Geist trefflich spiegeln: Niemand darf beispielsweise an der offiziellen
Berliner Regatta teilnehmen, der sich durch seiner Hände Arbeit ernährt.
Ich bitte Sie - eine solche Regel im 20. Jahrhundert und elf Jahre, nachdem
Kaiser Wilhelm, der Schutzherr und unermüdliche Förderer unseres
Sports, ausdrücklich betont hat, die Arbeiter seien ebenso vollwertige
Bürger und ihm ebenso lieb wie alle anderen! Kein Wunder, daß
derartige Unklugheiten oder Gedankenlosigkeiten Haß und Hader erwecken,
die Politik in den unpolitischen Sport tragen und die Gründung sozialdemokratischer
Rudervereine bewirkt haben. Kein Wunder, daß in manchen Kreisen sogar
die Tourenruderei, auf der sich ja freilich beim besten Willen nicht allzu
viel Geld ausgeben läßt, scheel und mit gerümpfter Nase
angeblickt wird. Die Tourenruderei, in der doch alle Schönheit, aller
Frohsinn, aller gesundheitliche Nutzen unseres Sports gipfelt!"
"Wenn's nur richtig angefaßt wird - ich glaube, daß
die Dinge sich bessern lassen."
"Zweifellos. In Tausenden von wackeren Berliner Jungen ist die
Lust und die Sehnsucht nach dem Wasser rege. Ihnen braucht man nur die
Hand entgegenzustrecken, und sie werden kommen. Wer aber einmal bei der
Ruderei war, den läßt sie nicht mehr los! Das haben Sie an sich
selbst erfahren. Zu überwinden sind eben nur zwei Schwierigkeiten.
Die Unkosten für den Einzelnen müssen in vernünftigen Grenzen
bleiben und sich seinem finanziellen Vermögen anpassen. Gleichzeitig
muß mit dem Vorurteil gebrochen werden, daß die Ruderei nicht
ebenso volkstümlich wie z. B. das Radfahren sei, dem doch bei weitem
nicht ihre Vorzüge eignen und das, verstehen Sie mich recht, bedeutend
teurer ist."
"Es wäre also nur nötig, daß bei Ihnen ein paar
entschlossene, thatkräftige und volksfreundliche Männer die Sache
in die Hand nähmen? Nun, das sollten Sie thun. Sie verdienten sich
Gottes Lohn damit. Wissen Sie, wie wir unseren Ruderklub zu Stande brachten?
Wir sammelten im Freundeskreis, feierten Feste und thaten die Ueberschüsse
in die Sparbüchse, bis endlich ein Fonds vorhanden war. Dann haben
wir gebaut, und es ging gut voran."
"Solche Männer werden sich auch bei uns finden, hoffe ich.
Es muß möglich sein, ein kleines Kapital zusammenzubringen und
mit seiner Hilfe, sowie aus bescheidenen Mitgliedsbeiträgen - etwa
drei Mark monatlich - die Grundlage für eine ausgedehnte Berliner
Wanderruderei zu schaffen. Eine burschikose, jugendfrische Wanderruderei,
die ihren Zweck in sich selbst findet. Wir dürfen den Schatz, den
uns die Natur vor die Thore der Hauptstadt gelegt hat, nicht länger
unbeachtet und unbenutzt lassen. Handelt es sich doch nicht allein um eine
Frage sportlichen Vergnügens, sondern auch der Volksgesundheit, sogar
im übertragenen Sinne. Wer seine Sommersonntage unter Gottes blauem
Himmel verbringt, in stählender, alle Mannestugenden weckender Thätigkeit,
wer hier Körper und Geist für die Last der Woche auffrischt,
der ist ein Einser mehr bei der Zählung unseres Nationalreichtums.
Noch in seinem Vergnügen dient er sich und der Gesamtheit."
Die stolzen, roten Wände der Hohen Gaiß stiegen auf,
Schluderbach war erreicht, und unsere Wege trennten sich. "Ich komme übers
Jahr wohl nach Berlin", sagte der rüstige Graue beim Abschied. "Statt
der zweitausend Ruderer hoffe ich dann mindestens viertausend zu sehen,
und keine Havelbucht, keinen blauen See im Spreegebiet ohne braune Wanderruderer!"
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